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BIKERS-NEWS-Gründer Fips blickt in den Rückspiegel, schildert seinen Werdegang und erzählt von den frühen Tagen der MC-Szene. Dieses Mal berichtet er davon, wie er erneut in den Knast musste – und wie dort Konflikte geregelt wurden
Mein Bewährungshelfer hatte darauf bestanden, dass ich eine „anständige Arbeit“ aufnehme. Nachdem ich ihn daraufhin beschimpft und sein Büro verlassen hatte, fuhr ich nach Hause und wollte mich auf meine Nachmittagsvorstellung an der Steilwand vorbereiten. Vor unserem Haus stand ein Polizeiwagen. Ich ging ins Haus, die Beamten stiegen aus und folgten mir. Wollen die etwa was von mir, fragte ich mich irritiert. Sollte ich besser wegrennen? Einer der Beamten sprach mich prompt an. „Bist du der Günther Brecht?“, fragte er. „Ja, warum?“ „Mitkommen! Du bist verhaftet!“ Sofort kam mir der Gedanke, die hätten was herausgekriegt wegen der neu geklauten Mopeds. Auf der Wache angekommen erklärten sie mir, Bewährung widerrufen. Ich war fassungslos. Schon wieder hatte meine Bemerkung „Sie känne misch am Aasch lecke“ mein Schicksal besiegelt.
Ohne lange zu fackeln, lieferte man mich wieder ins Mannheimer Landesgefängnis ein, das ungefähr 200 Meter vom Mannheimer Messplatz entfernt lag. Der Knast war, wie bekannt, ein Sternbau, mit einer Überwachungszentrale in der Mitte und fünf „Armen“. Es gab zwei Fronten, die horizontal zum Mannheimer Messplatz zeigten. Ausgerechnet an einer dieser Seiten lag die Zelle, oben im vierten Stock, die ich beziehen musste. Abends ging es dann los. Ich hörte den Lautsprecher der Steilwandbude, der Wind wehte mal leiser und mal lauter Fetzen der vertrauten Musik (River-Kwai-Marsch) her­bei. Ich hing an den Fenstergittern, schrie und heulte. Mir war es dabei völlig egal, dass man als Gefangener nicht ans Fenster durfte. Wieder brach eine Welt für mich zusammen, wieder fühlte ich mich völlig verlassen. Bis zum nächsten Transport nach Schwäbisch Hall dauerte es zwei Monate – also saß ich wieder zwei Monate in der Mannheimer Strafvollzugsanstalt, dann noch weitere zwei in Schwäbisch Hall im Jugendknast.

Essen geklaut

Dort angekommen, kam ich dieses Mal in eine Acht-Mann-Zelle. Ganz neue Erfahrung.Als ich mit meinem Gepäck auf dem Rücken in Begleitung eines Uniformierten ankam, wurde gerade Abendessen ausgegeben. Ich holte meinen Blechnapf aus dem Gepäck und ging hinaus zur Essensausteilung; es gab Grießbrei mit Brot. Zurück in der Zelle stellte ich meinen Blechnapf mit Grießbrei und das dazugehörige Brot, ein viertel Laib, auf einen Platz an einem großen Tisch, ging zu meinem Bettbezug und holte mein Besteck. Als ich zurückkam, saß mir ein blonder, blauäugiger Bodybuilder-Hüne gegenüber, zwei Meter groß, mindestens ebenso breit. Kräftiges, vorstehendes Kinn, Zähne wie Arnold Schwarzenegger – kurz: furchterregend. Er nahm mein Brot, grinste mich mit seinen großen Zähnen grimmig an, schaute mir in die Augen und drückte es dabei in meinen Grießbrei. „Kommt ja doch alles in einen Magen“, scherzte er zynisch. Die anderen Zellengenossen nahmen davon kaum Notiz. Ich war wie versteinert. Was sollte ich machen, dem Typ so als Einstand aufs Maul hauen? Das würde er sich nicht gefallen lassen und darauf hatte er es sicher auch abgesehen. Meine Vernunft (Angst) siegte. So beschloss ich, gute Miene zu bösem Spiel zu machen, hatte aber bei diesem Typ fortan die Faust in der Tasche, für ihn nicht erkennbar, versteht sich. Irgendwann werde ich mich rächen, tröstete ich mich.

Dann wollte dieser Typ wissen, wo ich herkomme und warum ich im Knast saß. Da er genau wie ich breiten Mannheimer Dialekt sprach, lag es nahe, dass er ebenfalls aus Mannheim kam. Auch das noch! Er hatte mit Mopeds wenig im Sinn, sondern eher mit Raubüberfällen und Schlägereien. Er schien in mir eine gute Unterhaltungsmöglichkeit zu sehen, denn jetzt forderte mich dieser Riese siegessicher zum Armdrücken auf. „Oh Gott, jetzt wirst du von diesem Typ auch noch vorgeführt“, dachte ich bei mir. Ich nahm mir vor, mein Bestes zu geben, bereit, mich in mein Schicksal zu fügen.
Ich spürte den ersten Druck und legte mich gleich voll ins Zeug. Ehe ich und mein Gegner sich versahen, knallte ich zu meiner eigenen Überraschung den Arm dieses Hünen mit einem Ruck, sozusagen „leichtfüßig“, auf die Tischplatte. „Beschiss“, schrie der. „Du hast zu früh gedrückt, noch mal.“ Ich dachte mir, dass mein Erfolg am Überraschungseffekt gelegen hatte, gab wieder sofort alles – und gewann erneut, geradezu mühelos. Mein Gegner wollte es nicht glauben, ich auch nicht. Dann wollte er es mit dem linken Arm probieren. Wir setzten uns anders hin, bestimmten diesmal einen Schiedsrichter – wieder gewann ich. Jetzt probierte er alles, mal war ihm der Arm zu kurz, dann zu lang, dann mussten wir den freien Arm ins Genick legen, schließlich den Platz wechseln. Es half alles nichts; ich gewann immer und ich hatte den Eindruck, dass dieser Typ nur aufgeblasen war, aber eigentlich keine Kraft hatte. Zeitweise wurde seine Stimmung richtig gefährlich und bedrohlich für mich. Der Kerl dachte nämlich, ich hätte irgendeinen Trick drauf, ich überlegte schon, immer selbstbewusster werdend, ob ich ihn nicht einfach gewinnen lassen sollte.

Inzwischen war die ganze Zelle auf uns beide aufmerksam geworden und der Hüne hatte sich voll blamiert. Dann wollten es plötzlich alle wissen – und so unglaublich es klingt, ich besiegte sie alle, obwohl ich bestimmt kein Bär bin. Ich hatte aber jahrelang intensiv Handball gespielt und meine Armmuskulatur und der Schulterbereich waren deshalb wohl gut durchtrainiert. Darüber hinaus habe ich sehr lange Arme. Nur, ich hatte das Armdrücken noch nie vorher ernsthaft ausprobiert. Die Angst vor diesen Typen dürfte das ihre dazu beigetragen haben. Adrenalin pur! Meine Siege im Armdrücken ließen mein Ansehen auf der Stelle wachsen. Als ich dann noch erzählte, dass ich Handballspieler sei, waren die nächsten zwei Monate gerettet und schon stand der Bodybuilder im Abseits. Schon am nächsten Tag spielte ich beim Handball mit, in meinem Handballverein in Mannheim, dem ich trotz meiner Irrwege die Treue gehalten hatte, war ich inzwischen zum listigen Kreisläufer mutiert und mit meiner dreijährigen Torwarterfahrung wusste ich perfekt, wie man den Torwart am besten austrickst. Ich ballerte in meiner neuen Knastmannschaft den Gegnern die Tore ins Netz, dass es nur so knallte. Seit ich mitspielte, gewann meine Mannschaft und mein Bau jedes Spiel. Wir waren so gut, dass wir sogar gegen eine Mannschaft außerhalb des Knasts spielen durften. Ich war der „Handballstar“, mit meiner roten Beatles-Mähne im ganzen Knast bekannt.

Die JVA Mannheim, Foto: Rudolf Stricker
Die JVA Mannheim (Foto: Rudolf Stricker)

Das Knastgericht tagt

Meinem Bodybuilder, der übrigens „Sommerlatte“ hieß, ging es in der folgenden Zeit weniger gut. Er hatte sich bei der Arbeit an einem Dosendeckel verletzt und wurde etwa vier Wochen vor seiner Entlassung ins Hospital verlegt. Er rechnete sich aus, direkt aus der Krankenabteilung entlassen zu  werden. Während wir, seine Zellengenossen, bei der Arbeit waren, packte er seine sieben Sachen zusammen. Er packte umsichtig. Es war in unserer Zelle üblich, dass wir alle Kippen in eine gemeinsame Dose warfen, wenn alle keinen Tabak mehr hatten, dann wurden die Kippen zusammen geraucht, das war unsere Notration. Sommerlatte hatte die ganze Dose einfach mitgenommen. In kürzester Zeit wusste der gesamte Knast einschließlich der Wärter darüber Bescheid. Wie es das Schicksal so will, wurde Sommerlatte ganz schnell wieder gesund. Sein Bett war sozusagen noch warm. So kehrte er zur Freude aller in sein altes Bett, in seine alte Zelle und zu seinen alten Zellengenossen zurück. Das war an einem Freitag. Ein Glücksgefühl baute sich in mir auf. Rache! Wir wollten fair zu ihm sein und beschlossen erst für den nächsten Tag, Samstagabend, eine Gerichtsverhandlung anzusetzen. Ich meldete mich freiwillig als sein Verteidiger. Es gab einen Richter, Staatsanwalt, Schöffen und Zeugen – was Gerichtsverhandlungen anbelangte, waren wir ja alle Fachleute. Sommerlatte durfte die Hauptrolle spielen: Angeklagter. Die Sitzung war praktischerweise nicht öffentlich und so hatte jeder einen „Gerichtsjob“.

Ich fürchte, ich war kein besonders guter Verteidiger. Ich übertraf den Staatsanwalt bei weitem und machte dem Richter und den Schöffen klar, dass Sommerlattes schändliche Tat nur mit einer angemessenen Strafe geahndet werden könne. Der Ankläger hatte dem nichts hinzuzufügen und so einigten wir uns auf folgende gerechte Strafe: von jedem 25 Hiebe auf den nackten Arsch mit den Sohlen der Knast-Lederpantoffeln. Fünf Stunden stehend in der nur einen Quadratmeter großen, nicht beheizten Toilette verbringen und schließlich einen großen Schluck von einem Getränk nehmen, das wir Zellengenossen zusammenbrauen würden. Falls er sich weigerte, diesen Schluck zu nehmen, sollte ihm die Brühe ins Bett gekippt werden, in das er sich dann zu legen hatte. Vollzug sofort!

Schnell herbei gejodeltes Sperma

Dann ging es los. Sommerlatte musste seine Hose runterlassen, sich auf den Tisch legen und jeder schlug ihm 25 Hiebe mit dem Schlappen auf seinen Superhintern. Danach war Sommerlattes Bodybuilder-Arsch blutrot und er wimmerte erbärmlich. Während Sommerlatte seine fünf Stunden abstand, mischten wir sein „Getränk“. Was wir da zusammenbrauten, übertraf jede noch so üble Phantasie. In einem Zehn-Liter-Eimer setzen wir eine Brühe an aus Spucke, WC-Reiniger, Seife, Urin und schnell herbei gejodeltem Sperma. Anschließend quirlten wir das Ganze mit dem „Schneebesen“ aus der Toilette. Absolut nicht trinkbar. Sommerlatte hatte seine Stunden in der Toilette „abgestanden“ und weigerte sich nun, auch noch von dem Dreck zu trinken. Deshalb schütteten wir ihm den ganzen Eimer – getreu dem Urteil – in sein Bett und er musste sich dann da hineinlegen, was er auch tat.

Die Gemüter hatten sich aber immer noch nicht beruhigt. Zu Sommerlattes Unglück hatten wir in der ganzen Zelle keinen Tabak mehr und Sommerlatte hatte unsere ganzen Kippen alleine aufgeraucht, er war also schuld! Der Nikotinentzug tat seine Wirkung. Mitten in der Nacht standen plötzlich die zwei Schläger unserer Zelle auf – der eine hatte fünf und der andere sieben Jahre wegen einschlägiger Delikte abzusitzen –, holten den armen, gepeinigten Sommerlatte aus dem nassen Bett und schlugen ihn im Dunkeln nach allen Regeln der Kunst zusammen. Jetzt tat er mir zum ersten Mal leid, meine Rachegefühle waren bereits gestillt. Ich versuchte die zwei von ihrem Tun abzuhalten. Mitten im großen Gezeter ging plötzlich das Licht an und die Nachtwache kam per Rollkommando (acht Mann) rein. Erst jetzt konnten wir sehen, was wir angerichtet hatten. Der Boden war völlig überschwemmt von dem vielen Zeug, das wir ihm ins Bett geschüttet hatten und durch die Schläge ins Gesicht hatte Sommerlatte Nasenbluten bekommen und das Blut hatte sich mit der Flüssigkeit vermischt. Es sah schrecklich aus.

Die Beamten fragten: „Was ist hier los, Sommerlatte?“ „Alles in Ordnung, ich bin nur aus dem Bett gefallen“, antwortete dieser. „Morgen früh ist hier alles picobello sauber, gute Nacht!“ Rums, ging die Tür zu und das Licht aus. Sommerlatte musste nun im Dunkeln die Zelle sauber machen. Einige Zeit später wurde er dann entlassen. Kurz danach gingen auch für mich endlich die letzten zwei Monate Knast zu Ende. Es war wirklich das letzte Mal, denn ich bin nie wieder in den Knast gewandert. Jetzt konnte ich mein Leben selbst in die Hand nehmen. Kein Jugendamt, keine Polizei und kein Bewährungshelfer sollten meine Wege fortan störend kreuzen, nun war ich ein wirklich freier Mann.

Zuerst veröffentlicht im Buch „Rocker in Deutschland – die 60er Jahre“
 
Artikel aus der Ausgabe: 1/19
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