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Mehrere europäische Länder planen neuartige Blitzer – im Fokus: laute Motorräder
Das für viele Biker zum Vergnügen dazugehört, ist Anwohnern oft ein Dorn im Auge – oder besser gesagt: im Ohr. Verschiedene Studien legen nahe, dass Verkehrslärm auf Dauer gesundheitsschädigend ist. Zwar gibt es Grenzwerte für das Motorengeräusch von Autos und Motorrädern, doch die Überwachung dieser Grenzwerte erfolgt bislang ausschließlich in stichprobenartigen Verkehrskontrollen. Und im Grunde wurde bei diesen Kontrollen auch nur kon­trolliert, ob Änderungen an einem zugelassenen Auspuff vorgenommen wurden oder der Topf womöglich gar nicht zugelassen ist. Das allerdings könnte sich ändern, denn zumindest im Ausland arbeitet man derzeit an „Lärmblitzern“.

Die Méduse („Qualle“) der französischen Umweltorganisation „Bruitparif“: Vier Mikrofone können eine Lärmquelle ziemlich genau im dreidimensionalen Raum identifizieren. Momentan wird das Gerät an verschiedenen Standorten getestet
Die Méduse („Qualle“) der französischen Umweltorganisation „Bruitparif“: Vier Mikrofone können eine Lärmquelle ziemlich genau im dreidimensionalen Raum identifizieren. Momentan wird das Gerät an verschiedenen Standorten getestet

Am ausgereiftesten ist dabei wohl das französische Modell „Méduse“ (zu Deutsch: Qualle), das von der Non-profit-Umweltorganisation „Bruitparif“ entwickelt wurde. Rund sechzig der Sensoren sind bereits in Paris im Einsatz, allerdings hauptsächlich zur Überwachung der Ruhe in lebhaften Vierteln mit vielen Bars und Restaurants und in der Nähe von Großbaustellen. Doch seit September 2019 wird die Qualle auch im öffentlichen Verkehr erprobt: Eine im Stadtzentrum von Villeneuve-le-Roi vor Paris, eine in der kleinen Gemeinde Saint-Forget an der Kreisstraße D 91; dort soll eine weitere in unmittelbarer Nähe bald folgen, außerdem zwei in der französischen Hauptstadt. Das technische Prinzip des Geräts: Vier Mikrofone messen zehnmal in der Sekunde den Lärmpegel der Umgebung. Weil Schallwellen sich mit einer bestimmten Geschwindigkeit ausbreiten, kann die Geräuschquelle dadurch ziemlich exakt im dreidimensionalen Raum bestimmt werden. Farbige Sechsecke markieren Geräuschquellen dann auf einer 360-Grad-Aufnahme der Umgebung, die ein optischer Sensor erstellt. Damit dann ein Bußgeld verteilt werden kann, soll die Qualle mit Überwachungskameras der Polizei verbunden werden, die dann ein Foto von Fahrzeug und Kennzeichen schießen – der Rest wäre Verwaltungsroutine. Soweit die Theorie.

Ganz so einfach ist es dann natürlich doch nicht. Erstens müsste zweifelsfrei bewiesen werden, dass die Qualle den Lärm einzelner Fahrzeuge wirklich eindeutig identifizieren kann, denn das ist Voraussetzung für Sanktionen, also Bußgelder oder Punkte. Zweitens fehlt bislang noch die gesetzliche Grundlage, um die Kennzeichen der Verkehrsteilnehmer in diesem Zusammenhang zu blitzen. Doch bis Ende 2019 soll laut Hersteller vom Conseil d’Etat (Staatsrat) eine entsprechende gesetzliche Grundlage geschaffen worden sein – zumindest für eine Testphase von zwei Jahren. Wie das Ganze in der Praxis dann umgesetzt wird, bleibt abzuwarten, denn es gibt ein Problem: Die meisten lauten Motorräder sind völlig legal laut – auch in Frankreich. Angesprochen auf diese Frage, heißt es von Seiten des Herstellers gegenüber BIKERS NEWS: „Die Frage, welche Geräuschschwellen für die mögliche Verwarnung der Fahrzeuge gelten, ist noch nicht entschieden. Das wird Teil der künftigen Arbeit der betroffenen Ministerien sein. Die Schwellenwerte können je nach Zone die in den Fahrzeugzulassungsbescheinigungen angegebenen Werte oder die nach Fahrzeugtyp festgelegten Schwellenwerte sein. Die Diskussionen zu diesen Themen haben gerade erst begonnen.“

Eine Harley-Davidson Breakout auf dem Prüfstand von KessTech. Und Treffer: Hier wird gerade die erforderliche Messgeschwindigkeit von 50 km/h erreicht. Foto: Ahlsdorf
Eine Harley-Davidson Breakout auf dem Prüfstand von KessTech. Und Treffer: Hier wird gerade die erforderliche Messgeschwindigkeit von 50 km/h erreicht. Foto: Ahlsdorf

Auch in der Schweiz widmet sich die Politik verstärkt dem Thema Motorradlärm. Zwar ist die Eidgenossenschaft nicht Mitglied der EU, hat durch zwischenstaatliche Verträge aber die europäischen Zulassungsvorschriften akzeptiert. Dennoch hat das Genfer Kantonsparlament die Regierung im vergangenen Jahr beauftragt, einen „Lärmblitzer“ entwickeln zu lassen. Forscher der EPFL (L’Ecole Polytechnique Federale de Lausanne) schätzen, dass ein entsprechendes Gerät in zwei bis vier Jahren einsatzbereit sein könnte. Und auch in Großbritannien wird derzeit die automatische Lärmüberwachung getestet.

Problematisch für die Befürworter könnte das geltende EU-Recht werden – und das ist auch in Sachen Motorradlärm alles andere als einfach. Grund dafür ist das komplizierte Messverfahren, das die erlaubten Grenzwerte festlegt. Ähnlich wie die im Zuge des Dieselskandals in die Kritik geratenen Verfahren zur Bestimmung von Abgasemissionen haben diese Verfahren mit der Realität im Straßenverkehr wenig zu tun. Verantwortlich ist ein Expertengremium der Vereinten Nationen, das zweimal jährlich in Genf tagt. Der „Arbeitsgruppe Lärmschutz“ gehören Lobbyverbände der Automobilbranche an, auch der internationale Verband der Kraftradhersteller (Imma) ist mit im Boot. Auch die derzeitig gültige Euro-4-Norm mit ihren Lärmgrenzwerten und Messverfahren geht auf diese Arbeitsgruppe zurück. Im Zuge dieser Norm wurde der Grenzwert für Motorräder von 80 auf 78 Dezibel gesenkt. Allerdings wird dieser Wert nicht ermittelt, indem einfach im Leerlauf der Gashahn aufgerissen wird – stattdessen ist alles bis ins kleinste Detail geregelt: Vom Tempo über die Drehzahlen und den eingelegten Gang bis hin zum Straßenbelag. Jenseits dieser genau definierten Fahrzustände ist theoretisch alles erlaubt. Genau das nutzen auch die Hersteller der beliebten Soundmanagements: Moderne Elektronik erkennt die fraglichen Fahrzustände und schließt eine Klappe im Schalldämpfer – das Bike ist leise. Sobald die „Gefahrenzone“ der Messzustände verlassen ist, öffnet sich die Klappe wieder – das Bike ist laut. Und selbst wenn sich die Gesetzeslage irgendwann ändern würde und es eine absolute Obergrenze für Geräuschemissionen gäbe, würde für alte Motorräder der Bestandsschutz greifen. Sie dürften also immer noch laut unterwegs sein. Im Zweifel müsste die Polizei das fragliche Motorrad also beschlagnahmen und das aufwendige EU-Prüfverfahren durchführen – vor dem Hintergrund von Effizienz und Verhältnismäßigkeit eher unwahrscheinlich.

Klappe eines modernen Soundmanagements von KessTech: Software erkennt die Bereiche, in denen das Bike leise zu sein hat, und schließt sie. Foto: KessTech
Klappe eines modernen Soundmanagements von KessTech: Software erkennt die Bereiche, in denen das Bike leise zu sein hat, und schließt sie. Foto: KessTech

In Deutschland setzt man deswegen auf die Einsicht der Biker – gezwungenermaßen. In vielen Regionen kommen seit einiger Zeit sogenannte „Motorradlärm-Displays“ zum Einsatz. Meist ist darauf ein kleines Kind zu sehen, das sich die Ohren mit den Händen zuhält. Darunter ist eine LED-Anzeige angebracht, die in roten Lettern „Leiser!“ anzeigt, wenn ein individuell festgelegter Grenzwert überschritten wird. Baden-Württemberg nimmt hier eine Vorreiterrolle ein: Als erstes Bundesland hat es einen Lärmschutzbeauftragten berufen, der sich auch und vor allem auf dem Gebiet lauter Motorräder engagiert. So hat das Land auch die Displays der Firma RTB zur Serienreife entwickeln lassen, nachdem eine Testphase in den Jahren 2015 und 2016 erfolgreich verlaufen war. Um bis zu 2,2 dB(A) konnte der Motorradlärm laut Angaben des
Lärmschutzbeauftragtren im Mittel reduziert werden.

Die schwarz-grüne Landesregierung hatte danach eigens ein Förderprogramm ins Leben gerufen: Mit 4.000 Euro subventionierte das Land die Kommunen beim Kauf der rund 15.000 Euro teuren Apparate. Der ursprüngliche Fördertopf musste aufgrund der hohen Nachfrage aus dem laufenden Haushalt auf 130.000 Euro aufgestockt werden: 23 Kommunen hatten insgesamt 28 Displays bestellt. In einer Pressemitteilung hob das Ministerium den messbaren Erfolg der präventiven Maßnahme hervor. Vor allem diejenigen, die nicht leiser müssten, aber könnten, habe man im Visier. „Rechtlich-regulatorische Maßnahmen, um Motorradlärm wirkungsvoll einzudämmen, sind nach derzeitiger Rechtslage nur in engen Grenzen und unter bestimmten Rahmenbedingungen möglich. Mit Motorradlärm-Displays können Motorradfahrende durch die unmittelbare und individuelle Ansprache zu einer moderaten Fahrweise und somit zu einer Reduzierung der Lärmbelastung angehalten werden“, so das Ministerium weiter.

Am Ende der Messstrecke steht das Display
Die Lärm-Displays der Firma „RTB“ erfassen die Geräusche auf einer Spur über eine Länge von maximal einhundert Metern. Am Ende der Messstrecke steht das Display

Die Lärm-Displays von RTB sind simpler konstruiert als die französische „Qualle“. Bei den Geräten des deutschen Herstellers kommt nur ein Mikrofon zum Einsatz, das den Lärmpegel auf einer Spur misst. Zusätzlich ist ein Seitenradargerät integriert: Ein Doppler-Radar hat die Straße im Visier und misst die Länge und Achsenzahl der Fahrzeuge; außerdem wird erfasst, wo der Motor sitzt. Genauere Details will Philipp Karthaus vom RTB-Vertriebsinnendienst verständlicherweise nicht bekannt geben – zwar gebe es keine anderen Hersteller von Lärm-Displays, wohl aber von Seitenradargeräten. Das Radar jedenfalls ist wichtig, denn nur so kann das Gerät zwischen verschiedenen Fahrzeugtypen unterscheiden. Fährt ein lauter Lkw vorbei, reagiert es also nicht. Bei welchem Grenzwert die Geräte anschlagen, ist dagegen eine Frage der Programmierung. Standardmäßig sind sie auf 84 Dezibel eingestellt – ein Schwellenwert, ab dem Lärm schädlich fürs Gehör wird. Laut RTB hätten nahezu alle Kommunen diesen Wert übernommen. Darüber, bei wie viel Prozent der vorbeifahrenden Motorräder die Displays anschlagen, liegen der Firma keine Erkenntnisse vor. Auch das Ministerium habe dazu keine Erkenntnisse, hieß es gegenüber BIKERS NEWS. Die Landesregierung von Baden-Württemberg will darüber hinaus noch in diesem Frühjahr gemeinsam mit Kommunen einen Forderungskatalog zur Eindämmung von Motorradlärm vorlegen. Diskutiert werden unter anderem höhere Strafen für Manipulationen sowie – ein weiteres Mal – Frontkennzeichen für Motorräder.

Die Biker Union hat den Vorstoß Baden-Württembergs auf dem Schirm und sich bereits mit dem Bürgermeister von Abts­gmünd getroffen, einer Gemeinde, die sich der Initiative gegen Motorradlärm angeschlossen hat. Der Bürgermeister will sich nun darum kümmern, dass die Biker Union zu den weiteren Treffen hinzugezogen wird. „Parallel dazu werden wir aber einen Termin mit Verkehrsminister Hermann machen, um mit ihm über diesen Amoklauf seines Lärmschutzbeauftragten zu sprechen“, so Hilton, Vorsitzender der Biker Union.

Clip einer Motorradlärmmessung auf dem Flughafen Lahr, durchgeführt vom Ministerium für Verkehr und Infrastruktur Baden-Württemberg (2015): tinyurl.com/MotorradlaermMessung
Clip einer Motorradlärmmessung auf dem Flughafen Lahr, durchgeführt vom Ministerium für Verkehr und Infrastruktur Baden-Württemberg (2015): tinyurl.com/MotorradlaermMessung
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