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BIKERS-NEWS-Gründer Fips blickt in den Rückspiegel, schildert seinen Werdegang und erzählt von den frühen Tagen der MC-Szene. Dieses Mal berichtet er davon, wie er nach dem Knast zurück nach Mannheim kommt – und gegen seine Bewährungsauflagen verstößt
Meine Mutter hatte mir geschrieben, dass ich nach meiner Knastzeit nicht mehr nach Hause kommen könnte. Die 70 Mark, die ich mir über acht Monate Knast hart erarbeitet und erspart hatte, würden nicht lange ausreichen; kostete doch schon eine Ein-Zimmer-Wohnung 70 Mark im Monat. Also blieb mir nur eins, in den Zug – die Karte zahlte die Anstalt – ab nach Mannheim. Zu Hause angekommen, warf man mich auch nicht gleich wieder raus, so blieb ich stur zuhause wohnen.
Vom Amt bekam ich einen einarmigen Bewährungshelfer zugeteilt, der nichts anderes im Sinn hatte, als mich schnellstmöglich in Lohn und Brot zu bringen. Also ging ich notgedrungen arbeiten. In der Mannheimer Metallwarenfabrik MANMETA sägte ich von Februar bis September 1964 acht Monate lang Rohre für die Leitplanken an den Autobahnen, die im Akkord an lange Eisenstangen geschweißt wurden.
Gleich nach meiner Entlassung passierte der absolute Hammer! Vom Polizeipräsidium Mannheim bekam ich ein Kärtchen: Ich solle doch endlich mal die Mopedteile abholen, die damals beschlagnahmt wurden – darunter auch meine eigene Kreidler und auch die gestohlene, die als Grundlage für mein Traummoped dienen sollte. Im Nu hatte ich wieder meinen alten Ruf als Kreidlerhändler, meine Mopedteile gingen mir nach kurzer Zeit aus und mit einem neuen Diebespartner aus gutem Hause, dem riesige Kellergewölbe zur Verfügung standen, begann alles wieder von vorne. Allerdings mit dem Unterschied, dass ich arbeiten ging. Niemand wusste, dass ich wieder „unterwegs“ war, und ob die Teile im Keller nun alt geklaut oder neu geklaut waren, konnte auch niemand mehr unterscheiden. Schon nach kurzer Zeit lief das Geschäft wieder bestens. Die Knastzeit hatte nichts genützt. Weitere acht Kreidler, jeden Monat eine, mussten noch dran glauben, bis der wohl entscheidende Wendepunkt kam: die „Monnemer Oktobermess“ 1964.
Zu der Mannheimer Kirmes kamen Steilwandfahrer, die sich mit ihren Indians, einer BMW R 69 S und einem Gokart an der steilen Wand todesmutige Rennen lieferten. Diese Show schauten wir uns immer wieder begeistert an; der Eintritt kostete eine Mark. Eines Tages kündigte der Ansager eine Neuheit an. „Wir suchen wagemutige Männer!“, rief er ins Mikrofon. „Wer es wagt, mit seinem eigenen Motorrad hier an der steilen Wand zu fahren, der bekommt 100 Mark für jede Runde, wenn er ohne Sturz über­steht.“ Fieberhaft begann ich zu rechnen: Zehn Runden und ich wäre um 1.000 Mark reicher. Drei Vorstellungen pro Tag wären schon 3.000 Mark – ich sah mich reich werden. Nur als Maßstab: Ein Liter Bier im Bierzelt kostete damals teure 1,20 Mark. Ehe ich mich versah, hatte ich schon die Hand gehoben: „Hallo, ich!“ Moped geholt, nur wenige Minuten später stand ich unversehens mit meiner Kreidler mitten im Fass zwischen den Akrobaten und ihren schweren Maschinen, die Show begann! Wie ein schweres Gewitter donnerte es in diesem engen Teufelskessel, als diese Helden mit ihren Boliden durch die steile Wand rasten. Mit den schweren Maschinen ließen sie das ganze Fass erbeben, die Holzkonstruktion bog sich und ächzte bedenklich. Mir wurde ganz mulmig. Hatte ich denn überhaupt genug PS? Gegenüber diesen Monstern hatte ich doch nur ein kleines, zirpendes Moped. Die Show neigte sich dem Ende zu, der übliche „Keine Versicherung versichert uns“-Spruch folgte, die Münzen prasselten hernieder.
Dann kam auch schon die große Ankündigung. „Hier ist einer, der sich mutig in die steile Wand stürzen will. Meine Damen und Herren, Beifall für Fips.“ Von unten sah das Ganze wesentlich bedrohlicher aus als von oben aus der Sicht des sensationshungrigen Zuschauers, vor allem dann, wenn man sich auf einmal selbst in die Rolle des Akteurs versetzt sieht. Sechs Meter über mir eine tobende Menge, die Sieg oder Blut sehen wollte. Mir wurde jetzt endgültig ganz anders. Ich wollte nach Mama rufen, das Herz rutschte mir in die Hosentasche, ich bereute jetzt alles, fand aber keine Möglichkeit mehr, mich aus dieser misslichen Lage herauszumanövrieren. Mit zitternden Knien trat ich meine Kreidler an. Mein Motor war gegenüber den vorhergehenden großvolumigen Indian-V2-Motoren so gut wie gar nicht mehr zu hören. Die fuhren natürlich ohne Schalldämpfer und ich gerade mal mit.

„Die Bilder aus der ,Wall of Death‘ des begnadeten Steilwandakrobaten Kamikaze-Pit spiegeln meine Zeit in der Wand wider. Fast genau so sah sie aus, ,meine‘ Steilwand von 1964. Die alten Indians wurden von allen Motorradartisten in der Wall gerne gefahren, weil der V2-Motor besonders zuverlässig und ruhig lief.“
„Die Bilder aus der ,Wall of Death‘ des begnadeten Steilwandakrobaten Kamikaze-Pit spiegeln meine Zeit in der Wand wider. Fast genau so sah sie aus, ,meine‘ Steilwand von 1964. Die alten Indians wurden von allen Motorradartisten in der Wall gerne gefahren, weil der V2-Motor besonders zuverlässig und ruhig lief.“

Egal, Gang rein, Vollgas, Kupplung kommen lassen, auf jeden Fall Gas offen lassen, schalten wollte ich auch ganz schnell. Erster Gang und ganz schnell in den zweiten Gang, das hatte geklappt, die Maschine zog auch im zweiten Gang an. Die Wand kam mit wachsender Geschwindigkeit immer schneller, mit immer größerem Druck auf mich zu. Die Wandbretter fingen an, in dem immer kleiner werdenden Durchmesser der Tonne auf mich einzustürzen. Ich schaute zur Orientierung kurz nach unten, stellte überrascht fest, dass ich schon mindestens drei Meter hoch war. So hoch hatte ich eigentlich gar nicht hinaus gewollt. Ich betätigte ganz vorsichtig die Hinterradbremse und das war’s. Es haute mir das Hinterrad nach unten weg, die Maschine flog über mich, ratschte an der steilen Holzwand entlang, der Auspuff knickte hoch bis zur Sitzbank, ich lag da, auf den Brettern, die meine neue Welt bedeuten sollten, über mir meine Kreidler. Ich war fast unverletzt, aber schockiert. Die Leute klatschten tosenden, ehrlichen Beifall. Das machte mich zwar stolz, aber wo blieben meine schon fest eingeplanten 1.000 DM?
Der Boss der Bude gab mir zehn Mark als „Trostpreis“. „Komm morgen wieder vorbei und probier es noch mal“, bot er mir an. „Das war doch schon ganz gut, wenn’s nicht klappt, gibt’s wieder einen Zehner.“ Mein Stundenlohn in der MANMETA war damals 1,98 Mark, metalltariflich festgelegt. Er machte mir also ein lukratives Angebot, dafür musste ich normal fünf Stunden malochen! Was bedeuteten da schon die zehn Minuten Angst und Sensationslust, die sich inzwischen die Waage hielten? Einen Tag später war ich pünktlich zurück. Über Nacht hatten wir meine Maschine wieder fit gemacht. Dieses Mal blieb ich ganz weit unten, damit bei einem eventuellen Sturz nicht wieder die halbe Maschine ersetzt werden musste. Wenn ich auch Ersatzteile wie ein Weltmeister hatte, so gingen selbst mir irgendwann die Fußrasten zur Neige, die bei solchen Stürzen oft irreparabel abbrachen. Außerdem bekam ich auch Zweifel, ob sich meine Kreidler wegen der vergleichsweise geringen PS-Zahl überhaupt für die steile Wand eignete. Aber vielleicht waren das ja auch nur Ausreden, denn ich hatte einen gesunden Respekt vor dieser Show entwickelt.
Trotzdem: Ich versuchte es erneut. Wieder endete es mit einem Sturz. Wenn auch dieses Mal etwas harmloser. Dann aber nahm der Chef der Crew meine Kreidler und bewies eindrucksvoll, dass die Leistung meines Motors sehr wohl ausreichte! Ich war sprachlos, als ich diesen großen, athletischen Mann mit meiner Kreidler in sechs Meter Höhe, ganz nahe bei den Zuschauern, Runde um Runde drehen sah. Das hatte mich derart beeindruckt, dass ich beschloss, nun alles stehen und liegen zu lassen, um Steilwandfahrer zu werden. Mit dem Chef kam ich schnell ins Geschäft. Ich hatte mein eigenes Rüstzeug, meine Kreidler, dazu meinen Optimismus. Eine mündliche Vereinbarung mit der Showbude war für mich völlig ausreichend, bedeutete für mich also auch offizielle Arbeit, wie vom Bewährungshelfer gefordert.
Schon am nächsten Morgen war ich im Fass und schaute beim Training zu. Ich dachte überhaupt nicht mehr an die Metallfabrik, bei der ich mich ja sowieso zwangsbeschäftigt fühlte. Es sollte künftig keine Vorstellung mehr ohne Sturz mit Fips geben. Inzwischen hatte ich umgerüstet, um ein bisschen eindrucksvoller zu wirken. Meinen Auspuff hatte ich auf das Flammrohr beschränkt, wo nun die offenen Flammen aus dem Krümmer hervorloderten. Wenn ich nun angekündigt wurde, stand ich mit meinem Maschinchen wartend unten im Fass und sobald ich meinen Namen hörte, trat ich den Motor an, gab Vollgas und fuhr mit Karacho über eine Rampe auf die höher liegende Bühne, die außen direkt vor dem Fass stand. Das Vorderrad blieb dabei lange in der Luft, erst mit einem Tritt auf die Hinterradbremse knallte ich ganz kurz vor dem Publikum mit dem Vorderrad auf die Bretter, die nun endlich meine Welt bedeuteten. Dabei fühlte ich mich sauwohl! Alles war klar, ich sollte als Verrückter mitreisen, der die Wand mit Gewalt bezwingen will und der mit seinem Moped im Fass herumfiel. Seit ich mitmachte, war jede Vorstellung sofort ausverkauft. Wenn ich mich recht erinnere, bin ich bei rund dreißig Shows hintereinander aufgetreten. Und bei jeder füllte sich die Zuschauertribüne sofort mit einer gierigen Menge, die mich spektakulär stürzen oder aber erfolgreich an der Wand sehen wollte. Das Showbusiness hatte mich voll im Griff – hier fühlte ich mich zuhause, Zirkusatmosphäre, Abenteuer, purer ging es nicht! Ich wurde zum Stadtgespräch, alle kamen und ich fühlte mich wie ein Star.
Arbeiten gehen – damit war’s natürlich vorbei; ich war ja jetzt Akrobat, Kamikaze, Stuntman, Steilwandfahrer, richtig wichtig. Hatte eine Fangemeinde, die mich bei jeder Vorstellung begleitete: Einen Pulk jugendlicher Mopedfahrer, die nicht an der Raupe oder an den Autoscootern bei den Mädels herumstanden, sondern vollzählig ihren Fips anfeuerten! Einer Ladung zum Bewährungshelfer blickte ich daher gelassen entgegen, ich hatte ja schließlich neue Arbeit. Nur, der einarmige Sesselfurzer war da ganz anderer Meinung. „Das ist doch keine anständige Arbeit“, tat er mir kund. Er bestand darauf, dass ich in der MANMETA weiterarbeiten solle, er hätte da schon angerufen, die wollten mich unbedingt behalten. Ich kam mit meinen „Zirkusargumenten“ überhaupt nicht an. Der wollte mir einfach nicht zuhören und bestand auf seiner Ansicht über Arbeit. Ein Wort gab das andere, schon hatten wir uns in den Haaren. „Wisse Se was, Sie känne misch am Aaasch lecke“, entfuhr es mir schließlich wieder einmal. Mit diesen Worten verließ ich das Büro des Bewährungshelfers – ein für allemal! Dachte ich.
Die Kirmes wäre sowieso in zwei Tagen vorbei, dann wäre ich wie vom Erdboden verschluckt, sann ich verträumt auf der kurzen Heimfahrt durch die Innenstadt Mannheims mit meiner Kreidler. Ich wollte die Zirkuswelt kennenlernen. Wollte in allen Städten Europas als Steilwandfahrer bewundert werden, meine Maschine und die Wand beherrschen, um es meinen Vorbildern aus Wien gleichzutun und irgendwann auch mit einer Indian durch die steile Wand zu donnern. In meiner Phantasie war ich schon unterwegs, ein Star zu werden. Ich freute mich schon auf die nächste Vorstellung. Es erfasste mich Wehmut, ein Gefühl wie vor der Abreise in ein fremdes Land. Meine vielen Freunde werde ich verlassen müssen, aber das verdrängte ich gleich wieder, weil die Welt auf mich wartete! Ich sah mich vor dem Aufbruch in einen neuen Lebensabschnitt stehen. Mannheim adieu, ich musste geradezu zwanghaft meiner Natur folgen, die Welt des Showbusiness hatte mich ergriffen. Der blöde Bewährungshelfer war schon wieder aus meinem Kopf verschwunden, Arschlecken …

Diese und weitere Storys findet ihr im Buch Rocker in Deutschland: Die 60er Jahre, Huber Verlag, Art.Nr.: 701 269, 19,90 Euro, www.szeneshop.co
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