Ablackprämie

17.06.2016  |  Text: Gau/Michael Ahlsdorf  |   Bilder: Gau
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Ablackprämie
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Wie bekommt man eigentlich alten Lack runter? Wir haben probiert, was wirklich geht – mechanisch, thermisch und chemisch
Kennt ihr noch die Farben der Achtzigerjahre? Das war die Zeit der Softpornos und so sahen damals auch die Farben aus: Sie waren lieblich, aber sie kamen einfach nicht. Die gedeckten Pastelltöne dieser Ära bevorzugten vor allem BMW-Fahrer, die damals ja auch noch mit Hosenträgern fuhren.
Unser österreichischer Reporter „Gau“ hat eines dieser lieblichen Boxer-Exemplare aufgetan. Ein Gespann obendrein, vom holländischen Hersteller EML – und das auch noch in einem sagenhaft pastellierten Blau, das so ziemlich dem Originalfarbton „Madisson“ von BMW entspricht. Diesen dreirädrigen Softporno-Star will Gau nun customizen. Es soll irgendwas Scramblermäßiges bei rauskommen, vielleicht auch ein bisschen im Cafe-Racer-Stil: Nackt, mit blankem Metall, bestenfalls poliert oder gebürstet – wie alle es gerade machen. Da geht Pastellblau natürlich gar nicht.

Schön ist das nicht. Die Compound-Felge von EML muss ihren Lack lassen
Schön ist das nicht. Die Compound-Felge von EML muss ihren Lack lassen

Wie aber kriegt man diese Farbe runter? Klar, ein Fachbetrieb hätte die Geräte, um Sand, Trockeneis oder Glasperlen unter hohem Druck auf die Teile zu blasen und so den Lack und Rost zu entfernen. Gau wollte es aber selbst machen. Es gibt ja noch andere Methoden, den Lack zu entfernen:

1. mechanisch – durch Schleifen, Bürsten, Kratzen und Wischen
2. thermisch – durch Hitze oder Kälte, die zu Spannungen zwischen den sich verschieden ausdehnenden Materialien führen oder den Lack einfach verspröden
3. chemisch – durch Laugen oder Säuren

Doch Gau stand vor dem Problem der guten alten Zeit, in der bekanntlich alles besser war. Die Achtzigerjahre hatten noch „richtige“ Farben, Zwei-Komponenten-Nitrolacke, nicht wirklich umweltschonend, aber im Unterschied zu Lackierungen auf Wasserbasis waren sie belastbar. Das führte unseren Reporter durch das große Universum all der Blender, die ihre Patentrezepte im Internet posten.

Die grobe Gewalt einer Drahtbürste wirkt – aber nicht bis in die kleinsten Fugen
Die grobe Gewalt einer Drahtbürste wirkt – aber nicht bis in die kleinsten Fugen

Gau wollte nicht einfach zu Schleifpapier greifen und sich stundenlang mit immer kleinerer Körnung bis zum Metall durchschleifen. Erst mal griff er also zu Drahtbürsten und steckte sie auf Winkelschleifer und Bohrmaschine. Mit viel Druck ging er dem Lack an die Wäsche. Erfolg stellte sich rasch an den Stellen ein, an denen der Lack bereits beschädigt war, die Roststellen wurden rasch blank. Doch an schlecht zugänglichen Stellen wie Kanten oder Vertiefungen ließen die Schichten sich nicht abtragen und auch auf großen Flächen blieb ein schneller Erfolg aus.
Es folgte der Versuch mit der nächsten, der thermischen Methode. Das sogenannte „kryogene Verfahren“ ist die Anwendung von CO2, dabei versprödet die Lackschicht durch die niedrige Temperatur. Ein schlauer Biker postete sogar im Internet, dass er seine Teile mithilfe eines CO2-Feuerlöschers entlackt hätte. Das klang wie eine Patentlösung. Das flüssige Kohlendioxid aus dem Feuerlöscher bewirke eine starke Abkühlung. Der Gefrierpunkt des Kohlendioxides werde erreicht und unter -78,5 C wäre der Lack ab.
Nun, wir sind Print und nicht Internet. Bei uns können falsche Wahrheiten sich nicht so schnell verflüchtigen. Gau musste das Posting also verifizieren. Mit der Felge und seinem Feuerlöscher zog er in den Garten, sein Urteil: Es machte Spaß, brachte aber nichts, außer weißem Rauch für die Nachbarn. Die Felge war zwar komplett vereist, den Lack ließ das aber völlig kalt.

Der Test mit dem Feuerlöscher hat Spaß gemacht. Ein Ergebnis zeigte sich nicht
Der Test mit dem Feuerlöscher hat Spaß gemacht. Ein Ergebnis zeigte sich nicht

Wenn Kälte nichts bringt, dann vielleicht Hitze? Aber Achtung: Teile können sich unter thermischer Belastung verformen, das gilt auch für Metall, vor allem für die verschiedenen Metalle in Compound-Felgen. Gau sparte sich also die Lötlampe und nahm lieber den Heißluft-Fön. An einzelnen Punkten zeigte sich rascher Erfolg in Form von Blasenbildung und üblem Gestank. Mit einem Spachtel schabte Gau den weichgewordenen Lack vorsichtig ab. Das funktionierte also grundsätzlich, dauerte aber ewig. Obendrein gefährdete es Kunststoffteile, die nicht demontiert werden können, zum Beispiel Schutzringe von Kugellagern. Und an schwer zugänglichen Stellen ließ der Lack sich gar nicht abschaben. Die ebenfalls im Internet gepostete Verwendung von Infrarot erwies sich genauso als Mythos. Gaus Infrarot-Wärmelampe gab schönes rotes Licht ab, aber mehr nicht.

Heiße Luft. Achtung, die Hitze kann Kunststoffteile beschädigen!
Heiße Luft. Achtung, die Hitze kann Kunststoffteile beschädigen!

Da blieb nur noch die Chemie. Auch dazu lieferte das Internet unzählige Ideen, aber auch hier wissen wir es jetzt besser. Jeder, der schon mal Bremsflüssigkeit gewechselt hat, weiß, wie schnell sie Lack beschädigen kann. Wir trugen also mit einem Pinsel DOT 3 und DOT 4 auf und ließen das Ganze über Nacht einwirken. Der Erfolg am nächsten Tag war null.
Es folgte der Griff zur handelsüblichen, mit Wasser verdünnten Salzsäure „HCl(aq)“. In der Metallverarbeitung wird sie fürs Beizen, Ätzen und Löten verwendet. Ein User im Internet schwärmte von tollen Resultaten, die er mit dieser Säure erzielt hätte. Richtige Salzsäure ist jedoch gar nicht leicht zu bekommen. Wenn ihr Glück habt, kriegt ihr sie in Apotheken. Unser Apotheker reagierte aber erst mal misstrauisch. Erst nachdem wir ihm klarmachen konnten, dass wir keine Bombe bauen wollen, sondern lediglich ein Motorrad entlacken, stand der Deal. Doch zuvor wurde Gau ausführlich auf die Gefahren dieser Säure hingewiesen, musste ein Merkblatt zur Kenntnis nehmen und unterschreiben und zu guter Letzt kopierte der Mann im weißen Kittel auch noch seinen Ausweis.
Mit Schutzbrille, Gummihandschuhen und langen Ärmeln ging Gau ans Werk. Die eindringlichen Warnungen des Apothekers hatten ihn verunsichert. Vorsichtig strich er mit einem Pinsel die Salzsäure auf die lackierte Oberfläche – und es passierte nichts. Auch nicht über Nacht. Einziger Effekt: Die ganze Werkstatt stank nach faulen Eiern.
Dann bietet der Handel noch Abbeizmittel an. Ja, auch das musste sein. Auf ins nächste Farbfachgeschäft, für 18 Euro hatte Gau auch schon das „allerbeste“ Mittel in der Hand. Es hatte die Konsistenz von Gel, das zieht ja immer gut, weil es sich so technisch anhört. Mit einem Pinsel trug er es auf. Nach ein paar Stunden sollte der gelöste Lack sich mit einem Spachtel abtragen lassen. Aber nichts da, erneut mussten wir uns geschlagen geben.
Sollte Gau sich etwa wirklich an eine professionelle Firma wenden müssen? Nein – die Lösung unseres Problems nannte ihm eine Lady aus Ungarn. Unser Gau ist ja Österreicher und pflegt beste Kontakte in den Balkan – und dort kennt man immer noch andere Methoden.

Szuper Kromofág. Fragt uns nicht, wie man das ausspricht …
Szuper Kromofág. Fragt uns nicht, wie man das ausspricht …

Gau hatte in einer Bar eine ungarische Thekenfrau kenengelernt, denn nach ein paar Gläschen Slibowitz lässt er bei Ladys nichts anbrennen. Die also hörte ihm zu, als er von seinen missglückten Versuchen erzählte. Und dann nannte sie die Zauberformel „Szuper Kromofág“. Fragt uns nicht, wie man das ausspricht. Aber die Ungarin erzählte ihm, wie sie einst ihrem Freund aus Rache eine Flasche dieses Mittels über sein Auto gekippt hatte. Binnen Minuten war der Lack ab und die Ehre der heißblütige Magyarin war wieder hergestellt.
Tags darauf fuhr Gau über die Grenze nach Sopron. Mit zwei Glasflaschen Szuper Kromofág für 15 Euro im Kofferraum kam er zurück nach Österreich.

… aber Szuper Kromofág ist das einzige Mittel, das wirkt!
… aber Szuper Kromofág ist das einzige Mittel, das wirkt!

Dann der Test. Die scharfe ungarische Thekenfrau hatte tatsächlich nicht übertrieben. Kaum hatte Gau die Flüssigkeit mit dem Pinsel aufgetragen, gab der Lack klein bei und bildete Blasen. Mit dem Pinsel drückte er die Farbe rückstandslos von der Felge. Nach einer Stunde war alles blank. Hin und wieder mussten er noch mit der Drahtbürste nacharbeiten, doch selbst das war ein Kinderspiel. Noch einfacher wurde es auf den glatten Flächen des Alutanks, den hatte Gau sich im Schaffensrausch auch gleich vorgenommen.

Geschafft: Der Lack ist runter!
Geschafft: Der Lack ist runter!

Wie scharf dieses Szuper Kromofág ist, zeigte sich jedoch auch an den Händen. Gau hatte drei Paar medizinische Latexhandschuhe übergezogen, trotzdem klagte er danach über Hautrötungen und Juckreiz.
Fazit: Eine Reise nach Ungarn kann Wunder wirken. Aber legt euch nicht mit ungarischen Mädels an, denn in der Puszta hat man Mittel zur Lösung eines jeden Konfliktes parat.

 

Gespanntechnik

Die Räder von Gespannen sind besonderen Seitenkräften ausgesetzt, denn die dreirädrige Fuhre neigt sich nicht in die Schräglage. Stattdessen drücken Fliehkräfte wie bei einem Auto seitlich auf die Räder, weshalb normale Motorradreifen schnell verschleißen. Unter Gespannfahrern sind Speichenräder deshalb nicht beliebt, sie bevorzugen Autoreifen auf entsprechenden Felgen. Professionelle Gespannbauer, wie der holländische Hersteller EML, haben in solchen Fällen immer auf Gussfelgen oder auf Compound-Felgen umgerüstet.
Compound-Felgen hatte Honda als erster Motorradhersteller Ende der Siebziger eingeführt. Solche Felgen sind ein Verbund aus einem Alu-Felgenkranz, den Speichenblättern aus Stahl und einer Nabe. Alle Komponenten sind miteinander vernietet oder verschraubt.
Gussfelgen waren in den Siebzigern noch nicht ausgereift, Compound-Felgen waren deshalb die ersten Motorradfelgen, auf die sich schlauchlose Reifen ziehen ließen. Die BMW K 100 fuhr ab 1983 serienmäßig mit Gussfelgen. Für den Gespannbetrieb war es wiederum sinnvoll, sie wie in diesem Fall auf Compound-Felgen mit Autoreifen umzurüsten.


 
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Stand:22 June 2018 05:16:10/motorrad/test+und+technik/ablackpraemie_166.html