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BIKERS-NEWS-Gründer Fips blickt in den Rückspiegel, schildert seinen Werdegang und erzählt von den frühen Tagen der MC-Szene. Dieses Mal berichtet er davon, wie er eine Kreidler nach der nächsten klaute – und in Einzelteilen verkaufte …
Nachdem meine geliebte Kreidler geklaut worden war, fand die Polizei sie irgendwann ohne Motor und Hinterrad im Neckar. Kurzerhand „rächte“ ich mich, klaute selbst eine Kreidler und baute die Teile aus, die mir fehlten. Nun blieben natürlich von der geklauten Kreidler noch einige Teile übrig, zum größten Teil vordere Bauteile. Da bei Stürzen meistens diese vorderen Teile beschädigt werden, war es kein Problem, sie schnell loszuwerden. Im Nu sprach es sich in Mannheim und Umgebung herum: „Der Fips hat Kreidlerteile.“ Weil keiner Geld hatte, kam mein Angebot gerade recht – ich gab die Teile für wenig, aber gutes Geld weg. Die Nachfrage zog immens an.
Ich witterte ein gutes Geschäft und sah eine rosige Zukunft vor mir. Denn wie so viele meiner Altersgenossen wollte ich nicht malochen gehen. Ich dachte, als Geschäftsmann hätte ich bald ausgesorgt. So kam ich mit meinen zarten 16 Lenzen auf die Idee, eine Kreidler-Werkstatt zu eröffnen. Optimistisch wie ich nun mal bin, schrieb ich einen Brief ans Kreidler-Werk, in dem ich verkündete, dass ich dort das „Kreidler-Handwerk“ von der Pike auf lernen wollte, um dann später in Mannheim eine Vertretung zu eröffnen. Die Leute von Kreidler haben mir nie geantwortet. Ohne es zu wissen, beeinflussten sie damit mein weiteres Schicksal, jedenfalls war ich lange Zeit zutiefst davon überzeugt. Für mich war klar, wer letztendlich Schuld hatte an den nun folgenden Ereignissen.
Das Kreidler-Klauen war mehr oder weniger ein Sport. Ein geübter Tritt an den Vorderreifen und das sogenannte „Schloss“ war aufgebrochenWie gesagt, die Nachfrage nach Kreidlerteilen war größer als das Angebot. Was tut da ein guter Geschäftsmann, der mit entsprechendem Instinkt ausgestattet ist? Er sorgt natürlich für Nachschub. Weil die Firma Kreidler ja anscheinend nicht mit mir zusammenarbeiten wollte, ich aber gerne ein Kreidlerhändler gewesen wäre und die Nachfrage auch noch verlockende Gewinne versprach, schloss sich ein Teufelskreis. Ich wurde nun einfach auf meine eigene Weise zum Hinterhof-Kreidlerhändler.
So kam beispielsweise einer mit einem Kolbenfresser. Er brauchte also einen neuen Kolben und Zylinder. Schnell war ein Deal vereinbart: „Wir beide klauen zusammen, du bekommst den ganzen Motor und ich den Rest.“
Ein anderer brauchte eine neue Gabel und wir vereinbarten: „Du die Gabel und den Vorderbau, ich den Rest.“ Immer ging der größere Anteil an mich. Ich hatte ganz schnell den Ruf, der Kreidlerknacker der Region zu sein und ich genoss es mit großem Stolz. Nahezu jeder in der Region, der Kreidlerteile brauchte und dafür bereit war zu klauen, kam zu mir und suchte meine Partnerschaft, weil ich als der Profi galt.
Die damaligen Kreidler-Mopeds besaßen serienmäßig lediglich ein Lenkradschloss, Zündschlüssel gab es noch nicht in dieser Klasse. Das Schloss war zwar für einen Schadenersatzanspruch gegenüber der Versicherung von Nutzen, konnte aber einen Diebstahl nicht wirklich verhindern. Das Schlossknacken war mehr oder weniger ein Sport. Ein geübter Tritt an den Vorderreifen und das sogenannte „Schloss“ war aufgebrochen. Dann hieß es nur noch, das Ding ganz leise 100 Meter weit wegschieben, Benzinhahn auf, Anlauf nehmen, draufhopsen, Gang rein und ab ging die Fahrt auf dem direkten Weg nach Hause in die Kellerwerkstatt.
Die Fahrgestelle schleppte ich nachts zur nahe gelegenen Kurpfalzbrücke und warf sie einfach in den Neckar. Für die Motoren, die ebenfalls alle nummeriert waren, hatte ich mir identische Schlagzahlen besorgt und erfand einfach eigene Motornummern. Alte Nummer wegflexen, polieren, neue Nummer einschlagen, fertig!
So fuhr ich jede Nacht durch die Gegend und kundschaftete aus, wo serienmäßige Kreidler abgestellt waren. Welch köstliche Beschäftigung, nur Kreidler fahren zu können – dienstlich sozusagen. Ich hatte immer ein Ziel und durfte immer fahren, meine Lieblingsbeschäftigung. So wurde wahr, was ich meinem früheren Lehrherren verkündet hatte: „Ich fahre jetzt nur noch Kreidler.“
Ich wusste im Umkreis von rund 30 Kilometern exakt, wo welche Kreidler standen. Der Handel lief schwungvoll, die Nachfrage war groß. 30 Mark die Woche für die Oma und der Rest für Sprit und für mich, immer gute Teile im Keller – so wollte ich leben. Im Laufe von rund acht Monaten kamen auf diese Weise achtzehn Mopeddiebstähle zusammen; zwei davon hatte ich alleine verübt, alle anderen mit Kumpeln und „Teilhabern“. Eine intensive, sehr abenteuerliche, glückliche und schöne, aber leider auch sehr kurze Zeit, wie man gleich sehen wird. Den vorerst letzten Diebstahl übte ich Weihnachten 1962 aus. Da musste ich mir selbst das größte Geschenk machen, das für mich denkbar war: Eine ganze Kreidler für mich allein, die ich mir dann völlig neu aufbauen würde. Dazu hatte ich mir schon eine ganz bestimmte ausgeguckt, die jetzt auf der Abschussliste stand. So endete das Jahr für mich vermeintlich erfolgreich, schließlich hatte ich mir zu Weihnachten eine komplette Kreidler für mich persönlich geschenkt/geklaut!

1963 – Let’s Twist again

Weihnachten ging rum, Silvester war vorbei und die Faschingszeit begann, das „Kreidlergeschäft“ dümpelte vor sich hin, weil es kalt war. Kurz zuvor war gerade der neue Modetanz Twist von Chubby Checker herausgekommen: „Let’s Twist“ und „Let’s Twist Again“ und „Lets Dance“ von Chris Montez und „Twist and Shout“ von den Beatles waren die angesagten Songs, die von allen Bands, die in Tanzlokalen auftraten, gespielt wurden. Diesen Tanz studierte ich zu Hause ein, bis ich ihn in Vollendung beherrschte. Auf der ersten Faschingsparty lernte ich dann Moni kennen, das einzige Mädchen, das mir im Tanzen gewachsen war und genauso gut Twist tanzen konnte. Die Wochenenden vor Fasching bis hin zum Höhepunkt am Fastnachtsdienstag, für den ich mir die Haare schwarz eingepudert hatte, tanzte ich mit Moni auf allen Partys und war mit ihr Twistkönig der Region. Wir standen sogar in der Mannheimer Tageszeitung als Wettbewerbssieger. Und: Ich war verliebt!
Aschermittwoch, 27. Februar 1963. Morgens um vier fiel ich erschöpft und glücklich auf das Dreisitz-Klappsofa, das tagsüber unsere Wohnzimmercouch war und nachts zu meinem Bett umgeklappt wurde. Das Leben war schön, ich war glücklich, sechzehn Jahre alt und zum ersten Mal in meinem Leben in ein Mädchen verliebt.
Meine Mutter, die meine Einkommensquelle wohl inzwischen erahnte und davon natürlich nicht besonders angetan war, hatte schon mehrfach damit gedroht, zum Jugendamt zu gehen, damit ich in eine Erziehungsanstalt käme, wenn ich nicht bald wieder arbeiten ginge.
Eines Tages hatte sie ihre Drohung dann auch wahr gemacht. Jedenfalls hatte mich ein Herr Scherer vom Jugendamt zur Vorsprache geladen. Ich war zwar hingegangen, hatte die Predigten auch über mich ergehen lassen, aber nur gedacht: „Hoffentlich ist es bald vorbei. Der hat doch keine Ahnung. Ich, der größte Kreidlerspezialist in Mannheim und der, ein unwichtiger Beamter beim Jugendamt.“ Eine größere Kluft konnte es damals für mich nicht geben. Meine Selbstüberschätzung war grenzenlos. Ich nahm also nichts ernst. Und wenn dann meine Mutter oder die Oma mal wieder drohten: „Wenn du jetzt nicht arbeiten gehst, dann sag ich’s dem Herrn Scherer vom Jugendamt“, dann antwortete ich regelmäßig in breitem Monnema Dialekt: „Der konn misch om Asch lecke.“
Wieder zurück zum Aschermittwoch, drei Stunden später, sieben Uhr morgens. Ich lag noch immer glücklich und zufrieden im Bett, mit schwarz gepuderten Haaren auf einem ehemals weißen Kopfkissen und träumte noch von meiner Moni.
Es klingelte an der Haustür und Oma machte wie immer auf. Kurz darauf riss sie, nicht größer als ein Meter fünfzig und klapperdürr, dafür aber äußerst temperamentvoll, mit Schwung die Wohnzimmertür auf und polterte los: „So, jetzt konnscht däm Herr Scherer grad mol selbscht sage, was immer sagscht.“ Wenn’s weiter nichts ist: Ich drehte mich also zu Herrn Scherer um, der inzwischen mit seinem Kollegen Kaiser eingetreten war, und erklärte ihm ohne zu zögern: „Sie känne misch om Asch lecke.“ Dann drehte ich mich demonstrativ wieder herum, um weiter zu schlafen. So war Herr Scherer nicht zu vertreiben. Ganz sachlich fordert er mich auf aufzustehen. Deutete auf die Hose und Jacke aus schwarzem Lederimitat, die vor meiner Klappcouch noch auf dem Boden lagen, und fügte hinzu, er werde die Polizei holen. „Holn’se doch“, war meine patzige Antwort, ich stand aber vorsichtshalber auf und zog mich an.
Dabei hatte ich nur einen Gedanken: Flucht! Kaiser, den Scherer zur Polizei geschickt hatte, war mittlerweile wieder da und Scherer versperrte mir den Weg. Inzwischen war mir auch klar, dass diese Lackaffen tatsächlich die Polizei holen würden und nicht nur drohten. Fährste halt mit, dachte ich mir und an der nächsten Ampel einfach Tür auf, aus dem Auto springen und als alter Handballer die Beine unter die Arme nehmen – und das wär’s dann. Es geschah alles genauso wie angedroht und insgeheim befürchtet. Ich stieg also notgedrungen in das Auto der Jugendamtfuzzys ein, es fuhr los. Die Ampel kam, ich wollte die Tür aufstoßen, dann nichts wie weg. Denkste: Kindersicherung! Dass es so was überhaupt gab, lernte ich erst in diesem Moment.
So fuhren mich die Herren in Behörden-Grau nach Sinsheim, 50 Kilometer von Mannheim entfernt, zu einem ehemaligen Kloster, in dem inzwischen eine damals bekannt-berüchtigte Erziehungsanstalt untergebracht war. Nachdem ich den Ernst der Lage nun endlich begriffen hatte, ließ ich den Dingen erst mal ihren Lauf. Ich beschloss, außer meinen eigenen Überzeugungen gar nichts mehr zu sagen und diese unumstößliche Wahrheit war: Ich würde nicht in dieser komischen Anstalt für verrückte Pädagogen bleiben!

Foto: Norbert Schmitzler, Stift Sunnisheim: zuerst ein Kloster, ab 1889 eine Kindererziehungsanstalt und seit 2011 Kulturzentrum

Der Anstaltsleiter begrüßte mich zuerst freundlich. Er wurde aber schnell unfreundlicher und bestimmter, als ich gemäß meinem Prinzip die Wahrheit zu sagen verkündete: „Ich bleibe nicht hier!“
Ich musste mir das schwarze Pulver aus den Haaren waschen und wurde dann einer Gruppe Jugendlicher zugewiesen. Da stand ich nun, in schwarzem Lederimitat. Für meine Leidensgenossen war ich ein Neuer, ein „Rock ’n’ Roller“, ein Gefährlicher aus den Mannheimer Slums. In Wirklichkeit war ich aber nur noch ein Häufchen Elend, völlig niedergeschmettert. Hätte es mein Stolz erlaubt, hätte ich laut losgeheult. Nichts wie weg hier!
Man hatte mich plötzlich aus meiner schönen Welt herausgerissen: Kreidler fahren, genug Geld für Benzin, überall anerkannt, eine sich anbahnende Liebe. Der Traum aller Träume hatte gerade begonnen, Realität zu werden und war nun von diesen spießigen Beamten jäh unterbrochen worden. Sie wollten meinen Stolz brechen, nicht mit mir!

Zuerst veröffentlicht in BIKERS NEWS 06/2017
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