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BIKERS-NEWS-Gründer Fips blickt in den Rückspiegel und erzählt von den frühen Tagen der MC-Szene. Doch dieses Mal geht es nicht zurück zu den Wurzeln, sondern zurück in die Zukunft …
Es ist samstagmorgens, die Sonne lacht zum Fenster herein. Ich stehe auf, ziehe meine Motorradklamotten und meine Kutte an, schmeiße meine 1984er Evolution an und fahre zum Bones-Camp. Die frische Morgenluft weckt meinen Geist, ich spüre die Freiheit, den Fahrtwind, die Kraft am Hinterrad meiner Harley – der Rebell erwacht in mir, der Adrenalinspiegel steigt. Es wird ein warmer Sommertag und das Leben ist einfach nur geil.
Am Ziel angekommen, sehe ich schon jede Menge Bones-Brothers. Party ist angesagt und im Laufe des Tages treffen immer mehr MCs im Camp ein. Für den Abend steht unser alter Haudegen Hank Davison auf dem Programm, auch er inzwischen ergraut. Aus ganz Deutschland kommen bekannte und weniger bekannte Vertreter der verschiedensten MCs angedonnert …

Alle Colours vereint, auf der Bühne Hank Davison – ein Traum
Alle Colours vereint, auf der Bühne Hank Davison – ein Traum

Eine neue Zeit war angebrochen. Die Bullen hatten in der Vergangenheit mit einem geheimen, nur für den Dienstgebrauch vorgesehenen, sogenannten „Strategiepapier“ ganz bewusst geplant, die bekanntesten Rockerclubs in die kriminelle Ecke zu stellen. In dem Papier war leicht erkennbar, dass die Rocker dafür herhalten sollten, den Polizeibehörden spektakuläre „Erfolgsauftritte“ zu liefern. Bei jeder polizeilichen Pressemitteilung über Rocker durften die Begriffe organisierte Kriminalität, Drogenhandel und Prostitution nicht fehlen. Die Schlagwörter wurden von der Presse auch willig angenommen, sodass bald jeder Bürger ganz genau wusste: Rocker sind Zuhälter, Kriminelle, Erpresser, Frauenschänder und Drogenhändler. Und die Behörden konnten endlich glaubhaft vortäuschen, wie spektakulär und wehrhaft sie gegen organisierte Kriminalität vorgingen: Es brach eine Welle von Hausdurchsuchungen und Schikanen über unsere Szene herein und gelegentliche Auseinandersetzungen unter den MCs wurden mithilfe der Presse zu wahren Rockerkriegen hochgepuscht – genau wie Straftaten, die Einzelpersonen zuzuordnen waren.

Aber die deutschen MCs hatten darauf die richtige Antwort gefunden: Die wichtigsten von ihnen hatten sich zusammengesetzt und sich darauf geeinigt, von nun an alle an einem Strang zu ziehen. Man hatte die überhandgenommenen Razzien und Schikanen der Bullen satt und beschloss, sich nicht mehr gegenseitig zu bekämpfen – und den Behörden dadurch immer wieder Angriffsmöglichkeiten zu liefern –, sondern als Gleichgesinnte miteinander umzugehen. Keine unausgesprochenen Regeln mehr, sondern einfache, verbindliche, mit einem klar definierten Verhaltenskodex – schriftlich festgehalten und nachlesbar. „Ungeschriebene Gesetze“ wurden abgeschafft, weil sie beliebig auslegbar und mit dem Dasein eines Motorradclubs nicht vereinbar waren. Dagegen wurden Regeln festgelegt, die offen ausgesprochen werden konnten, mit dem deutschen Grundgesetz konform waren und deshalb auch nicht mehr „geheim“ sein brauchten.

Keine verschränkten Arme, keine Spannung, keine bösen Blicke – alle begegnen sich auf Augenhöhe und respektvoll
Keine verschränkten Arme, keine Spannung, keine bösen Blicke – alle begegnen sich auf Augenhöhe und respektvoll

Das Wort Respekt wurde neu definiert: Respekt hatte man vor verdienten Persönlichkeiten, nicht vor gewalttätigen – sonst wäre es nicht Respekt, sondern nur Angst. Man vereinbarte aber nicht nur gegenseitigen Respekt, sondern auch, dass jeder in Deutschland einen MC gründen kann und dass auch alte MCs wieder auferstehen können. Man traf neue, verbindliche Vereinbarungen, die das Zusammenleben aller MCs in Deutschland regeln und schrieb sie fest. Die Presidenten verpflichteten sich, dafür zu sorgen, dass ihre Mitglieder den neuen Regeln folgten, die seither auch ohne Probleme von allen Seiten beachtet wurden.

An diese neuen Strukturen hielten sich die MCs und boten der Staatsgewalt und den Amtsträgern keine billige Wahlpropaganda mehr auf Kosten der Szene. Schluss war plötzlich mit „Krieg“ unter den MCs. Man wunderte sich in ganz Deutschland, wie so etwas hatte möglich werden können. Die „Erfinder“ der neuen Regeln hatten ganze Arbeit geleistet und auch die Presse eingehend informiert – und die hatte natürlich sensationsgierig mitgespielt. Man hatte ihnen nur gute Storys mit spektakulären Bildern zur Verfügung stellen müssen und schon schlugen sich die Schlagzeilenerfinder auf die Seite der MCs und stellten sie endlich so dar, wie sie wirklich sind.

So hatte sich im Laufe der Zeit eine völlig neue Oldschool-MC-Elite aufgebaut, gegen die niemand mehr rebellieren wollte, auch weil viele Rebellen den neuen Regeln zugestimmt hatten. So hatte sich auch die Spreu vom Weizen getrennt: Auf der einen Seite die motorradfahrenden MCs und auf der anderen Seite diejenigen, die sich in den letzten Jahren irgendwie dazugesellt hatten. Diese blieben aber nun auf den Gebieten, auf denen sie sich schon immer wohler gefühlt hatten als auf dem Bock und erkannten die neuen Vereinbarungen an. Sie ließen die Oldschool-Szene, die sich inzwischen mit neuem Bewusstsein entwickelt hatte, in Ruhe, weil sie erkannt hatten, dass es hier keine Konkurrenz gab, die man bekämpfen musste, sondern eher breite Solidarität. Seither lief alles friedlich.

Alle sitzen beieinander und erzählen aus den alten Zeiten, als man sich noch gegenseitig bis aufs Messer bekämpfte – was jetzt natürlich keiner mehr versteht
Alle sitzen beieinander und erzählen aus den alten Zeiten, als man sich noch gegenseitig bis aufs Messer bekämpfte – was jetzt natürlich keiner mehr versteht

Deshalb kann man an diesem schönen Samstag auf der Party auch wieder viele alte Colours sehen, wie schwarze Ghost-Riders oder gelbe Ghostrider’s, Lawmen, Saints, natürlich Bones und viele andere große MC-Namen, die man noch von früher kennt. Alle sitzen beieinander und erzählen aus den alten Zeiten, als man sich noch gegenseitig bis aufs Messer bekämpfte – was jetzt natürlich keiner mehr versteht. Im Grunde ging es damals nur um Lappalien oder verletzten übertriebenen Stolz. Heute ist davon nichts mehr zu spüren, ehemalige „Feinde“ umarmen sich, egal welche Farben sie auf dem Rücken tragen. Man kennt sich, man hat im wahrsten Sinne des Wortes eine gemeinsame Vergangenheit – zum Beispiel den denkwürdigen Tag, an dem ein Hells-Angels-President und ein Bandidos-Chef im deutschen Fernsehen einen ersten zaghaften Friedensschluss besiegelt hatten! Die deutsche MC-Szene war eine geballte Macht geworden, die sich heute nicht mehr auseinanderdividieren lässt.

Das ging mir an diesem Tag alles im Kopf herum, als ich über das Partygelände schlenderte. Alles war ganz selbstverständlich: Ich sah Hells Angels, Outlaws, Gremium und Bandidos einträchtig zusammensitzen und feiern, fast wie eine einzige große Familie. Alles ist bunt und durcheinander, nirgends gibt es Pulk-Bildungen, keine verschränkten Arme, keine Spannung, keine bösen Blicke, alle begegnen sich auf Augenhöhe und respektvoll. Als ich mich mal genauer umsehe, erkenne ich sogar Bones-Brothers und alte Mitglieder anderer MCs, die eigentlich schon lange gestorben, aber hier quicklebendig am Party feiern sind – aber auch das empfinde ich als ganz normal.

Sonntag, Morgendämmerung: Nach durchzechter Nacht setze ich mich wieder auf den Bock und donnere nach Hause, ganz in Schwarz, durch die diesigen und feuchten Nebelschwaden des beginnenden Tages – wir sind die Größten! Nachdem ich den Bock abgestellt habe und das Erlebte noch mal Revue passieren lasse, frage ich mich, wie es denn hatte sein können, dass ich die ganzen Brüder so lebendig erlebt hatte, obwohl sie doch schon im Biker Heaven sind. War das etwa alles nur ein Traum gewesen?

Bevor ich mir darauf eine Antwort geben konnte, wachte ich auf. Draußen vor dem Fenster schneite es und ich wurde sehr wehmütig. Ja, es war ein Traum – aber kein schlechter. Vielleicht träume ich im nächsten Heft weiter ...

Fips hat einen Traum – but he’s not the only one …
Fips hat einen Traum – but he’s not the only one …
 

Günther Brecht aka „Fips“ hat vor 35 Jahren die BIKERS NEWS ins Leben gerufen und ist Besitzer unseres Verlags – ein paar Bücher hat er mittlerweile auch geschrieben.

Zuerst veröffentlicht in BIKERS NEWS 01/2016
 
Artikel aus der Ausgabe: 6/18
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