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Das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachen beschäftigt sich derzeit mit dem Phänomen „Rockerkriminalität“. Wir sprachen mit Projektleiterin Bettina Zietlow über die Hintergründe und Herangehensweise der Studie
BN: Frau Zietlow, Sie sind Leiterin des KFN-Projekts „Rockerkriminalität“, das seit Anfang des Jahres läuft. Finanziert wird das Projekt durch den Fonds für die „Innere Sicherheit“ der Europäischen Union. Welches Land oder welche Behörde hat dort den Vorschlag eingebracht, eine umfassende Studie zum Thema Rockerkriminalität durchzuführen?
Zietlow: Den Vorschlag hat kein Land und auch keine Behörde eingebracht. Es handelte sich um eine offene Ausschreibung, auf die wir als KFN reagiert haben. Es war also unsere Idee, sich mit diesem spannenden Thema zu befassen. Wir haben einen Forschungsantrag geschrieben, der dann bewilligt worden ist.

Irgendwie muss diese Ausschreibung ja aber zu Stande gekommen sein. Wissen Sie, wer sich auf der EU-Ebene dafür stark gemacht hat, Gelder für eine Studie zur Verfügung zu stellen? Darauf zielte die Frage ab …
Es handelte sich um eine Ausschreibung des Fonds für die Innere Sicherheit der EU, die sich auf verschiedene Kriminalitätsphänomene bezog, die in der Ausschreibung nicht konkret benannt waren. Die eingereichten Anträge wurden dann danach begutachtet, ob sie inhaltlich relevant, methodisch plausibel und wissenschaftlich bedeutsam sind.

Ausgangspunkt und Basis wissenschaftlicher Studien sind Begriffsdefinitionen – wie grenzt die Europäische Union die Rocker­kriminalität von anderen Kriminali­täts­bereichen ab? Und deckt sich dieses Verständnis mit dem des KFN?
Die bestehenden Definitionen, beispielsweise die von Europol und BKA, dienen uns zunächst zur Orientierung und als Arbeitsdefinitionen. Die Formulierung einer eigenen Definition steht erst am Ende des Projektes, wenn wir die gewonnenen Erkenntnisse aus Datenanalyse und Experteninterviews zusammengetragen und ausgewertet haben.

Wie lauten denn die Definitionen von BKA und Europol? Sind alle Delikte, die von Mitgliedern eines Rockerclubs begangen werden, automatisch der Rockerkriminalität zuzurechnen? Wenn also ein Rocker im Alleingang einen Betrug begeht – rechnen BKA und Europol das dann automatisch der Rockerkriminalität zu? Oder muss noch mehr dazukommen, zum Beispiel, dass der Geschädigte Mitglied eines anderen Rockerclubs ist?
Die Definition des BKA, nachzulesen unter anderem auf der Homepage des BKA, lautet: „Rockerkriminalität umfasst alle Straftaten von einzelnen oder mehreren Mitgliedern einer Rockergruppe, die hinsichtlich der Motivation für das Verhalten im direkten Zusammenhang mit der Zugehörigkeit zu dieser Gruppe und der Solidarität zu sehen sind. Rockerkriminalität wird über die Motivation für die begangenen Straftaten, die in direktem Zusammenhang mit dem Motorradclub steht, definiert. Für die Zuordnung reicht die durch kriminalistische Erfahrung untermauerte Betrachtung des Tatgeschehens.“

„Die Verbotsverfahren sind derzeit ein wichtiges Thema in der Szene“

Ende 2016 suchte das KFN über drei Stellenausschreibungen Mitarbeiter für das Projekt. Dort wurde in der Projektbeschreibung als eines der Ziele genannt, Erkenntnisse „zur internationalen Zusammenarbeit“ zu gewinnen. Welche Zusammenarbeit war hier gemeint, die der Motorradclubs oder die der Ermittlungsbehörden?
Grundsätzlich interessiert uns natürlich beides.

Wo funktioniert nach Ihrem Kenntnisstand die internationale Zusammenarbeit besser? Bei den Behörden oder bei den Clubs?
Die Frage erfordert den impraktikablen Ver­gleich von formellen und informellen Strukturen. Inwieweit die einen oder die anderen „besser“ zusammenarbeiten lässt sich zum derzeitig frühen Stadium des Projektes nicht beurteilen und die Beantwortung einer solchen
Vergleichsfrage ist auch gar nicht konkretes Ziel der Studie. Insbesondere bei der Untersuchung der Zusammenarbeit der Rocker geht es uns viel mehr darum, Erkenntnisse über das „wie“ der Zusammenarbeit beziehungsweise der Kontakte zu gewinnen. Welche Einzelpersonen/Clubs kooperieren wie und zu welchem Zweck mit ausländischen Clubs?

In der aktuellen Projektbeschreibung wird der Fokus explizit auf „Verbotsverfahrensakten innerhalb Deutschlands“ gelegt – warum?
Die Verbotsverfahren sind derzeit ein wichti­ges Thema in der Szene, für Beobachter eben-
so wie für die Betroffenen. Daher ist es für uns natürlich interessant, uns diese Maßnahme genauer anzuschauen. Die Akten zu diesen Verfahren dienen uns zudem als Quellen.

„Teilweise tragen Gangs auch Kutten, sie verkörpern aber nicht länger die traditionellen Werte der Rocker“

In der Projektbeschreibung machen Sie einen Unterschied zwischen „Rockern“ und „rockerähnlichen Gruppierungen“ – wo genau liegt der Unterschied?
Nicht nur wir differenzieren hier: In der Wissenschaft sowie bei den Ermittlungsbehörden wird unterschieden zwischen den „Oldschool-Rockern“, deren Gruppenidentität primär um das Motorrad kreist, und anderen Gruppierungen, beispielsweise Street Gangs. Teilweise tragen diese Gangs auch Kutten und haben ähnliche innere Strukturen und Hierarchien, sie verkörpern aber nicht länger die traditio­nellen Werte der Rocker als eine Gruppierung von Männern, die, von ihrer Liebe zum Motor­-
radfahren verbunden, loyal füreinander einsteht und sich gegenseitig unterstützt. Die dem gegenüberstehenden neuen Gruppierungen verfügen oftmals über die gleichen inneren Strukturen und Hierarchien, ihre Zusammenkunft und Gruppenidentität dient aber eher pragmatischen Zwecken. Diesen – teilweise selbsternannten – Rockern kommen Strukturen und Reputation der Clubs zugute, mit dem traditionellen Rocker haben sie, nach unserer vorläufigen Einschätzung, aber wenig gemein.

„Als Wissenschaftler ist es unsere Aufgabe, Themenfelder zu erforschen, die gesellschaftliche Relevanz haben.“

Mit dem Satudarah MC und den Osmanen Germania streben laut der Projektbeschreibung zwei neue Gruppen „ins Feld.“ Zumindest in Hessen bestehen laut Auskunft des LKAs aber keinerlei Berührungspunkte zwischen den genannten Gruppen – und die Osmanen wurden immerhin in Frankfurt am Main gegründet. Gibt es das vermeintliche gemeinsame „Feld“ vielleicht gar nicht?
Mit Feld ist hier die deutsche Rockerszene im Allgemeinen gemeint, einen Zusammenhang zwischen den beiden Gruppierungen oder Überschneidungen in der Gebietsauswahl sollte mit der Formulierung nicht impliziert werden.

Das KFN spricht von einem „deutliche[n] Anstieg an Verfahren, die im Zusammenhang mit Rockergruppierungen und Organisierter Kriminalität stehen“ – bis heute wurde aber kein einziges Mitglied eines MCs wegen der Bildung oder Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung verurteilt. Gibt es nicht dringendere Kriminalitätsfelder zu erforschen? Welche Zahlen und Fakten belegen die „gesellschaftliche Relevanz“, von der das KFN spricht?
Als Wissenschaftler ist es unsere Aufgabe, Themenfelder zu erforschen, die gesellschaftliche Relevanz haben. Diese Relevanz kann ganz objektiv, zum Beispiel mit hohen Fallzahlen, begründet sein oder subjektiv, im (Un-)Sicherheitsgefühl der Bevölkerung. Die ausführliche mediale Berichterstattung über Rocker und Rockerkonflikte zeigt, dass es ein breites Interesse für diese Themen in der Bevölkerung gibt. Ein weiterer Punkt, warum dieses Thema für uns, aber auch gesellschaftlich relevant ist, ist, dass es bisher sehr wenig wissenschaftliche Forschung hierzu gibt. Andere Kriminalitätsfelder mögen höhere Fallzahlen haben, die sind aber oftmals bereits gut erforscht. Hinzu kommt, dass das Forschungsprojekt Rocker nicht das einzige am KFN ist. Derzeit laufen 20 Projekte parallel, eine Fokussierung auf ein Kriminalitätsfeld mit vergleichsweise geringen Fallzahlen schließt also nicht die Erforschung anderer Themen aus.

Nehmen Sie eine beliebige Stichprobe von Medienberichten über Rockerclubs: Der Anteil der Berichte, in denen die Verfasser die betroffenen Clubs zu Wort kommen lassen, tendiert gegen null. In der Regel werden Pressemitteilungen der Polizei übernommen und mit einem Archivbild eines muskulösen, stark tätowierten Bikers versehen. Für die Medien sind das billig produzierte Beiträge, die bei der Bevölkerung offensichtlich gut ankommen – das haben Sie eben ja auch gesagt. Könnte es also sein, dass Rockerkriminalität in erster Linie ein Medienphänomen ist? Wollen Sie den medialen Aspekt des Themas ebenfalls berücksichtigen?
Genau aus diesem Grunde ist es uns für das Gelingen des Projekts sehr wichtig, nicht nur mit Vertretern der Strafverfolgungsbehörden, sondern auch mit weiteren Experten für dieses Phänomen zu sprechen. Deshalb ist es angedacht, einzelne Betroffene zu interviewen und somit ein ganzheitliches Bild zu erlangen. Daneben ist die Analyse der medialen Berichterstattung natürlich von Bedeutung. Es ist ja spannend, warum Berichte über Rocker anscheinend die Auflagen steigern.

Frau Zietlow, in einer Pressemitteilung haben Sie verlautbart, „mit den zuletzt offen ausgetragenen Macht- und Revierkämpfen [würde] das Sicherheitsgefühl in der Bevölkerung erheblich erschüttert.“ Auf welche Quellen stützen Sie diese Einschätzung?
Sie stützt sich zum einen auf Medienberichte, zum anderen aber auch auf unser Wissen darüber, woraus Kriminalitätsfurcht resultiert.

„Unseren Gesprächspartnern haben wir Anonymität zugesichert“

Teil des Forschungsdesigns sollen Experteninterviews sein – mit wem genau wird das KFN sprechen?
Unseren Gesprächspartnern haben wir Ano­nymität zugesichert, ohne deren explizite Zustimmung können und möchten wir keine konkreten Namen nennen. Im Rahmen des Projektes sind, neben Aktenanalysen, 45 Interviews vorgesehen. 25 davon werden mit „Experten“ im weiteren Sinne geführt. Hierunter fallen Polizeibeamte ebenso wie szenekundige Journalisten, wissenschaftliche Autoren, Vertreter von Staatsanwaltschaft und Anwaltschaft. Des Weiteren sind Interviews mit Mitgliedern von Rockergruppierungen geplant. Wir freuen uns, wenn Interessierte Kontakt mit uns aufnehmen oder Kontakte herstellen. Unser Ziel ist es, mit einer möglichst vielfältigen Gruppe an Interviewpartnern zu sprechen, um uns ein umfassendes und differenziertes Bild über die Szene zu schaffen.

„Natürlich würden wir uns wünschen, dass die Erkenntnisse einen gesellschaftlichen Mehrwert haben“

Vielleicht melden sich ja eini­ge Rocker bei Ihnen, nachdem sie dieses Interview gelesen haben. Da Sie auch von „selbst­ernann­­­ten“ Rockern sprechen und sie den „echten“ gegenüberstellen: Anhand welcher Kriterien filtern Sie die Interessierten, die sich bei Ihnen melden? Wie wollen Sie die „Wichtigtuer“ von „Vollzeitrockern“ unterscheiden?
Zunächst einmal filtern wir gar nicht. Aus Erfahrungen in anderen Forschungsprojekten weiß ich, dass sich über die richtigen Fragen mit jedem Gesprächspartner interessante Interviews führen lassen.

Wissenschaft sollte im Idealfall ergebnisoffen forschen. Steht das nicht im Widerspruch mit dem Umstand, dass das Projekt in einen direkten Verwertungszusammenhang gestellt wird? Schließlich „soll dazu beigetragen werden, die Arbeit von Polizei und Justiz gegenüber dieser spezifischen Form von Organisierter Kriminalität noch effektiver zu gestalten.“
Ergebnisoffene Forschung und die Intention, Forschungsergebnisse für eine breite Öffentlichkeit nutzbar zu machen, müssen nicht im Widerspruch stehen. Natürlich würden wir uns wünschen, dass die von uns zusammengetragenen Erkenntnisse einen gesellschaftlichen Mehrwert haben, beispielsweise indem Ermittlungsprozesse effektiver gestaltet werden können. Effektiver kann bedeuten: Es wird gezeigt das bestimmte Ermittlungs- und Präventionsmaßnahmen besonders wirkungsvoll sind. Effektiver kann aber auch heißen: Das Phänomen Rockerkriminalität wird politisch und medial überschätzt und die zu Ermittlungszwecken eingesetzten Ressourcen könnten für andere Themenfelder/Kriminalitätsfelder besser eingesetzt werden. Im Endeffekt liegt die Entscheidung, wie das gewonnene Wissen genutzt wird, ja auch nicht bei uns, wir stellen es lediglich zur Verfügung.
 


Kriminologisches Forschungsinstitut Niedersachsen e. V.
Lützerodestr. 9
30161 Hannover
Tel 0511–34 83 60
www.kfn.de


 
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