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BIKERS-NEWS-Gründer Fips schildert seinen Werdegang und erzählt von den frühen Tagen der MC-Szene. Dieses Mal berichtet er davon, wie er sich im Knast einlebte, nachdem seine Kreidler-Diebstähle aufgeflogen waren
Am 15. März 1963, meinem 17. Geburtstag, lernte ich meine neue Heimat kennen: Etwa 1000 Häftlinge – ich der jüngste. Schon die Einlieferungsprozedur war schrecklich. Ich musste mich nackt ausziehen, duschen, danach kniete sich ein Uniformierter mit einem Vergrößerungsglas vor mich hin, um mich zwischen den Beinen zu untersuchen. Er hatte, das erfuhr ich später, nach „Sackratten“ gesucht, wie man im breiten Monnemer Dialekt zu sagen pflegte. Dann gab es vorsichtshalber ein paar Sprühstöße DDT und ab ging’s in die Einzelzelle. Mit lautem Rums fiel die schwere Zellentür hinter mir zu, plötzlich Totenstille und ich durfte den Rest meines siebzehnten Geburtstages alleine in einer Gefängniszelle verbringen.

Ich war völlig geschockt, fand die Inhaftierung gänzlich ungerechtfertigt. Warum hilft mir keiner? Ich bin doch noch ein Kind, unschuldig. Ein Justizirrtum. Ich wollte doch nur ein Geschäft aufmachen. Wo sind mein Vater, meine Mutter, mein Bruder, die Oma, meine Freunde? Trotz meines Geburtstages. Ich trommelte verzweifelt an die Tür: Ich bin’s doch, Mannheims berühmter ... Nichts rührt sich, keinerlei Reaktion. Ich bin allein und resigniere, unerträgliche Stille macht sich breit.

Total geknickt wurde ich einen Tag später einem Haftrichter vorgeführt. Ich weiß nicht mehr, für was ich den damals hielt, verstanden habe ich kaum etwas von dieser Prozedur, ich war nicht mehr ansprechbar, tief deprimiert. Er teilte mir mit, dass bei mir Fluchtgefahr bestünde und ich deshalb bis zur Verhandlung im Knast bleiben müsse. Er hatte leider absolut recht mit der Fluchtgefahr. Wären keine Gitter vor den Fenstern gewesen, ich wäre ohne eine Sekunde zu zögern durch das geschlossene Fenster gesprungen.

Schlimmste Befürchtungen überfielen mich, hatte ich doch die lahme Justiz bereits kennengelernt. Ich musste mich wohl oder übel auf einen längeren Aufenthalt gefasst machen. Da tröstete es mich auch nicht, dass ich kostenlos einen Pflichtverteidiger zugewiesen bekam, weil ich noch minderjährig war. Jeden Tag aufs Neue hoffte ich auf ein Wunder und war jeden Morgen darauf vorbereitet zu hören, dass alles ein Irrtum sei und ich entlassen würde.

Irgendwann, nach einer Ewigkeit, besuchte mich meine Mutter – aber nur, um mir Vorwürfe zu machen. Mein Eindruck: Sie war ganz froh, mich und all die Sorgen endlich los zu sein.

Ich schrieb Briefe an Gott und die Welt, aber keiner antwortete mir oder wollte sonst etwas von mir wissen. Mein Vater, mein Bruder, alle meine Freunde, übrigens auch alle, die mit mir zusammen geklaut hatten, nahmen großen Abstand. So langsam fühlte ich mich nicht mehr wie einer, der aus Versehen im Gefängnis gelandet ist, sondern tatsächlich wie ein Krimineller. Keiner bewunderte mich mehr.

In dieser Zeit kam mein Vater sogar zu der Überzeugung, dass er nicht mein leiblicher Vater sein könne, wie er mir Jahre später erzählte. So einsam und verlassen hatte ich mich bis dahin noch nie gefühlt, obwohl ich in dieser Hinsicht durch die Trennung meiner Eltern bereits drastische Erfahrungen gemacht hatte.

Mit der Zeit nahm ich Kontakt mit der mich umgebenden Knastwelt auf, was gar nicht so einfach war. Ich war in einer Einzelzelle eingesperrt, die ich nur für eine Stunde Hofgang pro Tag verlassen durfte. Hofgang bedeutete im Gänsemarsch und mit vier Meter Abstand vom Vordermann im Kreis durch den Hof marschieren, reden streng verboten.

In der Zelle links neben mir saß ein Araber ein, der kein Schweinefleisch aß. Darauf nahm damals aber noch niemand Rücksicht; also pendelte er gegen drei Erka-Drehungen öfter mal sein Essen zu mir herüber. Erka, das war eine Tabaksorte, die nicht aus Tabakblättern, sondern aus den Stengeln gewonnen wurde. Davon gab es ein halbes Pfund zum gleichen Preis wie für eine normale 125-Gramm-Tabakpackung. Drehungen hießen selbstgedrehte Zigaretten, die damals gängige Währung im Knast.

So nach und nach baute ich mir unter diesen schwierigen Bedingungen Kontakte auf und stieg bald, wohl weil ich der Jüngste war, zum Liebling des halben Knastes auf. In dieser Position und als Nichtraucher begann ich damit, aus purer Langeweile kleine Geschäfte – Ware gegen Ware – mit der Erka-Währung einzufädeln. Mein rechter Zellennachbar war ein Deutscher, 36 Jahre alt, der schon öfter hier „gewohnt“ hatte. Mit ihm unterhielt ich mich oft nachts von Zellenfenster zu Zellenfenster, immer etwas in Deckung, weil die Streife alle 15 Minuten unten vorbeilief.

Wir erzählten uns unseren Lebensweg rauf und runter. Es entwickelte sich so etwas wie eine Freundschaft, wir sahen uns nur beim Duschen im Akkord, zum Hofgang oder sonntags in der Kirche. Im Knast zeigten sich übrigens alle sehr fromm, war der Kirchgang doch die einzige Gelegenheit, Information und andere Dinge, zum Beispiel Zeitschriften mit heißen Frauenbildern gegen Selbstgedrehte zu verhökern oder Dinge zu tauschen. Die Heuchler waren also komplett: Der schwarzgekleidete Frontmann genauso wie die „frommen“ Kirchenbesucher.

Eines Nachts hatten mein Zellennachbar und ich die Idee, ein Loch von Zelle zu Zelle zu bohren, damit wir uns kleinere Dinge durchstecken konnten. Wir maßen den genauen Punkt aus und fingen mit Messer und Gabel an zu bohren, mein Zellennachbar unter seinem Bett und ich unter meinem Tisch. Während ich so selbstvergessen, eifrig bohrend, bäuchlings auf dem Boden lag, blickte ich kurz hinter mir hoch, war da nicht was? Doch, da stand ein Aufseher breitbeinig mit verschränkten Armen über mir mitten in meiner Zelle.

„Was machst du da?“

„Äh, ich bohre ein Loch zum Zellennachbarn, damit wir uns Kippen durchstecken können.“

„Morgen früh will ich davon nichts mehr sehen, sonst mach ich Meldung und dann geht’s ab in den Bunker.“

Bunker? Ich hatte keine Ahnung, was das bedeutete, aber das musste vorsichtshalber verhindert werden. Da halfen mir meine Zeit als Malerlehrling und mein jetziger Knastjob als Tütenkleber ungemein. Mit Karton, Kleber, Dreck und was weiß ich noch alles, überklebte ich das Loch so, dass man es nicht mehr sehen konnte. Der Bulle kam am nächsten Abend und schaute nach, streng, aber doch auch nachsichtig und väterlich, und verließ dann wortlos die Stirn runzelnd meine Zelle.

Aber nicht alle waren so nett. Da gab es einen beamteten Wichtigtuer, der hieß Ries, der war nur ein Meter sechzig groß und vermutlich ein Ex-KZ-Wächter und wohl auch deshalb Knastbeamter geworden. Weil ich einfach meine Klappe nicht halten konnte, war es für ihn schon reine Gewohnheit geworden, den Hofgang nach dem Aufschließen folgendermaßen anzukündigen: „Hofgang, heraustreten“, um dann ohne Unterbrechung im Befehlston fortzufahren „und Brecht zurück in die Zelle wegen Schwätzens.“ Ob ich im konkreten Fall wirklich geschwätzt hatte oder nicht, spielte dabei für ihn nicht die geringste Rolle.


Sofern Fips sich nicht aktuellem Geschehen widmet, lest ihr in der nächsten Folge, wie er nach einer Schlägerei in Einzelhaft muss – und schließlich doch noch auf Bewährung entlassen wird

Zuerst veröffentlicht in BIKERS NEWS 08/2017
 

Günther Brecht aka „Fips“ hat vor über 35 Jahren die BIKERS NEWS ins Leben gerufen und ist Besitzer unseres Verlags – ein paar Buchprojekte hat er mittlerweile auch umgesetzt. Der hier abgedruckte Text ist ein Auszug aus dem ersten Teil seines autobiografischen Rückblicks „Rocker in Deutschland – die 60er Jahre.“

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