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Mit unseren Steuergeldern finanzieren wir die Ahnungslosigkeit der Wissenschaftler. Sagt Ahlsdorf und behält darüber das letzte Wort
Es war eine Radiodiskussion, an der ich vor einigen Jahren teilgenommen hatte. Ich saß unter Polizei-Soziologen, es ging natürlich um das Thema „Rockerkriminalität“. Ich habe den Senderaum mit weichen Knien verlassen, weil ich es nicht glauben wollte: Im Lauf der Diskussion, und erst recht nachdem die Mikrofone abgeschaltet waren, stellte sich heraus, dass meine Gesprächspartner nie einen Rocker in echt gesehen hatten. Was sie von Rockern wussten, basierte auf Medienberichten – darunter natürlich auch unsere BIKERS NEWS – und auf den Verhörprotokollen der Polizei. Diese Soziologen waren zum Fremdschämen ahnungslos. Dabei saß ich Leuten gegenüber, die von uns Steuerzahlern finanziert werden und die nun von Steuerzahlern finanzierte Polizisten ausbilden und denen erklären, wer diese Rocker sind, denen sie das nächste Clubhaus kleinschlagen sollen.
Daran erinnerte ich mich, als Chefredakteur Tilmann mir vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen erzählte, das gerade ein paar Wissenschaftler für ein Forschungsprojekt „Rockerkriminalität“ eingestellt hatte. Die Antworten des Instituts auf Tilmanns Fragen zeugen wenigstens von dem Bemühen, echte Rocker aufzutreiben und mit ihnen zu reden, wenn auch nur in ausgewählten „Experten-Interviews“. Das erinnert mich an die Quantenphysik und an die Heisenberg’sche Unschärferelation, die ganz grob und schnell formuliert Folgendes besagt: In dem Moment, in dem ein Forscher seinen Scheinwerfer auf einen Gegenstand richtet, verändert er ihn und sein Forschungsergebnis ist damit nicht mehr verlässlich.
Also besser gar nicht erst rangehen, an diesen Gegenstand? Steckt so eine Überlegung dahinter, weshalb unsere Wissenschaftler bis jetzt allen echten Rockern aus dem Weg gegangen sind? Sie könnten richtig liegen, denn auf polizeilicher Seite gab es ja mal Leute, die mit den Rockern auf Du und Du standen. Das waren die Männer an der Front, altgediente Wachtmeister und Kommissare, echte Vaterfiguren, deren Wort noch was galt und die durchaus auch unter Rockern hochangesehen waren, weil man sich über Jahrzehnte im Alltag zusammengerauft hatte und sich aufeinander verlassen konnte. Das funktionierte grundsätzlich, führte aber gelegentlich zu fragwürdigen Verflechtungen – und vielleicht hat sich sogar wirklich auch mal ein Polizist kaufen lassen. Die Politik hat diese Strukturen zerschlagen. Sie musste Aktionen verkaufen und wenn’s gegen Rocker geht, bringt das Kehren mit eisernen Besen bekanntlich immer Wählerstimmen. Ein typischer Fall war das Rotlichtviertel von Hannover, in dem es unter den Hells Angels eigentlich ganz gut lief aber das durfte ja niemand öffentlich sagen. Dort wurden die altgedienten Kommissare versetzt oder abgesetzt, die neuen Polizisten mussten ihren Dienst vor Ort in einem Container schieben.

Eine wissenschaftlich begründete Taktik: Man fährt mit geschlossenen Scheiben vorbei
Eine wissenschaftlich begründete Taktik: man fährt mit geschlossenen Scheiben vorbei

Als ich vor kurzem den Outlaws MC auf dem Weg zu einem Run begleitete, kreiste an allen Auto­bahnraststätten ein Polizeiwagen um uns. Früher hätten die Cops darin mal die Scheibe runtergekurbelt, ein Outlaw hätte sich zu ihnen runtergebeugt und man hätte übers Wetter geplaudert und sich formlos auf einen friedlichen Tag geeinigt. Selbst die katholische Kirche wurde eines Tages klüger. Sie wollte ihren Gegner kennen, um ihn zu besiegen. Dafür schickte sie nach den Inquisitoren die Jesuiten an die Front. Das brachte ihr nicht den Sieg, sondern es infizierte sie mit dem Virus der Aufklärung. Jahrhunderte später musste sie öffentlich bekennen, dass die Erde rund ist.
Klüger werden kann ansteckend sein. Nietzsche predigte deshalb das „Pathos der Distanz“. Warum also sollen Wissenschaftler die Rocker kennen, wenn sie unseren Politikern sowieso nur gewünschte Ergebnisse liefern sollen? Die staatlich finanzierte Ahnungslosigkeit ist womöglich wissenschaftlich begründet. Wir leben ja nicht mehr im Mittelalter. 

Zuerst veröffentlicht in BIKERS NEWS 09/2017
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