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Was passiert, wenn ein Biker sich unter ganz normale Menschen verirrt? Das erzählt euch Ahlsdorf. Er hat immer …
Okay, es gehört sich nicht für einen Biker, aber ich gebe es zu: Ich lese dicke Bücher und ich höre gerne auch mal ein Streichquartett. Dafür braucht man Ruhe. Und so habe ich mich vor vielen Jahren auf ein abenteuerliches Experiment eingelassen. Ich habe in einem ganz normalen Bezirk eine ganz normale Etagenwohnung in einem ganz normalen Haus bezogen. Auch die Menschen normal. Stinknormal.

Ein Biker unter Stinos
Unter Stinos also. Das war der Plan: Ich kenne niemanden, niemand kennt mich und wenn ich im Treppenhaus nur ordentlich grüße, so dachte ich, würde ich Ruhe finden. Fehlanzeige. Neben mir wohnte ein verhuschter Mann, der mich prompt in seine Wohnung einlud. Als hätte ich sie sehen wollen. Es war die Wohnung eines Messies. In einem Zimmer stapelte sich das Gerümpel („Hier muss ich dringend mal aufräumen …“), im anderen („aufgeräumt“) stapelten sich Terrarien. Überall. Auf dem Tisch, auf den Sitzflächen der Sofas. Und in allen Terrarien wimmelten echte, lebende Spinnen und Insekten. So also sah es hinter den Türen ganz normaler Menschen aus. Aber dort war es wenigstens ruhig.

Nichts gegen die Frau auf der anderen Seite: alt. Schwerhörig. Wenn Schwerhörige fernsehen, geht das für ihre Nachbarn nicht gut aus. So schwallte jeden Samstagnachmittag der Applaus aus der Michael-Schanze-Show durch die Wand meines Wohnzimmers. Nichts gegen den Mann unter mir: Noch nicht alt, aber alternd. Dazu schwul. Dazu Alkoholiker. Für Schwule ist das Alter eine Tragödie, deshalb saufen sie. Und Stille können sie sowieso nicht ertragen. So lief sein Fernseher nicht nur am Samstagnachmittag, sondern die ganze Nacht durch. Auf voller Lautstärke, während der Schwule sein Altern im Saufkoma ertränkte.

Motorradteile im Keller
Und am Freitagnachmittag, wenn ich von der Arbeit kam und mir gepflegt einen runterholen wollte, rollten die Gartenarbeiter ein. Gärten in stinknormalen Wohngegenden mit Nadelhölzern und Jägerzäunen wollen gepflegt werden. Natürlich mit zweitaktkreischenden Rasenmähern, Vertikutierern und – Ehrensache – Laubgebläsen! So also sah das Leben unter stinknormalen Menschen aus. Es war ein Leben in der Hölle. Die bürgerliche Gesellschaft hatte ihre Fratze offenbart.


Ölschüssel und Biker gehören nicht unter ganz normale Menschen

Natürlich noch nicht ganz. Die Ersatzteile meines Motorrades lagerte ich im Lattenverschlag des Kellers. Als es da unten eines Tages nach Gas roch, hatten die Bürger den Übeltäter sofort gefunden. Das war ich, der Motorradfahrer. Da unten würden offene Schüsseln voller Motoröl liegen, die würden die Geruchsbelästigung verursachen. Dass Altöl nicht nach Gas riecht, war für sie kein Argument. Und nachdem dieser Ahlsdorf mit seinen Motorrädern das Öl rausgeräumt hatte und es immer noch nach Gas roch, kam endlich die Feuerwehr, um die defekte Gasleitung abzudrehen.
Die Gegend, in der ich jetzt wohne, ist nicht viel besser. Ein gewachsenes Dorf, am Rand mit Hypothekenviertel für ehemalige Städter, die ruhig wohnen wollen. Ehemalige Städter von dieser Sorte gründen immer eine Bürgerinitiative gegen Motorradlärm. Sie vergessen, dass sie auf ihren nunmehr vervielfachten Arbeitswegen täglich zweimal alle Straßen verstopfen.

Aber zwischen denen und mir sind jetzt Zäune und Mauern – und Rollläden, die ich runterlassen kann. Die Ölschüssel liegt seitdem wieder offen in meiner Werkstatt. Einsam liegt sie da. Einsam und unerwünscht wie ein Biker, denn der gehört nicht unter ganz normale Menschen.

Zuerst erschienen in BIKERS NEWS 04/2017
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