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Fritz und Felix sind nicht nur Vater und Sohn, sondern auch Brüder. Auf zwei alten Shovels haben die beiden Bandidos Europa bereist
Als sein Sohn ungefähr acht Jahre alt ist, fasst Fritz einen festen Entschluss: Wenn er in Rente ist und Zeit hat, wird er mit dem Motorrad quer durch Europa reisen. Das ist schon eine Weile her und mittlerweile ist Felix, sein Nachwuchs, 24 Jahre alt und fährt selbst Motorrad. Er ist es dann auch, der seinen Vater an dessen Traum erinnert. Und auch die Mutter unterstützt den Plan, das Projekt nun langsam anzugehen, und begrüßt es, dass Felix mitfahren will – schließlich geht Fritz auf die siebzig zu.

Mehrere Wochen und mehrere tausend Kilometer sind geplant. Doch die Extraportion Abenteuer kommt erst durch die Bikes ins Spiel, mit denen Vater und Sohn auf die Reise gehen wollen. Wenn schon, dann soll es echtes amerikanisches Alteisen sein: Fritz auf seiner Shovel im Wishbone-Rahmen von 1950, der Sohnemann auf einer Shovel im Straightleg-Rahmen von 1952. Das Ganze mit Landkarten statt Navi und natürlich ohne Servicecar, das im Abstand von hundert Metern mit gekühlten Getränken und Ersatzteilen hinterherfährt – einfach kann ja jeder.

Ein bisschen Planung muss im Vorfeld natürlich trotzdem sein. Schließlich wollen die beiden Ende Juli auf jeden Fall im südfranzösischen Arles sein, denn dort soll der diesjährige National Run des Bandidos MC stattfinden, das große, jährliche Treffen aller europäischen Member.

Fritz und Felix
Fritz und Felix

Ja, sowohl Fritz als auch Felix sind Bandidos. Vater und Sohn in einem Club? Kann das denn gutgehen? „Das ist, wie wenn Vater und Sohn in der gleichen Firma sind. Deswegen war ich auch in einem anderen Chapter Prospect und Probationary, in Bogen, ungefähr 135 Kilometer von hier“, kommentiert Felix. Erst jetzt, als Fullmember, will er nach Ingolstadt wechseln, ins Chapter seines Vaters Fritz. Der ist Bandido der ersten Stunde, davon zeugt das „Germanen“-Patch auf seiner Kutte. Das tragen diejenigen Member, die beim Patch­over von 1999 dabei waren, mit dem sich der Bandidos MC in Deutschland gründete.

Beide sind starke Charaktere, beide haben die gleichen Interessen. Klar schreien sie sich auch mal an, wenn sie zusammen in der Werkstatt schrauben. Fritz hat die Erfahrung von Jahrzehnten, Felix ist jung und will es natürlich auch mal anders machen. Dass es im Großen und Ganzen aber läuft zwischen den beiden und der Generationenkonflikt sich in Grenzen hält, das beweist auch der Umstand, dass Felix seit einiger Zeit auf professioneller Basis in der geräumigen elterlichen Garage schrauben darf. In der „Dynamit Garage“ repariert er nicht nur, sondern baut auch ganze Custombikes auf.

Dabei war gar nicht unbedingt klar, dass Felix einmal den Weg des Vaters gehen würde – er hätte es auch wie sein älterer Bruder halten können, der mit dem Clubleben gar nichts zu tun hat. „Als Jugendlicher hat’s mich auch noch nicht interessiert. Mit sechzehn habe ich dann aber den 125er gemacht, während meine Kumpels das Rauchen und Saufen angefangen haben – und das war nicht meins. Als ich dann mit der Lehre fertig war, hat Mario, der Presi der Gringos, mich gefragt, ob ich nicht Lust auf den Club hätte.“ Hatte Felix – und ist nach dem Umweg über den Supportclub dann schließlich bei den Bandidos gelandet. Dort hat er nun mit seinem „Second Generation“-Patch einen gewissen Exotenstatus: „In Deutschland gibt es vier, in Europa sechs von uns“, erzählt er.

Am 21. Juni geht es dann endlich los. Beschränkt aufs wirklich Notwendige, aber immer noch voll bepackt bis oben hin, treten Fritz und Felix ihre alten Öfen an und starten. Keine hundert Kilometer sind Vater und Sohn unterwegs, da reißt an Felix’ Shovel der Schlauch­anschluss aus dem Öltank, mitten auf der Autobahn. Doch die beiden kommen nicht mal zum Stehen, da hält auch schon ein Lkw-Fahrer und bietet seine Hilfe an. Er bringt sie zur nächsten Tanke, von dort geht es weiter in eine Mercedes-Werkstatt, wo das Malheur notdürftig geschweißt wird.

Das Ziel des Tages heißt Haldersleben. Peppels, der Presi des dortigen Bandidos-Chapters, betreibt eine Schlosserei – und der Stopp war ohnehin eingeplant. In der Werkstatt ihres Bruders widmen sich Fritz und Felix noch einmal dem Öltank, um die Notreparatur auszubesseren, am nächsten Tag gegen siebzehn Uhr geht es dann weiter. Doch die urigen Straßen Ostdeutschlands sind die betagten Harleys nicht gewohnt, zumal die beiden Biker so viel Gepäck dabei haben, wie das auf einem abgespeckten Starrrahmen-Chopper eben möglich ist. Dem Heckfender von Felix’ 1952er Harley ist der 120-Liter-Seesack an der Sissybar dann irgendwann zu viel: Er reißt. Weil sie sich auch noch verfahren haben, dauert es, bis sie sich zu einem Abschleppdienst durchgefragt haben. Doch immerhin: Zwar ist in dem verschlafenen Nest immer noch alles im typischen DDR-Grau, doch der Abschleppdienst besitzt ein Schweißgerät, sodass die zweite Reparatur vorgenommen werden kann. Leider hält die Schweißnaht nur dreißig Kilometer. Also borgen sich Fritz und Felix irgendwo bei einem jungen Mann ein Schweißgerät und machen es noch mal selbst.

Heute lautet das Tagesziel Travemünde. Von dort soll es mit der Fähre nach Helsinki gehen. Die Straße ist jetzt zwar wieder im guten Zustand, doch der Weg zur Fähre ist nicht ausgeschildert und eine Tanke ist weit und breit nicht in Sicht. Die beiden sind spät dran und dürfen die Fähre nicht verpassen, auf der sie schon Wochen zuvor zwei Plätze gebucht haben. Im strömenden Regen stellen sie ihre Maschinen am Straßenrand ab, und Felix befestigt sein Handy an der Sissybar und schaltet die integrierte Taschenlampe an, um für die wenigen Autos gut sichtbar zu sein. Als die beiden gerade genervt dabei sind, sich auf der Karte zu orientieren, fährt ein Auto vorbei und blendet in der Dunkelheit mit dem Fernlicht auf. Gleichzeitig heben beide ihre Hand und zeigen den Mittelfinger in den Lichtkegel. Und schon erhellt Blaulicht die Szenerie. Doch die beiden Beamten, die gerade zivil im Einsatz sind und von denen einer weiblich und gutaussehend ist, sind überraschend freundlich und erklären den Bandidos sogar den Weg zur Fähre. Kurz vor knapp erreichen die beiden das Ziel, für die dreihundert Kilometer dieses Tages haben sie sieben Stunden gebraucht. Sie sind die Vorletzten, die über die Rampe aufs Schiff fahren.

Die Skandinavier lieben olle Ami-Schlitten genauso wie Fritz und Felix. Zum Glück hatte der Laden geschlossen …
Die Skandinavier lieben olle Ami-Schlitten genauso wie Fritz und Felix. Zum Glück hatte der Laden geschlossen …

Nach dreißig Stunden Überfahrt legt die Fähre in Helsinki an. Dort wartet nicht nur ein Clubkamerad, sondern an der ersten Tanke auch die finnische Polizei, ebenfalls in Zivil. Doch die haben irgendwann keine Lust mehr, den Rockern beim Schrauben zuzusehen und ziehen ab. Schon wieder eine Reparatur? Ja, an Fritz Bike hat’s bumm gemacht. Fehlzündung – und ab war der Vergaser.

Nach erfolgreicher Reparatur geht’s direkt weiter, von Helsinki ins 200 Kilometer entfernte Tampere – denn erstens ist das Clubhaus in Helsinki zu klein zum Übernachten, zweitens wird das Wetter immer besser und drittens ist es ja erst neun Uhr morgens. In der mit rund 230 000 Einwohnern drittgrößten Stadt Finnlands bekommen Felix und Fritz dann natürlich auch eine Sightseeing-Tour von einem Bruder, der für die Stadt arbeitet.

Nachdem man sich im nordfinnischen Oulu ausnahmsweise ein Hotel gegönnt hat – es gibt dort keinen Campingplatz –, geht die Reise weiter über Kemi nach Schweden. Dort sehen die beiden Bandidos zum ersten Mal während der Reise einen Polizisten in Uniform. Der schaut die beiden an, trinkt einen Schluck von seinem Kaffee und geht weiter. Auch sonst treffen die beiden Biker kaum eine Menschenseele auf den kerzengeraden Straßen.

Skandinavische Idylle: Übernachtung im Blockhaus
Skandinavische Idylle: Übernachtung im Blockhaus

Die ersten 400 Kilometer in Schweden werden im Regen zurückgelegt. Schweden im Sommer bedeutet aber auch: Freitagnachmittag arbeitet keiner mehr. Weil das Schwedisch von Felix und Fritz noch ausbaufähig ist, gestaltet sich die Suche nach einem Schlafplatz ein weiteres Mal schwieriger als gedacht. Das nette Angebot eines Vaters, der gerade mit seiner Familie in den Urlaub fährt und ihnen den Schlüssel zu seiner Wohnung anbietet, nachdem die beiden ihm bei einer Autopanne geholfen haben, wird dankend abgelehnt. Schließlich finden sie dann nach einer sechs Kilometer langen Schotterpiste durchs Nirgendwo zwanzig kleine Blockhäuser, die ein älterer Mann mit Gehstock an Touristen vermietet. Obwohl das Szenario aus einem schlechten Horrorfilm stammen könnte, verläuft die Reise von nun an mit einem Happy End: nur noch Sonnenschein.

Das heißt, fast – denn die nächste Panne kommt so sicher wie das Amen in der Kirche. Dieses Mal klinkt sich das Kickstarter-Ritzel von Felix’ Harley nicht mehr aus. Die nächsten Stopps erfolgen deswegen nur noch an Tankstellen mit abschüssiger Zufahrt, damit das Bike ohne Kickstarter im Laufschritt angeschmissen werden kann. Einmal mehr sorgt ein Clubbruder dafür, dass dieser Zustand nicht von Dauer ist: Andreas, El Secretario von Schweden, besorgt ein Schweißgerät, sodass auch diese Panne behoben werden kann.

Andreas organisiert auch die nächste Stadtführung, dieses Mal für Stockholm. Während er selbst auf dem Motorrad vorausprescht, sitzen Felix und Fritz ausnahmsweise mal in einem Auto. Gesteuert wird der Jaguar von Ted, der mit seiner imposanten Statur und seiner langen Mähne wie ein waschechter Wikinger aussieht und ebenfalls Member des Bandidos MC ist. Er gibt sich alle Mühe, dem Motorrad von Andreas zu folgen. Ein weiteres Mal fühlen sich Felix und Fritz wie in einem schlechten Film – dieses Mal nicht Horror, sondern Action: Dass der Wagen bei 180 km/h nach einer Bodenwelle für einige Dutzend Meter die Bodenhaftung verliert, quittiert der tiefenentspannte Schwede, die Karre noch immer einhändig steuernd, mit einem „Ups!“ in Richtung seiner deutschen Brüder. Am Ende der Verfolgungsjagd gibt’s Erinnerungsfotos vorm Schloss. Dass das Parken dort eigentlich nicht erlaubt ist, interessiert selbst die Ordnungshüter nicht.

Nach dem Besuch der Clubbrüder in Stockholm muss ein neues Kickerritzel für Felix’ Bike her. Einmal mehr hilft dabei der Club: Fossy, Presi des Chapters Osnabrück, vermittelt den Kontakt zu Theo, der vor zehn Jahren aus Deutschland ausgewandert ist und in Högsby die Firma Viking Choppers betreibt. Am Telefon bestellt Felix zunächst schöne Grüße, dann fragt er Theo, ob der nicht zufällig ein passendes Ritzel für seine 1952er Shovel habe. Ein paar Sekunden ist Funkstille, dann hört Felix ein lautes Scheppern im Hintergrund. Kurz darauf ist Theo wieder am Apparat: „Ja, hab noch eins!“ Und nicht nur das: Auch einen Schlafplatz im Gäste­zimmer hat er für Vater und Sohn.

Am nächsten Tag geht es weiter nach Helsingborg und dort auf die Fähre. Neues Land, neue Panne: Nachdem Fritz und Felix von Schweden nach Dänemark übergesetzt und schließlich wieder in Deutschland gelandet sind, hat Felix’ Big Twin einen Kolben­klemmer. Einmal mehr hilft Clubbruder Fossy. Er empfiehlt einen Laden im nahen Damme, den „Milwaukee Iron Shop“. Betreiber Bernd ist Harley-Experte und hat normalerweise eine lange Warteliste.  Doch für die beiden stellt er nicht nur seine Werkstatt zur Verfügung, sondern auch sein Know-how. Morgens um acht geht’s los – und bereits um sechzehn Uhr sind neue Kolben und neue Ventile eingebaut und der Motor steckt schon wieder im Rahmen.                                  «


Irgendwann klemmte ein Kolben von Felix’ Shovel. In Rekordzeit wurde der Motor im „Milwaukee Iron Shop“ zerlegt, überholt und wieder zusammengesetzt – Betreiber Bernd kennt sich aus und war eine große Hilfe www.kramermis.de
Irgendwann klemmte ein Kolben von Felix’ Shovel. In Rekordzeit wurde der Motor im „Milwaukee Iron Shop“ zerlegt, überholt und wieder zusammengesetzt – Betreiber Bernd kennt sich aus und war eine große Hilfe 



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