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BIKERS-NEWS-Gründer Fips erzählt, wie sich der Begriff „Rocker“ in Deutschland durchsetzte – und wie er eines Nachts eine Marktlücke entdeckte ...
In London hatten sich die Rockers und die Mods in den Haaren, das wussten wir aus der Wochenschau in den Kinos. Die Rockers in London hatten Motorräder und Rückenabzeichen, wie die im Film „Die wilden Engel“ auch, also waren die im Film auch Rocker, so wie die Rocker in London. Das war meine damalige Schlussfolgerung. Dass Gene als Amerikaner nicht intervenierte, bleibt ungeklärt, vielleicht dachte er, Patchholder heißen in Deutschland nun mal Rocker, passte ja auch viel besser! Und so etablierte sich der Begriff Rocker unter uns Mannheimern sehr früh, ganz selbstverständlich und von ganz alleine.

In späteren Jahren wollte fast kein MC sich als Rocker bezeichnen lassen, außer mir. Man verband damit was Kriminelles, Schmutziges, Brutales, Backstreet Heroes, etwas Fremdes, was aus Amerika kam und niemand kam auf die Idee, Rockmusik und das Motorradfahren miteinander zu verbinden. Es war eine Lebensart, die mir speziell bestens gefiel, weil ich die Rockmusik und mein Motorradfahren und meinen Club damit verband, wir waren überzeugte „Rocker“! Heute stehen die MCs schon eher zu der wohl sehr treffenden Bezeichnung. Ein Wort, das es in dieser Bedeutung nur in Deutschland gibt. Und wenn ich mich nicht irre, dann haben wir Lost Sons, allen voran meine Wenigkeit, dieses Wort kreiert und alles, was danach kam, wurde nur nachgeplappert.

Im Rückblick auf meine Wilde-Engel-Lenker-Aktion war eines eindeutig zu erkennen: Bei den Motorradfahrern gab es grundlegende Entwicklungen und Veränderungen. Schauten die alten Motorradhasen bisher auf die Amis mit ihren Harley-E-Glides hochmütig herab, mit der Überzeugung, mit den Schiffen könne man doch nicht Motorrad fahren, begann dagegen bei den Jugendlichen, die nach Neuem suchten, das Herz wegen des großvolumigen Harley-Motors höher zu schlagen.

An meinem Helm noch das MMSC-Emblem
Fips trainiert mit Genes Moto-Cross-Maico, an seinem Helm noch das MMSC-Emblem

Aber schon alleine der Preis dieser Schiffe war durchschlagend abschreckend und es sollte noch Jahre dauern, bis die amerikanische Philosophie des Motorradfahrens auch mit Harleys in Deutschland Fuß fassen konnte. Man fuhr Japaner oder Oldies und hatte seine eigene Philosophie, träumte von der absoluten Freiheit, weg von der Spießergesellschaft, hin zum eigenständigen Leben. Man wollte mit Motorrad und Penntüte Gleichgesinnte treffen, die wirklich gute Musik der Zeit genießen und ansonsten feiern und unter sich bleiben. Und, ganz wichtig: Man wollte sich nichts vorschreiben lassen, von niemandem!

Ich hatte mir einen gebrauchten Harley-Sattel von der E-Glide auf meine Horex gebaut. Dadurch gab es wenigstens ein bisschen Harley-Feeling.

Wie ging’s mir finanziell? Während ich so mit meinen Lost Sons lustig unterwegs war, fehlten mir natürlich regelmäßige Einnahmen, mein Schuldenberg wuchs. Ein neues, erfolgreiches Geschäft war mittlerweile dringend notwendig. Der Ausbau unserer Clubräume hatte mich, trotz der Klauerei auf den Baustellen, viel Geld gekostet. Die Mietverträge liefen auf mich, ich litt unter chronischem Geldmangel.

Zum Glück wollte Kurt Meier zu der Zeit gerade mal wieder ein Geschäft, eine Yamaha-Vertretung, eröffnen, und er suchte nach einem kompetenten Partner. Er kam zu mir in meinen Kellerclub und meinte: „Fips, du kennst die Leute alle und kannst gut mit ihnen umgehen, werde doch Verkäufer bei mir.“ Er machte es sogar zur Bedingung, ohne mich würde er den Laden nicht aufmachen. Schnell war ein Deal gemacht, ich sollte mit 25 Prozent beteiligt sein. Bald kam auch noch eine Kawasaki- und Suzuki-Vertretung hinzu und der Laden brummte. Ich kann mich noch gut daran erinnern, als die Mach 3, dieses Drei-Zylinder-Zweitakt-Ungeheuer von Kawasaki, herauskam. Wir hatten zwanzig Vorbestellungen. Nach der Auslieferung dieser ersten zwanzig Stück kamen bereits in den ersten zwei Wochen zehn mit Unfallschäden wieder zurück. Das Ding war einfach zu giftig und nur schwer beherrschbar.

Ich war ein richtig guter Verkäufer und verkaufte jede Menge Kawasakis, Suzukis und Yamahas. Aber obwohl ich jetzt jedes Motorrad fahren konnte, war ich nicht so richtig glücklich bei diesem Job. Es passte mir bald nicht mehr, jeden Morgen um sieben im Laden zu stehen, bis abends um halb sieben, und dann noch einen pedantischen Chef zu haben; und dazu noch eine Chefin, die zwar von mir schwärmte, aber leider Meiers Frau war. Mein Leben als Präsident der Lost Sons war durch meine viele Arbeit auch nur noch ein Schmalspurjob geworden.


Zwischen Rockerleben und Verkäuferjob:
In „Berufsbekleidung“ auf dem Clubgelände


Eines Nachts kam mir eine glorreiche Geschäftsidee. Eigentlich hätten doch alle Motorradfahrer, genau wie ich, das eine oder andere Teil gerne verchromt. Man müsste also nur eine Verchromerei finden, die das macht. Ich konnte gar nicht mehr schlafen vor lauter Aufregung – das musste doch eine Marktlücke sein. Ich setzte mich an meine Schreibmaschine und tippte ungefähr folgenden Text, den ich dann direkt als Anzeige in „Das Motorrad“ aufgab: „Wir verchromen Motorradteile, auch alte gebrauchte! Info anfordern. Metallveredelungsbetrieb Brecht, Mannheim ...“ Ich dachte mir, wenn ich schreibe „Info anfordern“, könnte ich testen, ob überhaupt Nachfrage bestand. Falls ja, könnte ich mir immer noch eine Firma suchen, die mir die Teile dann verchromen würde. So einfach ist das Geschäfte machen, dachte ich noch.

Wochen später, das Motorradheft mit der Anzeige war noch gar nicht offiziell am Markt. Ich stand am Fenster im ersten Obergeschoss. Es war noch früher Morgen, die Menschen gingen ihren Beschäftigungen nach, der Lebensmittelladen gegenüber war Tratschmittelpunkt unserer Straße, davor standen immer beleibte Damen beim Morgengespräch. Direkt vor unserem Haus fuhr ein gelbes Postauto vor. Ein beschauliches Innenstadtbild.

Es klingelte, ich machte auf, von unten schrie es „Pakete für Brecht!“. Ich dachte noch kurz „Pakete? Was soll das denn sein?“, dann schwante mir langsam, was dahinter stecken könnte. Ich nahm rund zehn Pakete in Empfang, die durchweg mit Verchromaufträgen gefüllt waren. Juchhu, ich hatte die Markt­lücke entdeckt. Kurze Zeit später brachte der Briefträger auch noch rund fünfzig Informationsanforderungen! Unser ehemaliges Wohnzimmer hatte ich inzwischen schon lange einfach zu meiner Bude gemacht. Innerhalb von vier Wochen war dieses Zimmer bis an die Decke mit Paketen vollgestapelt. Jeden Tag kamen jede Menge weiterer Infoanforderungen und Pakete, dabei hatte ich weder ein Informationsblatt noch ein Telefon und bis dahin natürlich auch keine Verchromerei!

In Baden-Württemberg gab es zu dieser Zeit etwa zweihundert Metallveredelungs­betriebe, die Adressen holte ich mir bei der IHK Mannheim und ich fuhr alle geeigneten ab – ohne gewünschtes Ergebnis. Niemand wollte alten Chrom, geschweige denn alten Lack entfernen und zudem auch noch die enorme und unbedingt nötige Schleif- und Polierarbeit leisten, wie ich schnell lernen musste. Ich hatte eine Marktlücke entdeckt und konnte sie nicht nutzen.

Langsam kamen erste Beschwerdebriefe, wo denn nun die verchromten Teile bleiben würden. Schweren Herzens musste ich die Pakete unbearbeitet wieder zurückschicken. Monate später sickerte der Strom der Zusendungen endlich langsam ab. Wenn ich selbst da war, verweigerte ich inzwischen schon die Annahme, konnte aber nicht alle Pakete abfangen. So schickte mir einmal jemand einen Horextank mit dem Auftrag ihn auszubeulen und zu verchromen. Ich dachte, jetzt tust du einfach so, als wäre das dein eigener Tank. Ich ging in eine Spenglerei, ließ für einen Kasten Bier den Tank ausbeulen und versuchte mal wieder in einer Verchromerei mein Glück. Kurt Ullrich hieß der Inhaber, ein netter Kerl. Er erklärte sich bereit, den Tank für 30 Mark zu verchromen. Danach schickte ich das Goldstück nicht ohne schlechtes Gewissen für 450 Mark per Nachnahme wieder zurück und dachte, „der wird für immer bedient sein!“

Das Gegenteil war der Fall. Kurze Zeit später kam ein Dankesschreiben und mit gleicher Post fast die gesamte Horex des zufriedenen Kunden. Von den Speichen bis zum hinteren Schutzblech wollte er alles neu verchromt haben. Ich ging wieder zu Ullrich und gestand ihm, dass das gar nicht meine Horex gewesen war und dass es da eine enorme Marktlücke gäbe. Damals herrschte keine Arbeitslosigkeit, im Gegenteil, man konnte nur schwer Arbeiter finden, schon gar nicht für eine Schleiferei. Das war die Zeit, in der die Italiener die Türken waren und an die haben wir uns inzwischen gewöhnt.

Ich schlug Ullrich vor: Ich würde das Schleifen bei ihm erlernen, dann vormittags für ihn nachmittags für mich schleifen. Ohne Bezahlung, dafür würde er mir die Teile verchromen, die ich für mich schliff. Er war einverstanden.

Ich kündigte bei Meier. Der hätte mich zwar gerne behalten, aber ich war voller Optimismus und sah in der Verchromerei das große Geld und wie das Leben eines erfolgreichen Unternehmers sich seinen Weg bahnte. Meier meinte zwar, dass ich meine Verchromidee mit in sein Geschäft einbringen müsse, aber darauf hatte ich überhaupt keinen Bock, ich wollte selbst Chef sein und alleine reich werden mit meiner eigenen „Erfindung“! Auf meine Beteiligung an Motorrad-Meier habe ich einfach verzichtet. Motorrad-Meier wurde noch Süddeutschlands größter Yamaha-Händler.

Ich in Leder bzw. Lederimitat, dafür aber mit echten Cowboystiefeln unterwegs in Mannheim
Ich in Leder bzw. Lederimitat, dafür aber mit
echten Cowboystiefeln unterwegs in Mannheim


Als zusätzliche Hilfe holte ich noch meine Freundin Dagmar in die Verchromerei. Sie war dafür zuständig, die Teile für die einzelnen Kupfer-, Nickel- und Chrombäder in den dafür vorgesehenen Tauchrahmen mit leitfähigem Kupferdraht zu befestigten.

Der Laden lief super. Ich inserierte und konnte mich vor Aufträgen nicht mehr retten. Ich nahm mein ganzes Geld, das ich inzwischen schon mit dem Verchromen verdient hatte, kaufte einen alten VW-Bus für 5.000 DM. Um in eigener Werkstatt Lack und Chrom entfernen zu können, kaufte ich Wannen für Chemikalien, und um selbst schleifen und polieren zu können eine professionelle Poliermaschine für ebenfalls 5.000 DM. Über unserem Clubkeller mietete ich mir eine Werkstatt und fing an, sie entsprechend auszubauen.

Morgens stand ich in der Schleiferei bei Ullrich und schliff für ihn, nachmittags schliff und polierte ich für meine Aufträge. Danach war ich oft noch nachts bis um drei im Clubkeller als Discjockey und Wirt zugange. Dazwischen managte ich noch den ganzen Versand. Ich war völlig überlastet.

Eines Morgens, ich kam mal wieder zu spät, war übermüdet, hatte selbst so viel zu schleifen, dass ich für Ullrichs Schleifarbeiten keine Zeit mehr hatte. Ullrich baute sich vor mir auf und fuhr mich an: „Ich mach das mit deinem Motorradscheiß nicht mehr mit, und deine Freundin kannst du auch gleich mitnehmen!“

Er wollte nicht mehr mit mir reden, bestand darauf, dass ich alles, was mir gehörte, in meinen VW-Bus packen und verschwinden sollte.

Da stand ich nun, meine eigene Schleiferei war noch nicht arbeitsfähig, ich hatte noch keinen Starkstromanschluss für die Schleif- und Poliermaschine, eine Verchromerei hatte ich nun nicht mehr und die Chance eine neue zu finden, war gleich null.

Mein ganzes Geld war investiert, ich hatte noch nichts auf der hohen Kante. Was sollte ich nun machen? Ich ging pleite, musste sämtliche Pakete auf meine Kosten unverchromt wieder zurückschicken und es waren viele, weil ich inzwischen meine Werbung dafür professionalisiert hatte. Da ich den ganzen Kram überhaupt nicht angemeldet hatte, ging nicht nur die „Firma“ Pleite, sondern ich ganz persönlich.

Jung und unbekümmert wie ich nun mal war, belastete mich das aber nicht über Gebühr, ich pflegte ab jetzt das Dasein als MMSC-Präsident, tobte mich mit meinen Jungs Nacht für Nacht aus und ließ die ganze „Spießergesellschaft“ hinter mir. Jetzt wollte ich kein Unternehmer mehr sein, sondern mich nur noch um meinen Club kümmern!

Zuerst veröffentlicht in BIKERS NEWS 08/2018
 

Günther Brecht aka „Fips“ hat vor über 35 Jahren die BIKERS NEWS ins Leben gerufen und ist Besitzer unseres Verlags – ein paar Buchprojekte hat er mittlerweile auch umgesetzt. Der hier abgedruckte Text ist ein Auszug aus dem ersten Teil seines autobiografischen Rückblicks „Rocker in Deutschland – die 60er Jahre.“

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