Das letzte Wort 07-2017

06.08.2018  |  Text: Ahlsdorf  |   Bilder: Volker Rost
Das letzte Wort 07-2017
Das letzte Wort 07-2017
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Auch ein Polizeieinsatz hat seine schönen Seiten. Sagt Ahlsdorf und spricht darüber das letzte Wort
Es begann in den Achtzigerjahren. Damals habe ich auf dem heißen Pflaster Westberlins noch gegen Ronald Reagan demonstriert und Steine geschmissen. Das war ein Kampf Mann gegen Mann. Aber es tauchten schon die ersten Polizistinnen auf.

Seitdem wir Rocker vor der Polizei auch nicht mehr sicher sind und seitdem jedes Onepercenter-Treffen von ganzen Hundertschaften überwacht wird – seitdem sind diese Polizistinnen meine charmanten Begleiter, die mir die Wochenenden in der Rockerszene versüßen. Unsere Rockerbräute haben ja nichts mehr zu bieten. Sie sind so alt wie wir selbst, mindestens ebenso verlebt und zutätowiert auf von unzähligen Turbobräunungen welk gewordener Haut. Das ist nichts mehr fürs Auge.

Im Gegensatz zu diesen Polizistinnen: Anfang zwanzig, ein blonder Zopf unter schwarzem Barett, schwer gepanzert und bewaffnet, darunter stahlhart durchtrainiert in körperlicher Topform. Von denen würde ich mich gerne mal verhaften lassen. Aber als ich das letzte Mal in Ausübung meines Jobs beim Mongols MC in Bremen verhaftet wurde, waren es männliche Polizisten, die mich in den Asphalt gedrückt haben. Ich nehme es ihnen nicht übel, sie mussten in der damaligen Situation alles niederknüppeln, was schwarz gekleidet und kahl geschoren war. Doch meine Polizisten waren eben nur Männer. Was für ein warmes Bad wäre es dagegen gewesen, von einer blond bezopften Polizistin aufs Pflaster gedrückt zu werden – oder sich wenigstens ein bisschen durchsuchen zu lassen!

Das Bemerkenswerte an diesen Polizistinnen in Kampfanzügen ist ja, dass sie nicht altern. Rein rechnerisch müssten die Polizistinnen aus den Achtzigerjahren jetzt auf die fünfzig zusteuern. Breit die Hintern, schlaff die Brüste, drei Sterne mehr auf den Schulterklappen. Aber so eine Polizistin habe ich noch nicht gesehen. Heute, im Jahr 2017, sehen sie immer noch so aus wie vor drei Jahrzehnten. Als blieben sie ewig zwanzig.

So ewig wie die in beige Blousons gekleideten Rentner, die Audi 80 fahren, auf deren Rückbänken Rentnerinnen mit Betonfrisuren sitzen, die sich an den Dachgriffen festhalten. Die gab es auch schon in den Achtzigerjahren. Heute müssten sie längst tot sein, aber ich sehe sie noch immer. Einzig ihre Autos haben sie gewechselt, so wie die Polizistinnen ihre Uniformen. Beide haben offensichtlich das ewige Leben.

Kann es sein, dass ein Pakt mit dem Teufel dahintersteckt? Irgendwas mit finsteren Mächten? Vielleicht sowas wie die Sache mit dem Ewigen Juden, der heute noch wie vor 2000 Jahren unter den Christen herumgeistern muss?

Wir Rocker werden immer älter, immer fetter und immer hässlicher. Die ersten von uns sind längst gestorben und die nächsten werden mit ihrem Übergewicht ziemlich schnell folgen. Da können wir noch so oft unter unseren Namen und Colours den Teufel beschwören und Clubnamen mit allen Variationen des Wortes „Devil“ an unseren unförmigen Körpern tragen. Es scheint trotzdem, als hätten wir die falsche Seite gewählt – es scheint, als stünden die finsteren Mächte auf der Seite unserer Gegner.    «


Zuerst veröffentlicht in BIKERS NEWS 07/2017
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Stand:16 October 2018 08:25:59/news/redaktion/das+letzte+wort+07-2017_18713.html