Good Guys

25.03.2013  |  Text: Christian Heim  |  
Good Guys
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Rick’s Motorcycles stellt Gabeln für Custombikes her. Dabei sind eine Menge konstruktiver Vorgaben zu berücksichtigen Eine Motorradgabel dient nicht nur der Führung und Federung des Vorderrads. Sie nimmt maßgeblich Einfluss auf …
Rick’s Motorcycles stellt Gabeln für Custombikes her.
Dabei sind eine Menge konstruktiver Vorgaben zu berücksichtigen


Eine Motorradgabel dient nicht nur der Führung und Federung des Vorderrads. Sie nimmt maßgeblich Einfluss auf das Fahrverhalten. Ihre Konstruktion ist deshalb aufwändig, die Entwicklung zeitintensiv, erst recht wenn sie auch gut aussehen soll. Und der Zubehörmarkt an Motorradgabeln ist deshalb überschaubar. Sogenannte „gecleante“ Gabeln gibt es heute nur noch bei wenigen Anbietern. Sie haben aus guten Gründen ihren Preis.

Die Good Guys-Gabel besteht aus 54 Bauteilen. Großer Vorteil: Rick’s verwendet bei Dämpfern und Tauchrohren OEM-Teile von Harley-Davidson
Die Good Guys-Gabel besteht aus 54 Bauteilen. Großer Vorteil: Rick’s verwendet bei Dämpfern
und Tauchrohren OEM-Teile von Harley-Davidson

 

Das Gesicht des Bikes

Die Gabel spielt im Custombike-Bau die wichtigste Rolle. Chopper, Bobber, Cruiser oder Racer – die Gabel ist das Gesicht des Bikes und macht den Unterschied. Erst recht, wenn reichlich Kohle in den Breitreifen-Umbau des Hecks geflossen ist.
Während im Bereich der „Alten Schule“ Springergabeln bevorzugt werden und Racer auf moderne Upside-down-Gabeln setzen, verbaut zum Beispiel Harley-Davidson an der Mehrzahl seiner Modelle konventionelle Telegabeln. Die erfüllen natürlich ihren Zweck, sehen aber, vorsichtig ausgedrückt, eher langweilig aus.
Dragstyle-Bikes und Powercruiser wiederum setzen auf ein elegant-schlichtes Aussehen mit überwiegend glatten Flächen und ver- steckter Technik. Damit musste sich auch Rick’s Motorcycles auseinandersetzen. In Baden-Baden entstehen nicht nur kühle Parts zur Veredlung und Umgestaltung, auf Wunsch gibt es auch Komplettfahrzeuge. Bis 2010 musste man bei Gabeln auf die Konstruktionen verschiedener Anbieter zurückgreifen, was leider auch Abhängigkeiten und lange Lieferzeiten mit sich brachte.


Die 3D-gefrästen Gabelbrücken werden im Haus hergestellt
Die 3D-gefrästen Gabelbrücken werden im Haus hergestellt
 
 

Eine Gabel aus eigenem Haus

Inhaber Rick und seine Mitarbeiter entschieden, eine Gabel im Haus zu konstruieren und herzustellen. Der entsprechende Maschinenpark ist vorhanden. Die Wahl der Baden-Badener Customizer fiel auf eine Telegabel mit 3D-gefrästen Gabelbrücken, die durch ein cleanes Design, also überwiegend glatte Flächen, auffallen sollte. Solche Konstruktionen sind aufwändig, da jede Halterung, Schraube oder sonstiges Bauteil sich ins Gesamtbild einfügen oder unsichtbar sein muss. Hobbyschrauber und handwerklich Begabte, die auf eine Drehmaschine zugreifen können, bauen sich sogenannte Gabelcover, die wenigstens die Standrohre umhüllen. Doch damit ist es bei einer richtig gecleanten Gabel nicht getan. Hier verschwinden mitunter sogar Schutzblech- oder Bremssattelhalterung aus dem Sichtfeld, und die Radachse ist auch nicht mehr zu sehen. Selbst die Klemmung der Standrohre erfordert einen höheren Aufwand, da Bohrungen für die Schrauben unsichtbar bleiben sollen.
Nicht zuletzt bilden ebenfalls geglättete Gabelbrücken den Abschluss. Die Konstruktion selbst erfolgte mittels Computer Aided Design (CAD) am Computer.

Eine gecleante Gabel macht optisch eine Menge her
Eine gecleante Gabel macht optisch eine Menge her

Technisch und fahrphysikalisch wichtig ist die Berechnung des Nachlaufs. Unterschiedliche Gabellängen, Radgrößen oder Lenkkopfwinkel ergeben einen jeweils anderen Wert. Die „Good Guys“-Gabel ist in allen erhältlichen Längen für die gängigen Harley-Davidson-Modelle berechnet. Mit unangenehmen Überraschungen, wie Flattern oder hohen Lenkkräften, müssen künftige Käufer nicht rechnen. Besitzer von Custombikes oder markenfremden Produkten sollten sich aber schon Gedanken darüber machen, ob das Teil auch an ihrem Bike funktioniert, denn es gibt doch einiges zu beachten. Das erklären wir in unserer Grafik.
Doch nicht alles stellen die Baden-Badener selbst her. Bei den Standrohren und Dämpferelementen kommt Original Harley-Davidson Erstausrüster-Qualität, also OEM-Ware zum Einsatz. Hier bietet sich der Vorteil einer erprobten und zuverlässigen Serientechnik. Bei der Gelegenheit fanden auch gleich progressive Federn und ein Gabelöl mit einer entsprechenden Viskosität den Weg in die Standrohre.


Das Motorrad im unveränderten Zustand. Der Nachlauf ist auf den Lenkkopfwinkel und die Radgröße berechnet und bietet optimale Fahreigenschaften
Das Motorrad im unveränderten Zustand. Der Nachlauf ist auf den Lenkkopfwinkel und die Radgröße berechnet
und bietet optimale Fahreigenschaften

Durch den Einbau eines kleineren Vorderrades schrumpft der Nachlauf. Zwar wird das Bike handlicher, verliert aber an Fahrstabilität
Durch den Einbau eines kleineren Vorderrades schrumpft der Nachlauf.
Zwar wird das Bike handlicher, verliert aber an Fahrstabilität

 

Nichts geht ohne TÜV

Nach einer über zweijährigen Entwicklungszeit, etlichen Fahrversuchen und Materialgutachten musste auch noch der TÜV seinen Segen geben. Der beließ es nicht bei ein paar Probefahrten, vielmehr zerstörte er in festgelegten Prüfzyklen die Gabeln gezielt, um ihre Belastbarkeit zu prüfen. Und weil die Schweiz nicht zur EU gehört, bedurfte es dort noch einmal einer zusätzlichen Prüfung, um die Zulassung für den Alpenstaat zu erreichen. Schließlich stehen auch unsere Nachbarn auf umgebaute Bikes.
Betrachten wir nun den ganzen Aufwand, der in so einer „Vorderradführung“ steckt, wird schnell klar, warum es diese Customparts nicht zum Schnäppchenpreis gibt. Erst recht nicht, wenn sie „made in Germany“ sind.


Nach der Montage der Gabel folgen Bremse, Rad und Fender
Nach der Montage der Gabel folgen Bremse, Rad und Fender
 

Was ein „Nachlauf“ ist

Zusammen mit dem Lenkkopfwinkel, auch Steuerkopfwinkel genannt, gehört der Nachlauf zu den konstruktiven Größen an einem Motorrad und nimmt direkten Einfluss auf Fahrstabilität und Handlichkeit.
Denkt man sich eine verlängerte Linie vom Lenkkopf bis zur Straße und misst den Abstand bis zum Reifenaufstandspunkt, erhält man in der Regel einen positiven Nachlaufwert, der in Millimetern angegeben wird. Je größer dieser Wert, umso stabiler ist der Geradeauslauf, da sich das Motorrad durch das Rückstellmoment des Rades von selbst stabilisiert und in die Senkrechte zurückkehrt. Das Prinzip gleicht der Anordnung des Rädchens eines Einkaufs­wagens, der ja ebenfalls nachläuft. Ein kleinerer Nachlauf verursacht deshalb einen instabilen Geradeauslauf, was sich mitunter durch ein flatterndes Vorderrad bemerkbar macht. Aller­dings geht ein großer Nachlauf zu Lasten der Handlichkeit und erzeugt durch das höhere Rückstellmoment auch höhere Lenkkräfte.
Motorräder reagieren übrigens sehr empfindlich auf eine Änderung des Nachlaufs, was viele von uns schon zu spüren bekommen haben. Schon ein Wechsel der Radgröße am Vorderrad nimmt unmittelbaren Einfluss auf die Fahrstabilität. Wer sein Vorderrad von choppermäßigen 21 Zoll auf bobbermäßige 16 Zoll schrumpft, ändert zwangsläufig den Nachlauf. Damit kommt er vielleicht leichter um die Ecken, darf sich aber nicht wundern, wenn die Kiste bei 130 km/h flattert.
 


Schlicht, elegant und vor allem schwarz. Aber für Bling-Bling-Liebhaber gibt es auch eine hochglanzpolierte Version
Schlicht, elegant und vor allem schwarz. Aber für Bling-Bling-Liebhaber
gibt es auch eine hochglanzpolierte Version

 

Rake und Lenkkopfwinkel

Ebenfalls gerne am Bike verändert werden Gabellänge, Rahmenunterzüge oder der Lenkkopfwinkel. Flach angestellte Gabeln mit langen Gabelholmen sehen an einem klassischen Chopper einfach cooler aus. Bei Bobbern hingegen werden die Gabelrohre gerne eingekürzt oder schlicht durchgesteckt.
Wer sich so ein aufwändiges Customizing nicht leisten kann, greift auch gerne zu Gabelbrücken mit einem sogenannten „Rake“. Dann sind die obere und untere Gabelbrücke zueinander versetzt, so dass der gleiche Effekt wie bei einem geänderten Lenkkopf erzielt wird. Nach solch tiefgreifenden Änderung fährt jedes Bike völlig anders.
Motorradhersteller lassen deshalb ihre Berechnungen und Erkenntnisse schon bei der Konstruktion einfließen und sorgen so für die optimale Balance zwischen Fahrstabilität und Handlichkeit.


Ein schönes Frontend ergibt zusammen mit dem Heck einen stimmigen Look. Dieses Bike wird unser Schwestermagazin DREAM-MACHINES  demnächst ausführlich vorstellen, ab Ende Mai am Kiosk
Ein schönes Frontend ergibt zusammen mit dem Heck einen stimmigen Look.
Dieses Bike wird unser Schwestermagazin DREAM-MACHINES
demnächst ausführlich vorstellen, ab Ende Mai am Kiosk

 

Dämpfung und Federung

Zum Schluss kommen wir zu Dämpfung und Federung. Motorradgabeln verfügen sowohl über eine Federung (progressive oder lineare Federn) als auch über eine Dämpfung. In der Regel machen wir uns keinen Kopf darüber, weil die Grundabstimmung für die meisten Fahrsituationen ausreicht. Allerdings wäre ein Motorrad, das nur über eine Federung verfügt, nahezu unfahrbar, da das Bike bei jeder Bodenwelle wild und unkontrolliert durch die Gegend springen würde. Hier greift das Dämpfersystem der Gabel ein. Das Standrohr läuft, vereinfacht gesagt, auf einer Dämpferstange, die mit dem Tauchrohr verschraubt ist, auf und ab. Dabei wird die Ölfüllung im Tauchrohr unter Druck gesetzt, das durch Bohrungen in der Dämpferstange entweichen kann. Über die Größe der Bohrungen und die Viskosität des verwendeten Gabelöls wird die Dämpfung geregelt.
Die richtige Abstimmung zwischen Feder und Dämpfung bringt nicht nur Fahrkomfort, sondern auch Fahrsicherheit. Nur so bleibt –
gemäß einem beliebten Bikerspruch – mindestens ein Rad immer in Kontakt mit der Straße.

    Info & Kontakt   

Rick’s Motorcycles GmbH
Flugstraße 1
76532 Baden-Baden
Tel 07221 - 39 39-0
Fax 07221 - 39 39-150
info@wheelsforwinners.com
www.ricks-motorcycles.com



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Stand:24 June 2018 08:56:44/motorrad/test+und+technik/good+guys_133.html