Back to the Roots

17.07.2015  |  Text: Fips  |  
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Back to the Roots
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Unser Fips erzählt von den ersten Jahren unserer Szene. Und seine Story ist aktueller, als ihr glaubt Es toben heiße Diskussionen in allen MC-Schichten, ob es früher besser war. Die einen sagen, dass die Alten von …
Lange Haare und Kutte: Fips hatte den Rocker erfundenUnser Fips erzählt von den ersten Jahren unserer Szene.
Und seine Story ist aktueller, als ihr glaubt


Es toben heiße Diskussionen in allen MC-Schichten, ob es früher besser war. Die einen sagen, dass die Alten von einer verklärten Vergangenheit schwärmen und die Dinge aus der Erinnerung heraus nur schön reden. Die Alten sagen, es war wirklich besser. Was war denn früher besser? Ich werde meine eigene Vergangenheit, die sich sehr oft und sehr lange „mittendrin“ abspielte, möglichst objektiv und wahrheitsgemäß erzählen. Dann kann sich jeder selbst ein Bild davon machen, was früher besser war – oder ob wir nur verklärende alte Säcke sind.


„Back to the roots“

„Back to the roots“ ist ein geflügeltes Wo
 
rt, das wir in der ganzen Szene in letzter Zeit verstärkt hören.Bild oben und rechts:Der Mannheimer Motor Sport Club (MMSC) auf den ersten Ausfahrten Und zwar nicht nur von irgendwelchen Alten, sondern mehr und mehr kommen auch Mitglieder der Eliten und die Jüngeren in den MCs auf den Trichter, dass es so nicht mehr weitergehen kann, wenn wir uns nicht unser eigenes Grab schaufeln wollen.
Immer mehr MCs werden erpresserisch geschlossen oder übernommen, mit dem Effekt, dass es am Ende nur noch große MCs geben wird. Die Strafverfolgungsbehörden schauen derweil seelenruhig zu und warten, bis wir unsere Arbeit gemacht und uns weit genug reduziert haben, um dann die übrig gebliebenen Groß-MCs zu verbieten. Das war’s dann mit unserer MC-Kultur! HOGs und christliche MCs werden das Straßenbild prägen, wo früher Rocker präsent waren. Denn die gibt es dann einfach nicht mehr, die haben sich selbst vernichtet.
Es wird Zeit, dass wir dieses Thema endlich mal offen diskutieren und darlegen, wo unsere Wurzeln denn eigentlich liegen. Was heißt denn „Back to the roots“? Wo liegen denn unsere Wurzeln?
Da ich seit den Anfängen ein Handelnder in der MC-Szene bin, kann ich auch ganz genau beschreiben, wie das alles zustande kam und wo wir nach unseren Wurzeln suchen müssen. Meine persönliche kleine Story könnte von vielen
 
erzählt werden, die Gleiches erlebt haben. Ich bin da nur ein Beispiel.

Historisches Bild
In Mannheim auf der Kreidler

Bei uns in Mannheim hatte alles 1962 in der Mopedzeit angefangen. Wir waren rennbegeisterte 50-ccm-Racer, die auf jedes Straßenrennen fuhren. Unsere Kreidler hatten schon Eigenbau-Teleskopgabeln und waren den Maschinen von Hans Georg Anscheidt nachempfunden, das war der Weltmeister mit einer Kreidler. Bald fanden wir heraus, dass die Anerkennung wuchs, wenn man der Schnellste war, und bei den Mädels war man natürlich auch erfolgreicher.
So gingen wir in den Keller, bauten den Motor auseinander und versuchten durch Feilen und Polieren der Eingangs- und Ausgangskanäle die Mopeds zu frisieren. Bald hatten wir die Innereien der Motoren verstanden und wurden Spezialisten im Frisieren.Historisches Bild
Ich hatte zu meinem 16. Geburtstag meine Maler-Lehrstelle gekündigt, weil ich mir eine neue Kreidler zusammengespart hatte, die Jungfernfahrt führte direkt in die Firma, um zu kündigen. Als mein Lehrherr spöttisch fragte, was ich denn jetzt machen wolle, habe ich geantwortet: Kreidler fahren! Was ich auch, mit der Unterbrechung für ein Jahr, tat.
1963 kam ich für ein Jahr ins Jugendgefängnis, verhaftet genau an meinem 17. Geburtstag, weil ich mir meine Ersatzteile selbst besorgt und einen schwungvollen Kreidler-Ersatzteil-Handel im Hinterhof begonnen hatte. Ich hatte 26 Kreidler geklaut. Natürlich wurde ich, weil sehr erfolgreich, dabei erwischt.
Ende 1964 wurde ich aus der Haft entlassen. Schon im Knast hatte ich überlegt, einen Kreidler-Club zu gründen, was ich dann am 16. Mai 1965 in die Tat umsetzte. Der Club hieß MMSC, Mannheimer Motor Sport Club.
Wir mieteten einen Keller und hatten schon Ende 1965 in Mannheim in der Seckenheimer Straße einen eigenen Clubraum, 50 Quadratmeter groß. Die eine Hälfte war eine Werkstatt, die andere Hälfte eine kleine Kneipe. Und wir hatten unsere eigene Polizeistunde, nämlich gar keine. Wenn die Spießer arbeiten gingen, fuhren wir nach Hause, um zu schlafen. Kamen die von der Arbeit zurück, standen wir auf: Ab auf die Maschine und zum Club, um zusammen zu fahren oder weiterzufeiern. Die meisten schlugen sich ohne Arbeit durch, andere waren in der Lehre.



Der Rocker wird erfunden

Im Jahr 1971: Fips und Gene, der President der Mannheimer Bones1967 kam der Film „Die wilden Engel“ in die Kinos. Die Darsteller trugen alle Kutten und Abzeichen, was wir bis dahin noch gar nicht kannten. In der Wochenschau vor dem eigentlichen Film lief ein Bericht über die Mods und die Rockers in London. Die Rockers trugen – wie in dem nachfolgenden Film – auch Abzeichen auf dem Rücken. Also schloss ich daraus, dass diese Abzeichen tragenden Motorradclubs in England und Amerika „Rocker“ hießen. Dass da ein „s“ fehlte, hatte ich gar nicht gemerkt. Als wir aus dem Kino herauskamen, war mir auf jeden Fall klar, dass aus meinem MMSC ein Rockerclub werden soll.
Kurze Zeit davor hatte ich auf einem Rennen in Hockenheim einen Amerikaner kennengelernt, Gene L. Thoms. Ich lud ihn in meinen Club ein, und er wurde auch gleich Mitglied, kurze Zeit später sogar Vizepräsident.
Gene war also auch im Kino dabei, und als Amerikaner sagte er nichts zu meinen Anwandlungen, dass diese Clubs „Rocker“-Clubs seien, im Gegenteil, er fand das auch gut. Wir nannten uns Lost Sons MC, Gene malte ein Abzeichen, und schon waren wir ein Rockerclub, den wir ganz stolz auch so nannten. Das interessierte niemanden, nur uns selbst.
Gene arbeitete damals als Barkeeper in einer Offiziersbar bei der US Army in Mannheim, er war mit einer deutschen Frau verheiratet und hatte zwei kleine Kinder. Im Jahr 1968 traf er einen amerikanischen Soldaten aus Frankfurt, Larry Coleman, der hatte gerade einen amerikanischen MC mit dem Namen „Bones MC“ gegründet. Larry lud Gene nach Frankfurt ein, und Gene nahm mich gleich mit. Dort angekommen war ich wie erschlagen von diesem Bones-Abzeichen und von diesen Typen. Sofort wollte ich auch Bone werden und dachte, dann sind wir richtige Original-Rocker, mit Amerikanern dabei.


Jetzt kommen die Bones

Um es kurz zu machen, nach fünf Jahren Presi-Amtszeit beim MMSC (später Lost Sons MC) gab ich 1970 mein Amt ab und trat aus. Ich wurde direkt ohne Probezeit Mitglied der Mannheimer Bones, denn Gene war schon vor mir bei unseren Lost Sons ausgetreten und hatte die Bones in Mannheim gegründet. Da ich mit Gene am engsten befreundet war, konnte ich es gar nicht abwarten, bis es so weit war. Meine Lost Sons waren zerstritten, weil einige lieber dieser Racer-Club geblieben wären und die anderen eben Rocker werden wollten. So ging der Lost Sons MC ziemlich schnell ein.
Andere wichtige Mitglieder der Lost Sons wurden dann bald auch Bones. Darunter Blacky, Erich Krafft und Werner Herwehe, um wenigstens die ganz alten zu nennen. Mein Lost-Sons-Clubkeller, den ich auf meinen Namen angemietet hatte, wurde nun plötzlich zum Motorradtreff in Mannheim, jeden Abend voll mit Amis und deutschen Motorradfahrern. Wir hatten inzwischen auch keine Mopeds mehr, sondern Motorräder. Die meisten fuhren 250er Hondas, Yamahas und Suzukis. Gene besaß eine Triumph und ich hatte mir vier Horex-Maschinen vom Schrott besorgt, um daraus eine funktionierende zu bauen. Der verpasste ich einen hohen Lenker, wie die Amis im Kino. Ich führte damit den „Wilde-Engel-Lenker“ ein, von dem ich über hundert Stück an meine Kumpel und per Inserat in der Zeitschrift „Motorrad“ verkaufte.

Das dreiteilige Colour führten die Bones erst später ein

Das Bones-Colour wird erfunden

Auf der Blood Rally des Cavemen MC: „Konkurrenz? So was fiel niemandem ein, wir waren nur mehr. Mehr gleichgesinnte Motorradfahrer!“Der Bones MC in Mannheim wuchs und wuchs, wir hatten bis zu 30 Mitglieder, die Hälfte amerikanische Soldaten, die andere Hälfte Deutsche. Die Frankfurter Bones hatten als Colour nur die Krallenhand. Den Schriftzug Bones darüber gab es zuerst noch nicht. Gene und ich fanden unser Abzeichen mit der Zeit nicht gut genug. Wir diskutierten endlos darüber, dass man doch „Bones“ über die Kralle schreiben könnte. Da Gene ein genialer Zeichner war, malte er einen entsprechenden Schriftzug auf meinen VW-Bus und auf unser Bones-Militär-Zelt. Das hatte mich voll überzeugt. Ich überredete Gene, diesen Schriftzug sticken zu lassen, vielleicht war ich es auch selbst, das weiß ich nicht mehr genau. Auf jeden Fall präsentierten wir den neuen Schriftzug den Mannheimer Mitgliedern und die waren genauso begeistert!
Jetzt hatten wir natürlich das Problem, dass Frankfurt das Mother-Chapter war. Wir rechneten damit, dass die schon alleine deswegen nicht einverstanden sein würden, weil wir sie nicht gefragt hatten. Also stellten wir beim nächsten Joint-Meeting den Antrag, künftig als gleichwertiges Chapter neben den Frankfurtern zu stehen. Da sie einverstanden waren, gab es ab sofort zwei Haupt-Chapter, nämlich Mannheim und Frankfurt. Die Frankfurter hatten später noch ein Chapter in Hanau und in Wiesbaden, aus den Wiesbadenern wurde einige Jahre später der Free MC.
Nun waren wir also Haupt-Chapter und beschlossen, den großen Schriftzug über die Kralle zu nähen und die Frankfurter damit zu konfrontieren. Die reagierten erst richtig sauer darauf, aber das Abzeichen war nun mal so überzeugend, dass nur wenige Wochen später alle Chapter den Schriftzug trugen. Gene und ich waren sehr stolz darauf, uns durchgesetzt zu haben.


Die Mannheimer Szene

Historisches BildWir schreiben das Jahr 1971. Wir Bones und mein Clubkeller, der inzwischen in Mannheim Waldhof angesiedelt war und 500 Leute fasste, waren sehr populär. Mein Clubkeller war jedes Wochenende voll, ich machte mit meiner Anlage einen auf Discjockey und hielt so mein Umsatz bringendes Publikum bei Laune, immer bis in die Morgenstunden hinein.
Die Bones gaben natürlich ein wunderbares Beispiel für die motorradbegeisterte Jugend ab und so entstanden 1970 der Mannheim-Schönauer Brothers MC, der Steel Wings MC, deren Mitglieder aus dem Dunstkreis meines Clubkellers kamen und 1972 der Gremium MC. Auch die Lost Sons gab es bald wieder: Jugendliche aus meiner Straße, die mich schon immer als spektakulären Racer kannten und die meine Fans waren, als ich auf der Mannheimer Kirmes bei rund dreißig Vorstellungen versucht hatte, mit meiner Kreidler die steile Wand zu erklimmen. Vier dieser Jugendlichen hatten mich, inzwischen ein Bone, als Vorbild genommen und mich gefragt, ob sie nicht die Lost Sons wieder aufmachen dürften. Ich hatte natürlich nichts dagegen, und so gab es nach rund einem Jahr auch die Los Sons wieder. Kein alter Lost Son war mehr dabei, die meisten von der Rockerabteilung der Lost Sons waren inzwischen Bones geworden oder irgendwann einfach weg. Mannheim war mit fünf stabilen MCs gut in die MC-Szene gestartet.


Auf ins Musik-Bussiness

Als ich 1971, mit meiner Horex gut drauf und dem Bones-Abzeichen auf dem Rücken, durch Mannheim fuhr, sah ich vor dem Eisstadion einen Pulk Menschen stehen. Ich fuhr dahin, um zu schauen. Kaum hatte ich angehalten, stürzte auch schon der Veranstalter auf mich zu und fragte mich, ob ich bei dem heutigen Konzert von Golden Earring nicht Ordner machen wolle. Ich verstand zwar nicht so recht, aber Golden Earring kannte ich, die hatten gerade ihren ersten Hit, der „Back Home“ hieß, und den grölten wir Nächte lang im Clubkeller. Ich stellte mich also wie angeordnet vor die Band und genoss das Konzert, ich brauchte nichts zu machen, nur da zu stehen und mein Abzeichen sehen zu lassen.Das flößte Respekt ein! Die Bones als Ordner auf Festivals
Ich war so ergriffen von diesem Konzert, dass ich fortan nächtelang von irgendwelchen Bühnen träumte, auf denen ich mal selbst stehen würde. Nach dem Konzert drückte der Veranstalter mir auch noch 10 DM in die Hand und bedankte sich für meine Hilfe. Er lud mich gleich ein, eine Woche später mit meinen Freunden zu einem nächsten Konzert zu kommen, da gäbe es pro Nase dann 40 DM. Ich konnte es nicht glauben: 40 DM dafür, dass man ganz vorne stehen durfte und alles miterleben konnte!
Am nächsten Mittwoch auf der Mitgliederversammlung erzählte ich von meinen Erlebnissen, und alle waren begeistert. Wir wurden in kürzester Zeit eine Ordnertruppe der ganz besonderen Art. Schon 1971 bewachten wir in Speyer das erste British Rockmeeting mit 50 000 Zuschauern und dann 1972 das zweite in Germersheim mit 70 000 Zuschauern. Da spielten Größen, wie Pink Floyd, Deep Purple, Uriah Heep, Rory Gallagher und Wishbone Ash. Wir wurden die angesagteste Ordnertruppe in Süddeutschland. Die Hot Wheels aus Essen waren unsere Freunde, und die machten dann bald diesen Job im Ruhrgebiet.


Die ersten krummen Geschäfte

1972 hatten wir ein Schlüsselerlebnis in Germersheim. Schon am Donnerstag waren viele Freaks auf die Veranstaltungsinsel gekommen, um zu campen. Da alle keinen Eintritt bezahlt hatten, gaben uns unsere Chefs, also die Veranstalter des Festivals, den Auftrag, mit ihnen die ganze Insel zu durchkämmen und allen Freaks die 25 DM Eintritt abzuknöpfen. Dabei kam so viel Geld zusammen, dass die zwei Herrschaften nach getaner Arbeit mit vier prall mit Bargeld gefüllten Karstadt-Plastiktüten wieder verschwanden. Ab diesem Zeitpunkt konnte niemand mehr die Insel ohne Karte betreten.
Einige der Bones hatten wohl genau aufgepasst und so kam es, dass überall in „bar“ abkassiert wurde. Da konnten die Bones schon ernsthaft über eine Harley-Pflicht nachdenken. Das war aber kein Einzelfall, bei vielen Konzerten hagelte es weitere Schlüsselerlebnisse.
Einige Konzerte waren zum Beispiel ausverkauft. Die Veranstalter beauftragten uns, die Karten nicht mehr zu reißen, sondern sie den Leuten einfach abzunehmen und böse zu schauen. Die Tickets sollten wir dann bündelweise wieder an die Kasse bringen, wo sie dann nochmal verkauft wurden. Das war auch wieder eine Hundertprozent-Vorlage und Anleitung. Manche Bones hatten daraufhin einen sehr lohnendes Hobby: Die Karten je nach Eigenbedarf einsammeln und sie erneut verkaufen. Was Schmidt kann, kann Schmidtchen allemal.


Rocker spielen Drogen­­polizei

Aufstellung zum Run durch Mannheim. Diese Stadtrundfahrten fanden von 1965 bis 1982 stattAls Ordner gehörte es auch zu unserem Aufgabengebiet, nach Dealern Ausschau zu halten, weil damals viele Scheißdrogen verkauft wurden. Während der Konzerte vor dem Top-Act wurden die Zuschauer oft vor bestimmten Drogen gewarnt, die gerade im Umlauf waren.
Wir waren die Spezialisten. Wir fanden die Dealer immer treffsicher, fragten nach Stoff in größeren Mengen. War’s was Gutes, hatten wir das Zeug beschlagnahmt, war’s scheiße, hatten wir sie nach Hause geschickt. Wir haben also unseren Job getan, die Veranstaltung vor Drogen geschützt. Die landeten dann in Bierkrügen hinter der Theke im Clubhaus, wo sie nach Sorten wohlgeordnet jedem zur Verfügung standen. Ich muss sagen, dass wir uns nur um Gras und Haschisch bemüht haben, aber dafür breit!
Als einmal ein Sonderkommando mit einer Hundertschaft unser Clubhaus überfiel, hatte sie das ganze Clubhaus auf den Kopf gestellt und zerstört. Die wollten unbedingt Drogen finden, weil sie vermuteten, dass wir mit Drogen handeln. Hatten wir aber nicht, wir haben nur anständig konsumiert und nichts dafür bezahlt. Ach ja: Nachdem sie unser Clubhaus zerlegt hatten und von dannen zogen, ging unser erster Blick auf die Krüge. Die standen nach wie vor wohlgeordnet im Gläserregal hinter der Theke, keiner hatte sie angerührt. Wir schlugen uns aufs Knie und drehten eine Runde Joints. Hätten die unseren eisernen Bestand gefunden, hätte uns niemand mehr geglaubt, dass wir nicht mit Drogen handeln, was wir in Wirklichkeit auch nicht taten.
So hatten die Bones eine richtig stabile Einnahmequelle. Eine Rundumversorgung, weil bald auch das Mitbringen von Flaschen verboten war. Wir suchten immer eifrig, und weil das neu war, war die Beute immer riesig, denn während das Konzert lief, luden wir die Getränke in den Kofferraum unserer Club-Limousine ein, und unser Clubhaus war immer gut bestückt. So waren wir auch dem Sicherheitsdienst schon sehr nahe und natürlich auch davon sehr angetan.


Rallys, Partys, schöne Zeit

Ich hatte als Presi bei den Lost Sons fünf Jahre Erfahrung für Jahrespartys gesammelt. Schon damals war ich für das Programm und die Unterhaltung zuständig, ich machte den Discjockey im Clubkeller. Wenn die Bones ihre Jahresparty feierten, sorgte ich auch bei den Bones für zünftige Unterhaltung. Ich baute meine Disco-Anlage im Clubkeller aus und bei der Bones-Party wieder auf.
Auch die legendäre Stadtrundfahrt der Bones hatte schon ihren Vorläufer bei den Lost Sons, ich hatte bereits beim Gründungstreffen 1965 auf die Einladung geschrieben, dass wir zusammen eine Stadtrundfahrt unternehmen werden. Zuerst waren das alles Mopeds. So gab es die Mannheimer Stadtrundfahrt von 1965 bis 1982 ununterbrochen 17 Jahre lang, am Schluss mit über 3000 Motorrädern.
Es war eine schöne, friedliche Zeit. Wir lernten auch viele andere Clubs kennen, die alle auf unserer Linie waren, darunter die Cavemen aus Ramstein, die zu einem sehr großen Anteil aus Amerikanern bestanden. Denen halfen wir Bones in Mannheim, ein Cavemen-Chapter aufzumachen, obwohl wir Bones waren. Konkurrenz? So was fiel niemandem ein, wir waren nur mehr. Mehr gleichgesinnte Motorradfahrer!
Wir feierten zusammen mit den Hot Wheels, den Wheels aus Frankfurt und den Road Runners aus Frankfurt unsere Partys, auch Steel Wings, Gremium und die Brothers waren eifrige Besucher. Die Welt war richtig heil, es gab selten mal Schlägereien im Suff, weil immer ein paar Brothers dabei waren, die einen klaren Kopf behielten und die eigenen Leute vor Dummheiten im Suff bewahrten.


Schlägereien mit Regelwerk

Es war eine richtig geile Bruderschaft, clubübergreifend. Wir wollten uns von der verlogenen Spießergesellschaft abwenden und Historisches Bildeine bessere und höhere Moral leben, füreinander da sein in allen Situationen, richtige Brothers waren wir. Das hieß aber auch, eigene Mitglieder zur Ruhe aufzurufen und sie aus der Schusslinie zu bringen. Es wurde gerecht gedacht. Hatte zum Beispiel jemand bei einer Prügelei weiter geschlagen, wenn der Gegner bereits auf dem Boden lag oder aufgab, dann wurde derjenige daran gehindert, von allen, egal von welchem MC der Prügelnde auch immer gerade war. Jeder kannte jeden, egal was er auf dem Rücken trug.
Wer heute am Boden liegt, muss um sein Leben fürchten. Also versucht er, stehenzubleiben und sich schon vorher mit entsprechender Bewaffnung auf alle Eventualitäten vorzubereiten. Heute geht es sofort um Tod oder Leben. Wer lange überlegt, hat schon verloren. Reagiert er und rettet sein nacktes Leben, dann ist ihm die Rache hinterher auch noch sicher. Heute haben wir unsere einst höhere Moral mit der Hölle getauscht.
Jedes Jahr organisierte ich für die Bones ein noch besseres Programm als im Vorjahr. Waren es in den 70er Jahren noch 3000 Besucher, schwoll die Zahl in den 80er Jahren bis auf 10 000 an. Die Friesenheimer Insel in Mannheim wurde zur Legende, und so gut wie alle MCs waren schon mal dabei.


Die Geburt der BIKERS NEWS

Reibereien gab es da sehr selten. Nur einmal, im Jahr 1979, wurde einer mit Schädelbasisbruch ins Krankenhaus geflogen. Das hatte mich damals so aufgewühlt, dass ich noch am gleichen Abend einen Brief an alle MCs schickte, in denen ich ihnen vorschlug, eine Rocker-Zeitung auf den Markt zu bringen, in der über die Belange der Szene geredet werden sollte. Daraus wurde die BIKERS NEWS, in der ich an dieser Stelle als alter Rentner versuche, neue Gedanken in die Köpfe der Szene zu bringen.
Wo kommen wir eigentlich alle her? Viele MCs, die einmal einen großen Namen hatten, wurden im Laufe der Zeit von den eigenen Brüdern verkauft und verraten. Erinnert sich noch jemand an die bedeutungsvollen Abzeichen und Namen der MCs der ersten Jahre? Habt ihr alle unsere Geschichte vergessen, vielleicht verdrängt? Zu lange verdrängt? Einige wollen inzwischen ganz oben stehen, doch mittlerweile wird es sehr ungemütlich in der Höhenluft. So mancher alte Haudegen von damals wünscht sich die friedliche und einfache Zeit der Vergangenheit wieder zurück und erkennt erst heute, worauf er sich da eingelassen hat, wer ihm da gesagt hat, wohin es gehen soll.
Jetzt müssen wir, weil jemand gerade mal das falsche Abzeichen trägt, in den Krieg ziehen – sowohl gegen Leute als auch für Leute, die wir persönlich gar nicht kennen. Oft sind die neuen Gegner auch die Biker, mit denen wir uns noch vor ein paar Jahren auf Rallys ewige Blutsbrüderschaft geschworen hatten. Dabei wollten wir mal nur Mitglied in einem MC werden, um gemeinsam Motorrad zu fahren und Spaß mit Freunden zu haben, die zusammenhalten.



Seit einem halben Jahr unterhält Fips die Facebook-Seite „Rocker in Deutschland“ (RID), in der es um die Szene aus heutiger Sicht und aus Sicht der Vergangenheit geht. Dafür steht ihm das komplette BIKERS NEWS-Archiv zur Verfügung. Wer mehr über seinen alten Club in alten BIKERS NEWS-Ausgaben lesen will, der findet die Artikel dort wieder.
Fipsens Sohn hat darüber hinaus ein Filmstudio gebaut. Er wird 3000 Stunden alter Video-Aufnahmen aus der Vergangenheit aufbereiten. Auch diese Filme zeigt die RID-Seite.

www.facebook.com/rocker.in.deutschland



Günther Brecht = Fips
Günther Brecht wird „Fips“ genannt.
Er ist der Besitzer unseres Huber-­Verlages,
und er hat die BIKERS NEWS vor 35 Jahren
und 400 Ausgaben ins Leben gerufen.
Jüngst hat er die dreiteilige Produktion über
Rocker in Deutschland von Spiegel-TV unterstützt.
Ein paar Bücher geschrieben hat er sowieso:


Günther Brecht: Rocker in Deutschland – Die 60er Jahre. 232 S., 19,90 Euro, SzeneShop Artikelnr. 701269
Günther Brecht:
Rocker in Deutschland – Die 60er Jahre.
232 S., 19,90 Euro, SzeneShop Artikelnr. 701269






Günther Brecht: Rocker in Deutschland – Knight Riders MC. 320 S., 23,90 Euro, SzeneShop Artikelnr. 701268
Günther Brecht:
Rocker in Deutschland –
Knight Riders MC.
320 S., 23,90 Euro,
SzeneShop Artikelnr. 701268




Günther Brecht: Gene L. Thoms – Seine Bones, sein Leben, seine Comics, 152 S., 16,90 Euro, SzeneShop Artikelnr. 704262
Günther Brecht:
Gene L. Thoms –
Seine Bones, sein Leben, seine Comics,
152 S., 16,90 Euro,
SzeneShop Artikelnr. 704262





erscheint im Herbst:
Günther Brecht/Lommel:
Rocker in Deutschland – Born to be Wild MC von 1975 bis heute





SzeneShop
Markircher Straße 11a, 68229 Mannheim
Tel 0621 - 483 61 4700, www.szeneshop.com
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Stand:19 June 2018 23:52:31/motorrad/specials/back+to+the+roots_157.html