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Nachtwölfe-President Chirurg im Gespräch mit BIKERS NEWS
Alexander Sergejewitsch Sal­dastanow ist Gründer und Presi­dent der Nachtwölfe, des ältesten und größten russischen Motorradclubs. Saldastanow wird 1963 in der Ukraine geboren und wächst in Sewastopol auf. Nach einem Medizinstudium arbeitet er einige Zeit als Arzt in einer Unfallklinik – seitdem trägt er seinen Spitznamen „Chirurg“. Mitte der Achtzigerjahre lebt er in Berlin, wohnt in einem besetzten Haus und arbeitet im Club „Sexton“ im Stadtteil Schöneberg. Dort kommt er auch in Kontakt zu West-Berliner MCs, zu denen er teils engere freundschaftliche Beziehungen pflegt. Als er nach Moskau zurückkehrt, gründet er dort ebenfalls einen Club namens Sexton – und schließlich einen MC. Der fährt zunächst unter dem Namen „Night Wolves“, erst vor einigen Jahren werden die lateinischen Buchstaben auf dem Colour gegen kyrillische getauscht. Die Umbenennung in „Ночные Волки“ (gesprochen „Notschnyje Wolki“, zu Deutsch „Nachtwölfe“) sei ein Kampf um die eigene Identität, die eigene Sprache und eigenen Werte gewesen, so Chirurg im Interview. Kritiker des Clubs sehen darin einen weiteren Beweis für dessen nationalistische Ausrichtung. Fest steht, dass das Verhältnis der russischen Rocker zu Politik und Kirche bestens ist. 2013 erhält Chirurg aus Putins Händen den „Orden der Ehre“, ein Jahr später die „Medaille für die Rückholung der Krim“. Die Nachtwölfe hatten während der Krise in der Ukraine öffentlich die Position Russlands unterstützt, drei Member verloren bei Auseinandersetzungen im Osten des Landes ihr Leben. Auch während der Krimkrise war der Club aktiv am Geschehen beteiligt. Kurze Zeit nach der von den Vereinten Nationen verurteilten Angliederung der Halbinsel an Russland veranstalteten die Nachtwölfe in Sewastopol eine ihrer großen „Bike-Shows“. In Deutschland kennt man den Club vor allem aufgrund seiner „Siegesfahrten“: Seit einigen Jahren fahren Member und Unterstützer der Nachtwölfe gemeinsam nach Berlin, um dort am 9. Mai an den Sieg über Nazi-Deutschland zu erinnern. 2019 feierte der Club sein dreißigjähriges Jubiläum mit einer großen Party in Moskau. Hier sprach BIKERS NEWS mit Chirurg über Geschichte und Gegenwart der Nachtwölfe – und darüber, was sie von anderen Motorradclubs unterscheidet …

Die Nachtwölfe auf einer Parade in Sewastopol (Krim). Chirurg wuchs in der größten Stadt der Halbinsel auf
Die Nachtwölfe auf einer Parade in Sewastopol (Krim). Chirurg wuchs in der größten Stadt der Halbinsel auf

BIKERS NEWS: Herzlichen Glückwunsch zu dreißig Jahren Notschnyje Wolki – lass uns erst einmal über Motorräder reden. Dein erstes Bike soll eine Jawa aus der Tschechoslowakei gewesen sein. Stimmt das? Und welche Motorräder stehen heute in deiner Garage?
Chirurg: Ja, das stimmt! Jetzt habe ich aber viele Motorräder. Im Laufe von dreißig Jahren haben sich viele angesammelt. Klar, dass meine Lieblingsmotorräder die sind, die ich selbst zusammengeschraubt oder an deren Herstellung ich teilgenommen habe.

Du hast Mitte der Achtzigerjahre in Berlin gelebt und dort unter anderem als Türsteher im Schöneberger Club „Sexton“ gearbeitet, der später Vorbild für den Club hier im Bike-Center wurde. Gibt es etwas typisch Deutsches, was du hier in Russland vermisst?
Ja, sehr. Und für mich ist das Sexton nicht nur durch die vergangene Zeit, sondern auch unter anderem durch diesen Namen eine Verbindung mit Deutschland. Außerdem bin ich mit Deutschland sogar familiär verbunden.

An was denkst du als Erstes, wenn du an Deutschland denkst?
Nun, das Erste ist die Zeit meiner Jugend. Eine sehr glückliche Zeit, die für mich Russland und Deutschland miteinander verbunden hat – und viele Menschen zusammengebracht hat.

Seit einiger Zeit stellen wir in jeder Ausgabe unter dem Motto „Eine Szene, viele Gesichter“ einen Biker vor – und eine unserer Standardfragen möchte ich auch dir jetzt stellen: Welche Arbeit am Motorrad sollte jeder Biker beherrschen?
Früher gab es keinen einzigen Biker, der sein Motorrad nicht kannte und nicht daran schrauben konnte. Wenn du mich das in den Achtziger- oder frühen Neunzigerjahren gefragt hättest, wäre das für mich absolut absurd gewesen.
Heute ist das anders, die Zeiten haben sich geändert – nicht nur in Europa, sondern auf der ganzen Welt, auch in Russland. Jetzt ist die Zeit der Einwegplastikbecher. Kunststoff ist ein Einwegartikel. Daher hat sich die Philosophie geändert, auch in Bezug auf das Motorrad. Es hat aufgehört, ein Freund zu sein. Es hat aufgehört, das zu sein, wofür man es auf besondere Weise schätzt. Ich spreche über einen Trend, auch in unserer Subkultur. Das Motorrad wurde zu einem vorübergehenden Phänomen – nach einiger Zeit musst du ein neues Modell kaufen, es besteht keine Bindung mehr zu seinem Besitzer. Und so kamen mit den Einwegbechern auch viele Plastikbiker. Einmal-Biker. Ich kannte an meiner Ural jede Schraube. Wir haben die Ventile im Zylinderkopf noch mit der Hand eingeschliffen. Wir haben das Motorrad in gewisser Weise als beseeltes Wesen behandelt. Es war ein Freund, wie ein Pferd für einen Wikinger oder für einen Kosaken.


Wenn du auf einer einsamen Insel ausgesetzt werden würdest und dürftest nur drei Dinge mitnehmen: Für was würdest du dich entscheiden?
Chirurg (lacht): Keine Ahnung. Zuerst vielleicht Streichhölzer, ein Messer – und natürlich ein Motorrad!

Das Verhältnis der Nachtwölfe zu Politik und Behörden ist ausgezeichnet. Bereits mehrfach sind Putin und Chirurg gemeinsam öffentlich aufgetreten
Das Verhältnis der Nachtwölfe zu Politik und Behörden ist ausgezeichnet. Bereits mehrfach sind Putin und Chirurg gemeinsam öffentlich aufgetreten

Kommen wir jetzt zu den Notschnyje Wolki und ihrer Geschichte. Wenn man es genau nimmt, ist der Club sogar älter als dreißig Jahre; seine Wurzeln reichen zurück bis in die Achtzigerjahre, als sich eine Gruppe jugendlicher Metalfans den Namen „Night Wolves“ gab. Nicht jeder ist mit der jüngeren Geschichte Russlands vertraut. Bitte erzähle uns deswegen noch einmal kurz ein bisschen was über diese Zeit: Wie sahen Moskau und Russland Mitte der Achtzigerjahre aus? Wie wurden die illegalen Konzerte, auf denen die Night Wolves als Securitys gearbeitet haben, organisiert? Und wurde diese jugendliche Szene damals verfolgt und kriminalisiert oder hat die Obrigkeit eher weggesehen und versucht, das Ganze zu ignorieren?
Lass uns mit der Geschichte anfangen. Ein weiterer negativer Trend in der Welt ist die Auslöschung der eigenen Geschichte. Was soll ich sagen? Es ist nicht verwunderlich, wenn die Leute es nicht wissen. Es ist aber auch nicht so schlimm, wenn die Menschen die Geschichte der Nachtwölfe nicht kennen. Schlimmer ist es, wenn sie die Geschichte Russlands nicht kennen – oder die Geschichte des Landes, in dem sie leben. Das ist viel schlimmer. Und in dieser Hinsicht versuchen wir natürlich, uns mit all dem auseinanderzusetzen, was wir in diesem Kampf um unsere Vergangenheit machen können. In modernen Kriegen werden nicht militärische Einrichtungen, sondern Museen als Erstes bombardiert. Symbole. Denn wenn einem Volk seine Geschichte genommen wird, hört es auf, ein Volk zu sein. Das ist das Gleiche, wenn uns die Erinnerung an den Krieg, an den Großen Vaterländischen Krieg, genommen würde. Wenn unser Glaube von uns genommen wird, werden wir aufhören, Russland zu sein. Dann muss man unser Land nicht erobern, man muss nicht mal gegen uns kämpfen. Russland ist dann kein Staat mehr, sondern einfach nur ein Territorium. Sobald Europa das Christentum, die Geschichte und die Vergangenheit weggenommen werden, wird dies das Ende Europas und vor allem das Ende Deutschlands sein. Gleiches gilt für die Nachtwölfe. Wenn man dem Club die Geschichte seiner Entwicklung, seine Schwierigkeiten, seine Überwindungen, seine Fehler und seine Siege nehmen würde, würden die Nachtwölfe aufhören, Nachtwölfe zu sein. Sie wären alles, aber keine Nachtwölfe. Darum ist die Frage über die Vergangenheit so wichtig. Dafür führen wir auch unseren eigenen Krieg. Weil es ohne die Vergangenheit keine Zukunft gibt. Deswegen trefft ihr uns auch, wenn wir die „Straße des Sieges“ entlangfahren. (Gemeint ist die Fahrt von Moskau nach Berlin, mit der die Nachtwölfe seit einigen Jahren an das Ende des Zweiten Weltkriegs erinnern, Anm. d. Red.) Die Menschen spüren es und unterstützen uns daher wahrscheinlich auch so.

Wie ist der Name „Night Wolves“ überhaupt entstanden? Gibt es dazu eine kleine Geschichte, eine Anekdote?
Es gab viele Ideen für einen Namen. Angefangen von „Dienst für Unordnung“ bis hin zu irgendwelchen „Haien“ oder Gott weiß was; alles, was überhaupt nicht zu uns passte, mir persönlich hat es jedenfalls nicht gefallen (lacht). Weil wir kein „Dienst“ sind und weil wir auch kein Fisch sind, eine hirnlose Kreatur. Ein Hai ist auch ein Fisch – und ein Fisch kann nicht denken. Er lebt nur von seinem Instinkt und wenn er seine Innereien sehen könnte, würde er sie verschlingen. Wir brauchten also einen anderen Namen, eine andere Benennung. Als das Wort „Wolf“ auftauchte, war ich sofort begeistert. Und dann wurde das Wort „Nacht“ hinzugefügt, denn für uns ist ein Wolf ohne Mond wie ein Nachtwolf ohne Motorrad.

Mit wie vielen Membern haben die Notschnyje Wolki damals angefangen und wie viele dieser ersten Member sind heute noch dabei?
Die ersten Mitglieder waren fünfzehn Personen – zwölf oder fünfzehn. Übrig sind von denen … (denkt nacht) Zayetz (Hase), Sasonow, Anton und Polkovnik (Oberst) … (denkt nach) – fünf Leute!

Night Wolves im Gorki-Park, in der Mitte Chirurg, 1991
Night Wolves im Gorki-Park, in der Mitte Chirurg, 1991

Wie und warum sind die Notschnyje Wolki zum größten Motorradclub Russlands geworden?
Das Phänomen ist mysteriös, so mysteriös wie das Phänomen des Clubs Nochnyje Wolki selbst. (lacht) Aber ich würde dazu noch etwas hinzufügen: Ich denke, wir haben viel gewonnen, als der Club überzeugte. Nichts verbindet die Menschen mehr als ein gemeinsames großes Ziel. Es ist in einer kleinen Organisation, in einer Subkultur wie unserer, ähnlich wie in einem Staat. Nichts eint Deutschland mehr als eine nationale Idee, ebenso wie Russland. Das ist ein Thema, das von den Medien tabuisiert wird. Russland kann nicht ohne eine messianische Rolle, ohne eine Mission existieren. Daher ist das ein sehr wichtiger Moment, für den es noch einen Kampf geben wird. Einer der wichtigsten Punkte, die Russland behindern, ist das Verbot von Idealen in der Verfassung. In der modernen russischen Verfassung ist Ideologie verboten. Dies ist ein schwieriges Thema, auf das ich nicht näher eingehen werde, aber es ist das, was jedes unserer Programme durchdringt, was wir im Film „Russischer Reaktor“ gezeigt haben und was auf jeder Bike-Show zu hören und zu sehen ist. In unserer Subkultur haben wir versucht, uns große Fragen zu stellen und Antworten dazu zu finden. Das unterscheidet uns von allen anderen Motorradclubs. Das hat in unserer Subkultur noch niemand getan. Wir haben lange und schmerzhaft nach Antworten auf diese Fragen gesucht. Dank dafür, dass Gott uns Menschen geschickt hat, die uns bei der Beantwortung dieser Fragen geholfen haben. Genau darüber habe ich gestern auf der Bühne gesprochen, das gesamte Publikum angesprochen, meine Freunde, Gäste, die gestern zu unserem dreißigsten Geburtstag gekommen sind. Das war der Sinn meiner gestrigen Rede anlässlich unseres Jubiläums.
Die Antwort auf die Frage, warum wir zu so einem starken Phänomen geworden sind: Menschen, die einen Traum und ein gemeinsames großes Ziel haben, Überzeugungen, werden unglaublich stark. Es gibt ihnen die Möglichkeit, bei Bedarf die Zone der Angst zu betreten und keine Angst davor zu haben, Prüfungen und Schwierigkeiten zu bestehen. Wie die ersten Apostel Christi. Ihr Glaube gab ihnen unglaubliche Fähigkeiten und Möglichkeiten. Er führte zur Christianisierung der ganzen Welt. Sie sahen den Tod Christi mit eigenen Augen und waren bereit, für ihren Glauben zu sterben. Das braucht man genau dann, wenn es unmöglich ist, mit Waffen zu siegen; wenn die Technologie nicht funktioniert.


Wie ist euer Verhältnis zu anderen Clubs? Gibt es MCs, zu denen die Notschnyje Wolki in Russland oder im Ausland besonders enge Beziehungen unterhalten?
Wir haben viele Freunde, du hast selbst gesehen, welche Autorität der Club hat und wie viele Leute bereit sind, uns zu folgen.

In Deutschland gibt es in vielen Regionen sogenannte „Runde Tische“. Dort treffen sich Vertreter verschiedener Clubs, um sich auszutauschen, um über Probleme zu sprechen, wenn es welche gibt, oder Partytermine abzusprechen. Gibt es in Russland ähnliche formelle Strukturen in der Bikerszene?
Eher nein als ja. Hier findet jeder alles vom anderen heraus, es gibt nicht einmal ein besonderes Bedürfnis nach so etwas. Mit modernen Kommunikationsmitteln ist das auch nicht notwendig. Wir alle sehen uns oft, bei manchen Veranstaltungen bilden sich spontan Runde Tische. Hinter jedem Busch haben wir diese Runden Tische!

In Berlin hast du auch Freundschaft zu Membern des Hells Angels MC geschlossen. Waren die Hells Angels in irgendeiner Weise Vorbild beim Aufbau der Notschnyje Wolki?
In gewisser Hinsicht ja. Aber hier kann ich keinen Bestimmten benennen. Wir waren eng mit dem Dragons MC befreundet und ich hatte sehr gute Beziehungen zu einigen Mitgliedern vom Born to be Wild MC. Ich hatte eine besondere Beziehung zur Motorrad-Subkultur – obwohl ich mich noch mehr für die Hells Angels interessierte.

Stimmt es, dass die Nachtwölfe die World Rules der Hells Angels übersetzt und große – oder kleinere – Teile davon übernommen haben?
Ich möchte dir sagen, dass heute sogar unsere Weste, die wir tragen, ein eigenes Gesicht hat. Anfangs waren wir Gegner, aber ich interessierte mich für diese Leute. Ich wäre aber unter keinen Umständen ein Hells Angel geworden; dennoch: einige Leute waren für mich interessant, ich war sogar mit ihnen befreundet. Generell war diese ganze Subkultur, die ich in Berlin kennengelernt habe, interessant für mich – auch musikalisch, nicht nur rund um das Motorrad, sondern die ganze jugendliche Subkultur, die sich dort gezeigt hat. Der Geist Westberlins war einzigartig und wird nie wieder so sein. Das war ein ganz besonderer Ort. Europa, keines der europäischen Länder hatte eine Seele wie Westberlin. Dort herrschte eine ganz besondere, einzigartige Atmosphäre. Zu meiner Zeit in Kreuzberg gab es dort Plakate von Karl Marx, Sicheln, Hämmern und Sternen. Dort war der Geist des Protests spürbar, ein besonderes und völlig antibürgerliches Flair. Che Guevaras rebellischer Geist – den mochte ich wirklich. Die Umgebung, in die ich in Berlin damals, sprichwörtlich, eingetaucht bin, hat mich sehr gut und warm aufgenommen, die Deutschen haben mich zu der Zeit sehr gut aufgenommen. Nicht russische Migranten, es waren Deutsche! Alle meine ersten Freunde, auch meine erste Liebe, waren Deutsche. Deswegen wollte ich diese Zeit zumindest durch den Namen des Sexton-Clubs erhalten. Ich wollte diese Verbindung nicht nur zwischen mir, dem Motorradclub und bestimmten Orten in Berlin erhalten. Ich wollte noch weiter gehen und sie auf Ebene der beiden Länder Russland und Deutschland bewahren. Das ist auch einer meiner Träume. Man muss aber sagen, dass dieser Traum unversöhnliche Feinde hat. Eine Union Deutschlands und Russlands ist Amerikas Albtraum und würde nie akzeptiert werden. Das heißt aber nicht, dass wir nicht dafür kämpfen sollten. Persönlich werde ich dafür bis ans Ende gehen.

Die Night Wolves haben sich irgendwann umbenannt in Notschnyje Wolki. Wann genau war das – und was war der Grund?
Fangen wir an mit der tollwütigen Russophobie, der totalen Ungerechtigkeit, die meinem Staat widerfahren ist. Dann die dramatischen Ereignisse des Zusammenbruchs eines Landes; und trotzdem waren sie der Grund für die Vereinigung des anderen Landes, das ich liebte – ich spreche von Deutschland. Kurzum: Es war ein Kampf um die eigene Identität, eigene Sprache und die eigenen Werte.

Am 31. Mai 2019 feierten die Nachtwölfe offiziell ihren 30. Geburtstag. Unter den Gratulanten: BIKERS-NEWS-Chefredakteur Tilmann. Auf dem Schild, das er Chirurg überreichte, steht zweisprachig „Friede, Freundschaft und Respekt“
Am 31. Mai 2019 feierten die Nachtwölfe offiziell ihren 30. Geburtstag. Unter den Gratulanten: BIKERS-NEWS-Chefredakteur Tilmann. Auf dem Schild, das er Chirurg überreichte, steht zweisprachig „Friede, Freundschaft und Respekt“

Seit 2017 sind die Colours der großen MCs in Deutschland verboten. Bandidos MC, Gremium MC und Hells Angels MC dürfen ihre Abzeichen nicht mehr in der Öffentlichkeit tragen. Die Behörden haben in den letzten Jahren auch viele Chapter und Charter verboten – das heißt, Rocker und MCs sind in Deutschland oft ein Feindbild von Politik und Medien. In Russland ist das nicht so. Die Notschnyje Wolki haben gute Beziehungen zum Kreml und zur Kirche, erhalten auch finanzielle Unterstützung …
Ich erlaube mir hier eine kleine Bemerkung: Die MCs sind nicht der schlimmste Feind Deutschlands. Es gab viel gefährlichere Feinde. Obwohl Drogen und Morde natürlich Dinge sind, die den Staat zerstören – das muss beendet werden. Menschen sollten nicht für Drogen, für Bordelle oder für andere halbkriminelle Geschäfte sterben. Menschen werden nicht dafür geboren. Das ist nicht das Ziel, für das man sein Leben geben sollte. Man sollte es nur für große Werte hergeben, dann ergibt es Sinn. Ein Mensch sollte aber nicht für persönliche Zwecke auf der Straße sterben.

Worauf ich eigentlich hinaus wollte: Was machen die Notschnyje Wolki anders als andere, westliche Clubs?
Wir machen so viele Sachen – es würde mir einfacher fallen zu sagen, was wir nicht machen! Wir sind leuchtende Anhänger des Staates geworden, der Werte, auf denen Russland basiert und aus denen das Land entstand. Das ist eine endlose Suche nach und ein Krieg um Gerechtigkeit. Auf meinem Emblem hier steht „Gerechtigkeit steht über dem Gesetz“. Diese Gerechtigkeit kann man nicht auf alltäglicher Ebene erreichen – ich spreche von einer anderen Gerechtigkeit. Über dieser Gerechtigkeit gibt es nur eines: Liebe.

Wie würdest du die Rolle der Notschnyje Wolki in der russischen Politik und Gesellschaft beschreiben?
Die Nochnyje Wolki sind ein Phänomen der „Volksdiplomatie“. Sie sind viel mehr als nur ein Motorradclub. Selbst der schlechteste Platz auf der Welt wird mit einer großen Idee stärker und schöner. Wir haben uns von Anarchisten in glühende Verehrer des Staates verwandelt. Danke, dass Gott uns einen würdigen Präsidenten gab, wie er schon lange nicht mehr da war – seit Stalin. Obwohl ich weiß, dass er in Deutschland eher einen schlechten Ruf hat. Das hat die Propaganda gemacht. Um fortzufahren: Wir sind Oppositionelle geblieben und fordern jetzt die unehrlichste Regierung heraus, die Weltregierung. Wir sind aber immer noch dieselben Rebellen. Die Sanktionen gegen mich sind, wie einer unserer Freunde, ein Veteran des Großen Vaterländischen Krieges sagt, der in Sewastopol lebt, „aus Liebe zu Russland“ verhängt worden. Das Erste, was Amerika tat, als es unsere Rolle in der Volksdiplomatie erkannte, war, mich zum Feind zu machen. Es war für mich sehr enttäuschend, dass sich auch Deutschland diesen Sanktionen angeschlossen hat.

Welche Rolle spielt der christlich-orthodoxe Glaube im Cluballtag? Ist es Voraussetzung, christlich zu sein, um ein Nachtwolf zu werden? Ich habe jedenfalls gehört, dass auch Moslems Member sind …
Ich werde es erklären. Russland ist ein multi­nationales Land, in dem jede Nation einen Staat bildet – Russen, Tschetschenen, Jakuten und Tataren, sie alle können unterschiedliche Glaubensrichtungen haben. Die russisch-orthodoxe Kirche kämpft nicht gegen andere Glaubensrichtungen – sie kämpft gegen Satanismus, Heidentum und anderen Häresien, aber nicht gegen den muslimischen Glauben. Der Glaube ist die Seele. Und wenn der Mensch keine Seele hat, kann er auch nicht kämpfen. Hier unterscheidet sich Europa von Russland – dort wird der Mangel an Glauben propagiert, die Entchristlichung Europas führt aber zur Schwäche gegenüber dem Bösen. Das darf man nicht zulassen. Mit einem Beispiel kann man es besser verstehen: Auf der Titanic gab es alles – Luxus, Geld, Sicherheit, Liebe. Aber das Wichtigste fehlte: ein Schutzengel und Glaube. Das Finale der Titanic kennt ihr ja. Und was jetzt in der Welt gebaut wird, ist ein neues Babylon. Die Bike-Show vom 10. August 2019 heißt „Der Schatten von Babylon“. Was mich dazu inspiriert hat, diese Bike-Show so zu nennen, ist eines der Symbole der Europäischen Union; es hat die Form des Turms von Babylon (Chirurg spricht hier vom Gebäude des EU-Parlaments in Brüssel, das entfernt an den Turm von Babel erinnert, wie er von Pieter Brugel im 16. Jahrhundert gemalt wurde, Anm. d. Red.). Die Entchristlichung – die wahre Konstruktion Babylons – ohne Gott, ohne christliche Werte, wird zum Zusammenbruch führen.

Das Interview fand am 1. Juni 2019 im Bike-Center statt, dem Hauptquartier der Nachtwölfe
Das Interview fand am 1. Juni 2019 im Bike-Center statt, dem Hauptquartier der Nachtwölfe

Wie bist du selbst zum Glauben gekommen? Gab es ein bestimmtes Ereignis, das ausschlaggebend war?
Ja, mehr als eines. Ich hätte blind sein müssen, um Atheist zu bleiben. Außerdem ist Atheismus, in meinem Fall jedenfalls, auch ein Glaube – und zwar an das, was hartnäckig geleugnet wird, selbst wenn Fakten für sich sprechen. Heute leben wir in einer Ära gigantischer ideologischer Kämpfe. Dieser Kampf besteht aus zwei Weltanschauungen – Materialismus und Metaphysik, zu der Russland gehört. In einer der Bike-Shows lautete der Anfang eines Textes „Die Welt lebt vom Warten auf das Ende, ein geheimer Defekt treibt die Welt ans Ende“. Der Defekt ist für mich die Welt der Materialisten.

Was bedeutet Freiheit für dich?
Weißt du, momentan gibt es eine Menge Spekulationen zu diesem Thema. Der Teufel hat die Menschen immer mit der Freiheit verführt.
(Hier wechselt Chirurg von Russisch auf Englisch und betont, es sei ihm wichtig, dass die Menschen in Deutschland ihn richtig verstehen. Gerade bei schwierigen Fragen käme es auf die genaue Übersetzung der Antworten an. Er wolle sich deswegen beim Thema Freiheit kurz fassen und einfach antworten, Anm. d. Red.)
Freiheit ist für mich, wenn ich mit dem Motorrad außerhalb der Stadt fahre; wenn ich aus dem „Betonsack“ ausbreche und auf den endlosen Straßen meines geliebten Russlands zwischen Städten hin- und herfahre. Wenn ich keinen Helm trage. Wenn der Wind meine Haare zerzaust und auf meine Brille bläst. Wenn ich die grenzenlose Natur meines geliebten Russlands sehe. Diese Momente machen mich unendlich frei und glücklich. Wenn das ganze Rudel, das Nochnyje Wolki heißt, hinter mir fährt.


Als die Notschnyje Wolki noch unter dem Namen „Night Wolves“ fuhren, gab es eine Zeit lang auch in Thüringen ein Chapter. Seit 2007 fährt es unter dem Namen „Wolfpack“. Gibt es Pläne, erneut als Notschnyje Wolki Chapter in Deutschland oder Westeuropa aufzumachen?
Ja, gibt es – und mehr als das, denn in gewisser Hinsicht können die Deutschen sogar russischer als wir sein. Für zwei von ihnen bin ich Taufpate, weil sie den orthodoxen Glauben angenommen haben. Diana, Gott hab sie selig, war ebenfalls orthodox. (Diana war eine Deutsche, die Member der „Nacht-Walküren“ war, dem Frauenclub der Nachtwölfe; 2018 starb sie bei einem Motorradunfall, Anm. d. Red.) Sie war also eine echte Deutsche mit russischer Seele. Zu solchen Dingen sind die Deutschen fähig – keine Ahnung, wer sonst. Ich nenne jetzt nicht die Serben – die sind eine eigene Geschichte, sagen wir mal so, die sind Russland.

Letzte Frage: Stell dir eine Welt vor, in der das Motorrad nicht erfunden worden ist. Würde es die Notschnyje Wolki dort trotzdem geben – und wenn ja, wie würde das Clubleben dann aussehen?
Chirurg (lacht): Ich kann mir eine Welt ohne Motorrad nicht vorstellen. Ich denke, wenn Christus ein drittes Mal zu uns kommen würde, würde er wahrscheinlich nicht auf einem Esel nach Jerusalem zurückkehren – er würde wohl auf einem Motorrad fahren.
Das ist einer der Gründe für meinen Traum, dass Russland wieder gute Motorräder produziert. Wer weiß, vielleicht wird Deutschland bei diesem Projekt der erste Partner sein?


Wenn es so weit ist, werden wir darüber berichten!
Chirurg (lacht): Auf dass ihr die Ersten seid, die mir dabei helfen! (An die Zuschauer/Leser gerichtet): Wir laden euch alle ein, nach Moskau zu kommen, ins Bike-Center; und zu unserer Bike-Show in Sewastopol am 10. und 11. August. Ich verspreche euch hiermit als Präsident des Clubs, dass ihr so etwas noch nie gesehen habt – und nie wieder sehen werdet!

Kontakt
Bike Center Sexton – Notschnyje Wolki
Ulitsa Nizhniye Mnevniki 110
123423 Moskau
www.nightwolves.ru
www.bikecenter.ru

 


Termine:
26. April 2020: Saisoneröffnung in Moskau und Start der diesjährigen „Straße des Sieges“ (Fahrt nach Berlin)
31. Mai 2020: 31 Jahre Notschnyje Wolki (Moskau)
8.–9. August 2020: Bike-Show
(Gasforta, ca. 15 km von Sewastopol, Krim)

Tipps zur Anreise und Hilfe bei Visa-Angelegenheiten gibt es zum Beispiel bei der Agentur Neuwirt in Leipzig:
Neuwirt Reiseagentur
Poetenweg 4
04155 Leipzig
Tel. 0341 4927318
www.agenturneuwirt.de

Seht hier einen Clip vom Interview:
tinyurl.com/InterviewChirurg

Im vergangenen Sommer besuchte BIKERS NEWS die Nachtwölfe in Moskau.
Von Frank­furt am Main ging es zunächst nach Travemünde, von dort mit der Fähre nach Helsinki, weiter über St. Petersburg und Weliki Nowgorod bis in die russische Hauptstadt. Der Weg zurück führte über Lettland, Litauen und Polen.
Was während zehn Tagen auf einer Strecke von rund 5400 Kilometern geschah, schildert dieser Film: tinyurl.com/ReisedokuNachtwoelfe

Den Bericht über die Jubiläumsparty vom 31. Mai 2019 lest ihr hier:
tinyurl.com/30JahreNachtwoelfe




 
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