Die Leiche im Keller

14.12.2012  |  Text: Lawman  |  
Die Leiche im Keller
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Im Frühjahr machte die Schlagzeile von einer Leiche der Hells Angels im Fundament einer Lagerhalle Schlagzeilen. Was ist nach einem halben Jahr daraus geworden? Es war der Stoff, aus dem Krimis gemacht werden: Im Beton-Fundament einer …
Im Frühjahr machte die Schlagzeile von einer Leiche der Hells Angels im Fundament einer Lagerhalle Schlagzeilen. Was ist nach einem halben Jahr daraus geworden?


Es war der Stoff, aus dem Krimis gemacht werden: Im Beton-Fundament einer Lagerhalle in Altenholz bei Kiel sollte die Leiche des verschwundenen Türstehers Tekin Bicer aus Kiel-Gaarden einbetoniert sein. Ein sogenannter Aussteiger der inzwischen aufgelösten Legion 81 hatte diese Geschichte erzählt. Steffen R. hatte dem Gericht mit Aussicht auf Strafmilderung eine ganze Fülle spannender Geschichten erzählt, die er allerdings nur vom Hörensagen kannte. Über die Glaubwürdigkeit des Kronzeugen kamen auch in Ermittlerkreisen inzwischen erhebliche Zweifel auf.

Foto: Victor H.; Einige hunderttausend Euro verbaggert: Die Lagerhalle in Altenholz bei Kiel
Einige hunderttausend Euro verbaggert: Die Lagerhalle in Altenholz bei Kiel
 

Großangelegte Polizeieinsätze

Die Folge der spannenden Geschichten vom Frühjahr waren großangelegte Polizeieinsätze gegen vereinzelte Mitglieder des HAMC Kiel, Hannover und Hamburg und 70 weitere Personen. Darunter natürlich auch einige Supporter. Der wohl spektakulärste Einsatz erfolgte bei Frank Hanebuth, President des damaligen HAMC Hannover, bei dem sogar die GSG 9
 

anrückte, sich Beamte vom Hubschrauber abseilten, um dann schließlich unter Vorgabe der „Eigensicherung“ seinen Hund zu erschießen.
Insgesamt ist die Rede von 1.200 Beamten im Einsatz und über 200 Ermittlungsverfahren gegen knapp 70 Beschuldigte. Was letztlich davon gerichtsfest bleiben wird, ist noch abzuwarten. Erfahrungsgemäß gibt es am Ende solcher Aktionen zwar viele Schlagzeilen für Politiker, aber deutlich weniger Verurteilungen als Ermittlungsverfahren. Und wer die Berichterstattung der Medien in dieser Zeit genau verfolgte, der bekam schon immer wieder die Meldungen mit, in denen es hieß, man habe keine Leiche gefunden. Die Frage, ob da überhaupt eine Leiche sein kann, stellte niemand. Es passte ja auch alles zu gut ins Konzept vom öffentlichen Bild der kriminellen Motorradbanden.

Foto: Ruhr-Universität-Bochum
Rechtsanwalt Prof. Dr. Michael Gubitz vertritt Dirk R., den Presidenten des inzwischen verbotenen HAMC Kiel:
„Wir halten es für einen großen Skandal, einem Zeugen, vor dem die Staatsanwaltschaft Sachsen-Anhalt bereits 2003 gewarnt hat, eine derartig hohe Glaubwürdigkeit zuzuschreiben.“

Keine Leiche – keine Haftbefehle

Sieben Wochen hatte die Baggeraktion gedauert – und die Staatsanwaltschaft konnte nicht umhin, alle damit in Zusammenhang stehenden Haftbefehle wieder aufzuheben. Keine Leiche – keine Haftbefehle. Volker-Alexander Tönnies, stellvertretender Pressesprecher der Berliner Polizei, erklärte in der letzten BIKERS NEWS zwar nichts zum Vorgehen der Kieler Kollegen, vermochte aber Grundsätzliches zu sagen: „Die Polizei hat im Rahmen ihres gesetzlichen Auftrags zur Gefahrenabwehr und Strafverfolgung zu handeln. Bei derartigen Zeugenaussagen sind die Stichhaltigkeit zu prüfen und dann – in Absprache mit der Staatsanwaltschaft – die erforderlichen Maßnahmen zu treffen.“

In Kiel musste die Stichhaltigkeit geprüft werden. Den öffentlichen Druck durch die Medienpräsenz hatten die Politik und Ermittlungsbehörden durch ihr spektakuläres Vorgehen selbst geschaffen. Django, beim HAMC für Presseanfragen zuständig, schätzte das entsprechend ein: „Die ganze Aktion war ein Resultat der polizeilichen Rahmenkonzeption, im Besonderen durch den politische Druck von Klaus Schlie, dem damaligen Innenminister in Schleswig-Holstein.“

In diese Argumentation reiht sich auch die Aussage des Kieler Rechtsanwalts Prof. Dr. Michael Gubitz ein. Er vertritt Dirk R., den Presidenten des inzwischen verbotenen HAMC Kiel: „Wir halten es für einen großen Skandal, einem Zeugen, vor dem die Staatsanwaltschaft Sachsen-Anhalt bereits 2003 gewarnt hat, eine derartig hohe Glaubwürdigkeit zuzuschreiben.“ Und damit noch nicht genug: „Der Kronzeuge hatte ein naheliegendes Motiv zur Falschbelastung.“ Die Informationen der Staatsanwaltschaft Sachsen-Anhalt lagen auch den Kieler Staatsanwälten vor. Gubitz: „Vor diesem Hintergrund hätte der Großeinsatz Pfingsten 2012 allein auf der Grundlage dieser Aussage niemals stattfinden dürfen.“



Ein Interview mit Django

Die Medien hatten für kurze Zeit eine gute Story. Dass die Geschichte sich höchstwahrscheinlich in Luft auflösen würde, darüber gab bereits Wochen vor Abschluss der Ermittlungen ein Interview mit Django vom HAMC in der BIKERS NEWS Aufschluss. Wir geben die entscheidende Sequenz wieder:

Django: „(…) Es hat immer Typen gegeben, die aus der Szene ausgestoßen worden sind und aus Rache alle möglichen Geschichten erfinden.“

BN: Dann sind wir hier an der Stelle, wo wir die Frage aller Fragen stellen: Habt ihr eine Leiche im Beton-Fundament von Kiel oder nicht?

Django:
„Natürlich nicht. Unsere Leute geben keine Mordaufträge raus und unsere Leute foltern auch nicht. Und wer den HAMC kennt – auch nur annähernd – der weiß das auch ganz genau. Und sowohl die Staatsanwaltschaft als auch die Ermittlungsbehörden von Kiel wissen das auch ganz genau. (…)“

Als dann tatsächlich keine Leiche gefunden wurde, interessierte das die Fernsehsender kaum noch.

 


Die Frage nach Schadenersatz

Nun stellt die Eigentümerin der Halle die Frage nach Schadenersatz beziehungsweise Wiederaufbau der Halle. Rechtsanwalt Volker Lassen vertritt die Eigentümerin der abgerissenen Lagerhalle. Er gibt sich leider wenig gesprächsbereit – auch nicht gegenüber BIKERS NEWS. Offensichtlich handelt es sich um ein sensibles Themenfeld für ihn und seine Mandantin. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt wolle man sich gegenüber den Medien generell nicht äußern, gibt er freundlich aber bestimmt zu Protokoll.

Die Eigentümerin ist die Frau des Kieler Tätowierers und Hells Angels Eddy D. Michael Bimler, Sprecher der Staatsanwaltschaft Kiel, nährt in den Medien inzwischen den Verdacht, bei ihr könnte es sich um eine „Strohfrau“ handeln. Die Lokalpresse zitiert ihn wie folgt: „Wir werden die Eigentumsverhältnisse genau prüfen, dabei auch klären, ob die Eigentümerin möglicherweise eine Strohfrau ist.“ Gelänge es den Ermittlungsbehörden, den Nachweis zu erbringen, dass sie nur eine Mittelsfrau gewesen sei und damit die Halle dem HAMC Kiel zuzuschreiben ist, würden Grundstück und Bauwerk automatisch dem beschlagnahmten Clubeigentum zugeschrieben, und die Frage nach Schadenersatz hätte sich damit wohl erledigt.

Wir baten die Oberstaatsanwältin Birgit Heß um ein paar einfache Fragen mit Stellungnahme: „Wie konnte die Vorgeschichte zur
Glaubwürdigkeit des Zeugen Steffen R. zu einer anderen Einschätzung durch die Ermittlungsbehörden in Kiel führen?“ Und: „Wie hoch war der politische Druck auf die Ermittlungsbehörden kurz vor der Landtagswahl in Schleswig-Holstein?“ Die Beantwortung lehnte sie bis zum Redaktionsschluss ab. Noch nicht einmal ein Dementi war zu bekommen. Vielleicht in einem späteren Monat, hieß es aus der Staatsanwaltschaft Kiel. Warten wir’s also ab.

Django beantwortete unsere Frage,  ob die Hells Angels eine Leiche im Beton-Fundament haben, in der  Juli-Ausgabe der BIKERS NEWS: „Natürlich nicht. Unsere Leute geben keine Mordaufträge raus und unsere Leute foltern auch nicht.“
Django beantwortete unsere Frage,
ob die Hells Angels eine Leiche im Beton-Fundament haben,
in der Juli-Ausgabe der BIKERS NEWS: „Natürlich nicht.
Unsere Leute geben keine Mordaufträge raus und unsere Leute foltern auch nicht.“

Einige hunderttausend Euro

Allerdings gilt auch für einen verbotenen MC immer noch die Rechtsstaatlichkeit der Gesetze: Wer in einem Strafverfahren zu Unrecht beschuldigt wurde, dem steht von Rechts wegen Schadenersatz nach dem Strafverfolgungsentschädigungsgesetz zu. Die Rede ist von einigen hunderttausend Euro, was den knappen Etat des Innenministeriums empfindlich treffen dürfte. Zum Vergleich: Ein Streifenbeamter bei der Schutzpolizei verdient im Jahr durchschnittlich 33.600,00 Euro im Jahr – laut Angabe der Polizeigewerkschaft Schleswig-Holstein und der Besoldungstabelle 2012. Bei mehreren hunderttausend Euro für die Halle, den Mietkosten für das Ersatzzelt zur Lagerung, Verdienstausfall, Mehraufwand, und was die Eigentümerin auch sonst noch vielleicht geltend machen könnte, kommen da vermutlich schnell zehn bis zwanzig Streifenbeamten zusammen, die damit ein Jahr lang bezahlt würden. Aber der Polizei sind die Hände gebunden: Halten Gericht und Staatsanwaltschaft solche Zeugenaussagen für glaubwürdig, muss sie ihren Job machen. So, wie sie auch nur ihren Job machen, wenn sie Motorradfahrer wegen illegaler Soundanlagen von der Straße holen.



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