Angels Forever

24.10.2014  |  Text: Michael Ahlsdorf  |  
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Achtung: Das ist kein neues Colour! Die Stuttgarter Hells Angels präsentieren ein Abzeichen, das sie nur zu passenden Gelegenheiten tragen werden – und zwar zum Zeichen des Protests Seit dem 29. Juli besteht auch in …
Achtung: Das ist kein neues Colour! Die Stuttgarter Hells Angels präsentieren ein Abzeichen,
das sie nur zu passenden Gelegenheiten tragen werden – und zwar zum Zeichen des Protests

Lutz, President Hells Angels MC Stuttgart: „Das neue Rückenabzeichen ist nicht unser neues Colour. Wir tragen es nur gelegentlich zum Protest. So geben wir den Innenministern was zu denken. Und wir zeigen, dass wir immer noch da sind!“Seit dem 29. Juli besteht auch in Baden-Württemberg ein Verbot für das Hells Angels-Colour. Aber die wenigsten wissen, dass die Stuttgarter Hells Angels so ein Verbot schon zum dritten Mal erleben. In Deutschland bildete der Hells Angels MC Stuttgart im Jahr 1981 den zweiten Charter nach Hamburg. Unmittelbar nach dem Hamburger Verbot von 1983 hatte er sich zum ersten Mal Gedanken über ein Colour-Verbot machen müssen. Zu Anfang der 80er Jahre trugen seine Member einige Zeit statt des „Germany“ Bottomrockers zum ersten Mal den Schriftzug „Stuttgart“.
Das gleiche galt zu Anfang des Jahrtausends für ganz Deutschland. Seitdem hatten alle deutschen Charter den „Germany“-Schriftzug abgelegt und sie trugen stattdessen die Namen ihrer Charter auf dem Rücken.
Und jetzt zum 29. Juli 2014 folgte das dritte Verbot. Diesmal gilt es unabhängig vom Bottomrocker grundsätzlich für den Toprocker-Schriftzug „Hells Angels“ und das Hells Angels-Logo, den „Death Head“ genannten geflügelten Totenschädel. „Das drückt nicht die Stimmung“, sagen die Hells Angels, „aber es nervt.“

Das neue Abzeichen

Mit ihrer traditionellen „End of the Road“-Party zeigten die Hells Angels, dass die ihre Szene in Stuttgart noch immer da ist. Und um das wirklich allen klarzumachen, luden sie vor der Party zu einer Pressekonferenz. Dort zeigte President Lutz ein neues Abzeichen, das seine Brüder nun zu passenden Gelegenheiten tragen werden, um auch auf der Straße klarzustellen, dass die Hells Angels nicht verschwunden sind.
Die Hells Angels treten in Stuttgart jetzt auch unter den Schriftzügen “Angels Forever MC Stuttgart“ auf. Sie verstehen das Abzeichen als „Protest-Gewand“. Es ist also nur ein Abzeichen für eine Übergangszeit, kein neues Colour. Mehr dazu im Interview, das wir am Rande der Party mit Lutz führten.

BN: Lutz, die Kommentare der bürgerliche Presse zum Verbot eures Colours waren teilweise bissig. Die „Schwäbische“ vermerkte am 5. September, der Innenminister von Baden-Württemberg, Reinhold Gall, würde euch die Flügel stutzen.

Lutz: Beim Stutzen muss man aufpassen, dass man sich nicht in die Finger schneidet. Erfahrene Landmänner wissen, Stutzen will beherrscht sein, sonst kommt es zu Bruchlandungen.
Spaß beiseite. Aber ich finde es schon komisch, dass ein Minister erst die Generalstaatsanwaltschaften prüfen lässt, um sich dann drei Wochen später über deren – für ihn unbefriedigendes Ergebnis - hinwegzusetzen.
Er hat bestimmt Wichtigeres zu tun als Jagd auf Totenköpfe und Engelsflügel zu machen. Den Schriftzug „Hells Angels“ und den geflügelten Totenkopf versucht man uns auf fragwürdiger Rechtsgrundlage unter Androhung von „Null-Toleranz“ zu nehmen. Wir begegnen dieser ministeriellen Stichelei mit Gelassenheit. Es handelt sich um Kosmetik, um ein polizeiliches Placebo. Das letzte Wort wird noch gesprochen werden. Warten wir ab, wer zuletzt gestutzt dasteht.

Protest-Gewand! Das neue Abzeichen unter dem Namen „Angels Forever MC Stuttgart“ wird den Fotografen präsentiert

„Wir verstecken uns nicht, wir sind für jedermann sichtbar.“

BN: Die Polizeiführung wirft dir und dem Hells Angels MC Stuttgart organisierte Kriminalität vor.

Lutz: Für mich nicht nachvollziehbar. In meinem Charter gibt es keinen einzigen Member, der auch nur ein Strafverfahren am Hals hat.
Als Fotograf und Betroffener kann ich da nur einen Fehler in der polizeilichen Optik konstatieren. Es handelt sich um die bewusste Verschiebung des Bildes der organisierten Kriminalität von den wirklichen Problemfeldern hin zu uns, den Rockern.
Wir verstecken uns nicht, wir sind für jedermann sichtbar. Wir fahren bei Tageslicht auf den Straßen, im polizeilichen Hellfeld sozusagen. Uns gegenüber lässt sich Polizeiarbeit gut demonstrieren, im Unterschied zu den mühsam aufzuklärenden Dunkelfeldern echter organisierter Kriminalität. Dort beträgt die Kriminalität ein Vielfaches des statistisch Erfassten, dort gehen die Jahr für Jahr verursachten Schäden in die Milliarden, dort sind die polizeilichen Erfolge bescheiden.

BN: Warum dann das Ganze?

Lutz: Das Innenministerium steht unter Druck. Seit Jahren wird reformiert und bei der Polizei gespart. Auf der Suche nach Erfolgen wird das für jedermann Sichtbare für kriminell erklärt. Dann schreitet man öffentlichkeitswirksam zur Bekämpfung – immer mit den Medien vorbereitet und von ihnen begleitetet. Das ist eine Art In-Sich-Geschäft, wie ein Hollywood-Film, der vom Filmen in Hollywood erzählt. Darüber kann man angesichts knapper Ressourcen nur den Kopf schütteln. Der polizeilichen Statistik mag diese Selbsttäuschung gut tun. Aber zusätzliche Reserven, die man mit der Polizeireform gewonnen hat, wenn es solche wirklich gab, werden auf diese Weise leichtfertig verbraten.
Den Gewinn an realer Sicherheit darf man mit Null veranschlagen. Und diese Null wird dann publikumswirksam verkauft. Das erinnert mich an eine schlechte Showeinlage. Den ministeriellen Presseleuten scheint nichts Besseres einzufallen. Eine ministerielle Luftnummer. Seit Jahren fehlende Investitionen in Personal und Material lassen sich damit nicht ersetzen

Die Stuttgarter Hells Angels und die Rechtsanwälte Albrecht junior und senior auf der Pressekonferenz

„Das neue Rückenabzeichen ist nicht unser neues Colour!“

BN: Ihr habt heute ein neues Abzeichen präsentiert. Trifft euch das Verbot eures Schriftzugs und des geflügelten Totenkopfs?

Lutz: Das Verbot drückt nicht die Stimmung, aber es nervt. Wir fühlen uns belästigt, mehr nicht. Das Urteil des OLG Hamburg, auf das sich die Innenminister der Länder entsprechend einer internen Absprache berufen, bestätigt ausdrücklich unser Recht, neue Vereinigungen und neue Charter der Hells Angels zu gründen.
Seit sich die Polizei in diese Verbotsaktion verrannt hat, haben wir vermehrten Zulauf. Im Ergebnis werden wir bundesweit neue Charter gründen. Unser Zuwachs ist beeindruckend. Wir werden stärker, nicht schwächer.
Das neue Rückenabzeichen, das wir heute präsentiert haben, ist deshalb auch nicht unser neues Colour. Es ist nur ein Abzeichen für eine Übergangszeit. Wir tragen es also nur gelegentlich zum Protest. Vor allem spielen wir damit den Ball zurück: So geben wir den Innenministern was zu denken. Und wir zeigen, dass wir immer noch da sind!
Hells Angel sein ist keine Frage von Lederjacken, Aufnähern oder Symbolen. Hells Angel sein ist Gesinnung und Überzeugung. Was in den Köpfen stattfindet, das lässt sich nicht verbieten.
Etwas Gutes haben diese Verbote aber vielleicht: Sie werden die aussortieren, die sich nur unter einem Rückenabzeichen stark gefühlt haben. Da sind ja in den letzten Jahren einige in die Szene gekommen, die die Ideologie nicht leben.

BN: Die Polizei wirft euch vor, ihr wärt nicht kooperationsbereit.

Lutz: Wir sind grundsätzlich kooperationsbereit. Das bedeutet aber nicht, dass wir zu allem Ja sagen. Ich sage es noch einmal: Wir bekennen uns zu diesem Staat und zu seiner Rechtsordnung. Die gilt für Polizei und Bürger gleichermaßen. Wir sind bereit zur Kommunikation. Es ist die Polizei die auf „Null-Toleranz“ und „konsequentes Auftreten“ setzt. Statt Konfrontation wäre ein Aufeinanderzugehen der richtige Weg. Die Polizei-Oberen haben da Berührungsängste, die Beamten an der Front leiden darunter. Wir sind Nonkonformisten, Kriminelle sind wir nicht. Zu solchen sollen wir gemacht werden.

Lutz im Interview mit BIKERS NEWS

BN: Ihr habt Rechtsanwälte mit eurer Vertretung beauftragt. Was haben die vor?

Lutz: Wir haben Rechtsanwälte beauftragt, das ist richtig. Der Kontakt zum Innenministerium ist hergestellt. Wir suchen das Gespräch, die Kooperation im Rahmen geltenden Rechts. Was Recht ist, bestimmen im demokratischen legitimierten Rechtsstaat nicht die den Weisungen des Innenministeriums unterstehende Polizei und Staatsanwaltschaft, sondern unabhängige Gerichte. Vor diesem Hintergrund sind Rechtsanwälte für uns tätig. Weiteres zu gegebener Zeit. Ich möchte möglichen Ergebnissen der Tätigkeit unserer Rechtsanwälte mit Erklärungen nicht vorgreifen.

BN: Die Polizei beruft sich auf Gewährleistung von Sicherheit.

Lutz: Diese Aufgabe der Polizei wird von uns nicht bestritten. Sie sollte nur dort wahrgenommen werden, wo echte Gefahren drohen. Von meinem Charter, dem Hells Angels MC Stuttgart, gehen solche Gefahren nicht aus. Wenn man bei der Polizei konkret nachfragt, ist das Ergebnis eine Fehlanzeige.
Wir werden ohne Grund pauschal kriminalisiert. Das müssen wir uns nicht gefallen lassen. Recht darf auch dann nicht suspendiert werden, wenn es um Sicherheit geht. Für uns ist die Gewährleistung größtmöglicher Freiheit die primäre Aufgabe des Staates. Zu dieser Freiheit gehören zum Beispiel auch das Motorradfahren mit schweren Maschinen und das Tragen von Lederjacken. Dazu gehört auch das Zeigen unseres Kennzeichens, mit dem wir für jedermann erkennbar ausschließlich auf uns selbst, den Charter Hells Angels MC Stuttgart, hinweisen. Mit dieser Einstellung zur Freiheit befinden wir uns in guter Gesellschaft.

Die Szene ist bunt: Seit dem Colour-Verbot geben Hells Angels-Member sich auch mit vielen anderen Abzeichen und Schriftzügen zu erkennen

„Von uns Rockern muss sich der friedliebende Bürger nicht bedroht fühlen.“

BN: Warum hat die Polizei sich auf Rocker eingeschossen?

Lutz: Auslöser war ein Polizeieinsatz im März 2010 in Rheinland-Pfalz, bei dem ein SEK-Beamter in tragischer Weise zu Tode kam. Das wegen der Tat verfolgte Mitglied unseres Bonner Charters wurde vom Bundesgerichtshof wegen erwiesener putativer Notwehr freigesprochen.
Aber in der Folge wurde ein Strategiepapier erstellt, auf dessen Grundlage nun bundesweit eine Kampagne gegen Rocker gefahren wird. Ich mag es nicht behaupten, aber es riecht stark nach Revanche. Rocker als feindliches Motiv, man hofft das gut auch an Oma und Opa verkaufen zu können.
Als Fotograf kann ich nur sagen, ein gutes Motiv macht noch lange kein gutes Bild. Die Absicht lässt sich nicht verbergen. Die Pressestellen der Polizei sind dabei zu überziehen. Von uns Rockern muss sich der friedliebende Bürger nicht bedroht fühlen. Von Einbrecherbanden, von Kreditkartenbetrügern, von Cyberkriminellen, Extremisten und Terroristen schon. Maßnahmen gegen Rocker beginnen zu langweilen, sie verursachen Kopfschütteln. Kein gutes Bild.

BN: Jüngst kursierte da aber noch eine Pressemeldung, wonach ihr eure Mitglieder anweisen würden, besonders aggressiv gegen Polizei-Beamte vorzugehen.

Lutz: Dem Hells Angels MC Stuttgart ist so eine Anweisung nicht bekannt. Bekannt ist uns aber dieses polizeiliche Strategiepapier aus dem Jahr 2010. Das fordert nicht nur „proaktive Medienarbeit“ zur Erzeugung „hohen Ermittlungs- und Fahndungsdrucks“. Es fordert auch – ich zitiere nochmal – „offensives und konsequentes Auftreten“ und „niedrigschwelliges Eingreifen“ der Polizei gegen Mitglieder von Motorradclubs. Da kann ich den Ball also zurückspielen.
Dass aber gerade jetzt solche Meldungen kommen, ist doch kein Wunder. Wir wissen von vielen Polizei-Beamten, die genervt sind. Die müssen wegen uns jedes Wochenende in ihren Wannen sitzen, und sie haben keinen Bock, nun auch noch unsere Abzeichen auf „verboten“ oder „nicht verboten“ zu untersuchen. Die werden mit dem Gerücht, dass wir besonders aggressiv vorgehen würden, natürlich besser für Einsätze gegen uns motiviert.

BN: Wie geht es weiter?

Lutz: Wir werden euch unterrichten. Das vom Innenministerium verkündete Verbot des Schriftzugs „Hells Angels“ und das Verbot, den geflügelten Totenkopf in der Öffentlichkeit zu tragen, wird von uns toleriert. Gerichte werden über die Rechtmäßigkeit dieses Verbots entscheiden.
Wir haben es nicht eilig. Aber wir kriegen jetzt schon Bescheide über Einstellungen der ersten Verfahren wegen des Tragens von verbotenen Abzeichen. Die Staatsanwälte haben offensichtlich gar keinen Bock, sich mit der Sache zu beschäftigen.
Wie gesagt, dieses fragwürdige Verbot beschert uns reges Interesse. Wir werden von Tag zu Tag stärker. Inzwischen haben wir reagiert. Bis zur Klärung der offenen Rechtsfragen treten wir in der Öffentlichkeit auch mit dem Kennzeichen „Angels Forever MC Stuttgart“ auf. „Forever“ steht unter anderem für unsere unbeugsame Gesinnung. Wir bleiben auf der Straße.

„Die Verbotsverfügungen nennen kein einziges Mal die Delikte, die Rockern immer wieder unterstellt werden. Es geht also nie um Drogenhandel, Zuhältereien oder Schutzgelderpressungen.“

„Es kann ganz leicht jeden Club treffen, wenn ich mir die Verbotsverfügungen unserer Charter anschaue.“

BN: Diesmal betrifft das Colour-Verbot ja nicht nur euch, sondern einige andere Onepercenter. Viele Biker aus kleineren Clubs betrifft das aber nicht. Sie sagen, das hättet ihr euch selbst eingebrockt.

Lutz: Wenn die Szene mal kapieren würde, dass dieses Verbot nicht nur die Onepercenter betrifft, sondern alle Biker!
Die Lage sieht im Moment so aus, dass die Abzeichen eines jeden Clubs verboten werden können, wenn er nur ein verbotenes Chapter hat. Und das kann ganz leicht jeden Club treffen, wenn ich mir die Verbotsverfügungen unserer Charter anschaue: Die Verfügungen nennen kein einziges Mal die Delikte, die Rockern immer wieder unterstellt werden. Es geht also nie um Drogenhandel, Waffenhandel, Zuhältereien oder Schutzgelderpressungen. Stattdessen wird uns zum Vorwurf gemacht, dass wir den Kindern unserer inhaftierten Brüder Weihnachtsgeschenke bringen.
Mit den Argumenten kann es wirklich jeden Club treffen. Irgendwann wird jeder dran sein. Das könnte darüber hinaus alle möglichen gesellschaftlichen Gruppierungen betreffen, und wenn das durchgeht, ist es rechtlich auf alle übertragbar. Unser Fall ist nur der Versuchsballon.
Mein Bruder Django sagt immer: „Freedom dies by inches“ – „Die Freiheit stirbt scheibchenweise.“ Jetzt wisst ihr, wie das in der Praxis aussieht.

 
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Stand:23 June 2018 00:58:18/motorrad/specials/angels+forever_1410.html