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Wie sieht’s mit unserem Nachwuchs aus, wenn keine Migranten mehr kommen? Wir blicken aus verschiedenen Perspektiven auf die Szene
Hat die Rockerszene ein Nachwuchs­problem? Franky ist Pressesprecher des Freeway Rider’s MC. Er sieht das differenzierter: Auf die aktiven Rocker in den Gründerjahren folgte eine passive Generation. Jetzt würde das Interesse der Jungen am Bikerleben wieder wachsen. Als President des Chapters Hennef führt Franky sein Chapter seit Jahren in einem lockeren, demokratischen Stil. Der President lebt vor, vermittelt Ideen, hört aber auch seinen Männern zu. Die Truppe verzeichnet kaum Abgänge. Das Freeway-Rider’s-Chapter stellt sich auch nicht über kleine MCs aus der Nachbarschaft. Wohl auch deshalb ist immer über ein Dutzend unterschiedlicher Colours auf den Partys zu sehen. Franky hat genug auf dem Kerbholz. Als er aber vor der Wahl stand, hatte er persönlich für sich entschieden, dass es sich besser lebt, wenn man beliebt ist als gefürchtet. Diese Haltung will er an die nachfolgende Generation weitergeben.

Jung geblieben? So sieht es aus, wenn ein Harley-Fahrer sich den Handschuh ausziehen will
Jung geblieben? So sieht es aus, wenn ein Harley-Fahrer sich den Handschuh ausziehen will

Unabhängig von der Betreuung durch größere Clubs gibt es tatsächlich junge Biker, die selbstständig einen MC gründen. Den Mandli Riders MC Bornheim zum Beispiel. Dessen Member sind durchweg Mitte 20. Anfangs wurden die jungen Männer belächelt, dann bekamen sie Tipps und Ratschläge von etablierten Clubs für die Gründung und für ein gutes Leben in der Bikerszene. Darüber redeten wir mit Chris, dem Presidenten des jungen MCs. Und dann gibt es natürlich immer wieder MC-Member, die ihre Mitgliedschaft an ihre Söhne vererben. In den USA, wo die Clubs noch älter sind, stehen die Jüngsten manchmal schon in der dritten Generation. So weit sind wir hier noch nicht. Eine dieser Vater-Sohn-Beziehungen stellen wir aber vor, und zwar Ronni und First vom Flying Skull MC Kitzingen.
 

„Die Szene war immer offen“
Wir redeten mit dem Sprecher des Freeway Rider’s MC

BN: Franky, du bist Sprecher des Freeway Rider’s MC Germany. Der Club feierte in der letzten Saison sein 40-Jähriges. Wie schätzt du das Durchschnittsalter deiner Brüder ein?
Franky: Die meisten haben 45 oder 50 Jahre auf dem Buckel, aber es wächst eine junge Generation heran. Die Mitgliederstruktur hat sich insoweit verändert, dass wir gemeinsam älter geworden sind. Ganz früher war es ja so, dass viele Rocker ab einem gewissen Alter aus familiären oder beruflichen Gründen vernünftig wurden. Sie sind dann ausgestiegen, während Frischfleisch nachrückte. Aber es gab einen harten Kern, der zog eben durch und wurde in Ehren alt.

Wie ist deine Erfahrung: Interessieren sich junge Männer heutzutage weniger für die Bikerszene als früher?
Das Interesse kommt langsam wieder an. Ein großer Run ist das allerdings noch nicht. Manche Männer erleben die Welt lieber am PC, was nun nicht für „Prospect Chapter“ steht, sondern für fettleibige Internetkrieger und Cybersportler im World Wide Web.
In vielen von unseren Chaptern sieht man aber neuerdings junge Gesichter. Und in der Nachbarschaft meiner Abteilung hat sich ein Club aus jungen Motorradfahrern gegründet. Denen haben wir auch keine Steine in den Weg gelegt, sondern wir sind ihnen mit erwünschtem Rat zur Seite gestanden. Wer sich der Zukunft in den Weg stellt, hat selbst keine. Außerdem macht es Spaß, deren Entwicklung zu beobachten. Man erkennt sich, wie man vor 20, 30 Jahren war und besinnt sich ein bisschen auf die alten Zeiten.

Wen soll man mit diesem Lachen verschrecken? Franky (Presi Freeway Rider’s MC Hennef): „Die Szene war immer offen, also hat die jüngere Generation geschlafen.“
Wen soll man mit diesem Lachen verschrecken? Franky (Presi Freeway Rider’s MC Hennef): „Die Szene war immer offen, also hat die jüngere Generation geschlafen.“

Du sagst, es bewegt sich nur wenig. Hast du eine Erklärung dafür?
Jede Generation verhält sich gegensätzlich zur vorherigen, um sich von ihr abzugrenzen. Es gab die Weltkriegsgeneration, danach kam die Konsumgesellschaft, ihr folgten die 68er-Protestler und dann welche, die kulturell passiv waren und lieber Wert auf Karriere legten.
Um es mal auf die Szene zu übersetzen: Die älteren Rocker mussten sich bewegen, Clubhaus bauen, instand halten, auf Partys Thekendienst schieben, häufig unterwegs sein. Das war ein großer Aufwand für die Leute, die haben ihre komplette Freizeit und viel Geld ins Clubleben gesteckt.
Danach kam die Generation Techno, so nenne ich Leute, die auf organisierte Festivals fuhren, um sich beschallen zu lassen, aber ungern einen Finger rührten, um eine Party aufzubauen. Deshalb hatten ja auch andere Organisationen, wie Freiwillige Feuerwehren, ebenfalls Nachwuchssorgen.
Und nun ist wieder ein Wandel im Gange, der aus der Masse der Computerfuzzis auch einige Leute abwirft, die gerne das echte Leben schnuppern, Abenteuer erleben wollen und Kameradschaft suchen. Und das gibt es eben in Rockerclubs.

Hat der Freeway Rider’s MC damit eine Zukunft? Wird es den Club auch in 40 Jahren noch geben?
Dazu bräuchte ich eine Kristallkugel. Ich wage mal zu sagen: 20 Jahre auf jeden Fall noch. Dann werden die meisten in die Ewigen-Chapter gewechselt und vorher den Nachwuchs hoffentlich gut eingebunden haben.
Ich denke, die Szene wird insgesamt kleiner werden. Das, was in den letzten Jahren an artfremdem Personal dazugekommen ist, hat bis dahin ein neues Hobby. Es bleiben die, die sich wirklich für die Sache interessieren. Alte Werte in jungen Köpfen. Dabei werden es die großen MCs wahrscheinlich einfacher haben als kleine Clubs. Wenn von einem Dutzend Mann die meisten über 50 Jahre alt sind und nur einer um die 20, dann kann es für den ganz schön öde werden. In einem großen Club mit einigen hundert Mann wird er dagegen sicher ein paar Dutzend Gleichaltrige mit ähnlichen Interessen und Problemen vorfinden.

Betreibt ihr zum Zweck der Nachwuchsgewinnung aktive Jugendarbeit?
Wir hatten bis Ende November 2014 ein Chapter, in dem nur junge Leute waren. Das wurde aus behördlichen Gründen geschlossen. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass der Freeway Rider’s MC den Weg für richtig hält, junge Leute in einem eigenen Chapter zusammenzubringen. Darin können die Leute gedeihen und reifen. Eigenständige Chapter mit ausschließlich jungen Leuten erleichtern dann den Weg zu uns. Es ist aber durchaus nicht so, dass wir uns verbiegen, um für jeden Jungspund attraktiv zu sein.

Und wie finden die zu euch, die nicht in einem Chapter mit jungen Leuten sind?
Wen es zu uns drängt, der findet uns von selbst. Und so gibt es in einigen Freeway-Rider’s-Abteilungen sehr junge Leute unter den überwiegend Alten. Ein 16-Jähriger hatte beispielsweise Hüppers Buch gelesen, und was Hüpper beschrieben hatte, war wohl seine Kragenweite. Er checkte, dass in seiner Stadt, die auch meine ist, ein Freeway-Rider’s-Chapter beheimatet ist. Er kam zum Open House ins Clubhaus, hing zwei Jahre bei uns ab und ist nun mit 18 Jahren eingetreten. Auf demselben Weg ist ein 30-Jähriger. Für mein Chapter Hennef sind beide ein neues Phänomen. Sonst hat sich der Nachwuchs immer aus Freunden der Member rekrutiert, die im selben Alter waren.

Du erzählst von vielen Alten, wenigen Jungen, aber die Generation zwischen 30 und 40 erwähnst du nicht. Hat die Bikerszene eine Generation verschlafen, übersprungen, vergessen?
Nichts davon. Die Szene war immer offen, also hat die jüngere Generation geschlafen. Sie ließ sich lieber bedienen, als selbst aktiv zu werden. Die Gesellschaft lebt ein Verhalten vor, dass man egoistisch sein soll. Deshalb sind doch immer weniger Leute gemeinnützig tätig, sie denken nicht mal gemeinschaftlich. Am Arbeitsplatz ist es auch so. Es gibt kaum noch gewachsene Belegschaften, die zusammenhalten. Jeder ist sich selbst der Nächste, und so wird eben der Mensch auch in der Freizeit zur Ich-AG.
Den Leuten, die heute zwischen 30 und 40 Jahre alt sind, war nur schwer zu vermitteln, dass man auch mal was für andere macht, ohne etwas Zählbares dafür zu erhalten. Diese Altersgruppe ist bei uns deutlich unterrepräsentiert.

President Franky als Gastgeber der „Karibischen Nacht“ beim Freeway Rider’s MC
President Franky als Gastgeber der „Karibischen Nacht“ beim Freeway Rider’s MC

Habt ihr diese Generation abgehakt oder bemüht ihr euch auch um sie?
Wir werben nicht. Wer zu uns kommt, findet uns aus freien Stücken. Das ist keine Frage des Alters, sondern der Einstellung.

Alt und Jung haben selten denselben Geschmack, weder zur Musik noch zur Kleidung. Doch das sind unbedeutende Äußerlichkeiten. Wie ist es mit der Einstellung, mit Interessen, Zielen und Plänen: Liegen Alt und Jung da auch auseinander?
Und wenn schon: Unterschiede stören nicht, solange man sich gegenseitig respektiert. Unterschiedliche Facetten können ja auch bereichern. Zu unserer Zeit waren es eben lange Haare, zerrissene Klamotten, Schlammtaufen und rußiger Lagerfeuergestank. Damit kann man die Jungen heute nicht mehr locken. Auch nicht mit den alten Biker-Hymnen. Die Jungs lieben härtere Beats, auch mal Hiphop, und ich danke ihnen dafür: Mir hängt „Born to be wild“ nämlich zum Hals raus!
Die Jungen tragen eben wie wir Alten meist Glatze, ordentliche Lederwesten, sie sind eher sportlich tätig, als dass sie abhängen. Und das Schrauben ist durch die modernen Karren, an die man nur mit Spezialwerkzeug drankommt, auch nicht mehr so üblich. Es redet also auch kaum noch einer über Benzin.
Manch Außenstehender vergisst, dass man als junger Rocker auch in eine Menge Vitamin B hineinwächst. Viele Altrocker sind Handwerker, darunter Selbständige, da wird auch schon mal ein Praktikums- oder Ausbildungsplatz intern vergeben.
Und da die Jüngeren auch mehr Wert auf Sport legen, als damalige Biker mit Joint im Mundwinkel, stehen sie öfter unter Dampf. Aber die Szene-Dinosaurier regeln Unannehmlichkeiten heute eher am grünen Tisch, auch wenn es bei ihnen früher ja auf jeder Party funkte. Heute gibt es weniger Möglichkeiten, sich zu beweisen.

Die Alten sind dann wohl die Respekts­personen, und die Jungen haben zu gehorchen?
Nein, die Alten sind die Ungeduldigen und erwarten von den Jungen manchmal zu viel. Das ist eben wie im Berufsleben: Jeder Betrieb will 20-jährige Mitarbeiter mit 40 Jahren Berufserfahrung. Man wirft Jüngeren vor, dass sie noch nicht so viel für den Club getan haben. Aber wie auch und wann? Man bezweifelt die Gründe für ihren Wunsch dazuzugehören, die hat ein Member mit zweistelligen Jahreszahlen natürlich bewiesen.
Und obwohl das den Nachwachsenden sicher manchmal auf den Keks geht, bewundere ich ihren ungebrochenen Respekt vor den verdienten Herrschaften.

Zuerst veröffentlicht in BIKERS NEWS 04/2015

 
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