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Die Wild Tigers sind ein gewachsener, boden­ständiger MC. Dass sie im August ihr 40-jähriges Bestehen feiern können, hat mit der Einstellung der Member zu tun
Eigentlich heißen die Wild Tigers aus Zufall so, wie sie heißen. Und auch ihre Farben hätten nicht zwangsläufig Rot und Gelb werden müssen. Das war es dann aber auch schon mit den Zufällen; ein Club, der vierzig Jahre in der Szene unterwegs ist, muss sein Schicksal selbst in die Hände nehmen. Der Wild Tigers MC Merchingen tut das konsequent und bodenständig. Dabei integriert er die Frauen und Familien und beteiligt sich am Dorfleben. Jedes Jahr am Tag der Arbeit findet die erste gemeinsame Ausfahrt der Saison mit Frauen statt. Es ist der Geburtstag des Clubs, der am 1. Mai 1978 von sieben Jungs gegründet wurde.

Merchingen liegt im Neckar-Odenwald-Kreis, an der Autobahn zwischen Heilbronn und Würzburg. Der Ort zählt rund 1000 Einwohner und ist Teil der Stadt Ravenstein. Merchingen ist tiefe Provinz, wer wegkommen will, braucht ein Fahrzeug. Das war schon damals so, vor vierzig Jahren. „Um zur Arbeit zu fahren, hatten viele von uns ein Mofa oder Moped“, erinnert sich Harry, Gründungsmitglied und seit den ersten Tagen des Clubs dessen Road-Captain. Ein anderer Mann der ersten Stunde ist President Olly. Auch er hat sein Amt seit der Gründung des Clubs inne. Die beiden und fünf weitere Kumpel sind an jenem 1. Mai auf ihren kleinen Zwei­rädern unterwegs. Beim Mittagessen beschließen sie, einen MC zu gründen. Das war nicht geplant, deswegen haben sie auch keinen Namen parat. Weil Harry auf seiner Jeans­jacke einen silbernen Tigerkopf trägt, nennen sie den Club spontan Wild Tigers. Wäre es ein Pferd gewesen, wären sie wahrscheinlich die Wild Horses geworden.


Die jungen Wilden des Wild Tigers MC

Mit Mofa, Moped und Kutte fahren sie auf ihre erste Party zu den Firebirds nach Belsen­berg. „Das war ein gutes Fest, auf dem wir neue Leute kennenlernten, die uns zu ihrer nächsten Party eingeladen haben“, sagt Olly. So kommen die Jungs herum und finden ihren Weg in die MC-Szene. Eines Tages lernen sie auch Member des Wild Tigers MC Kitzingen kennen, der sich schon zwei Jahre zuvor gegründet hat. Und anstatt sich im Streit um das Recht am Namen auf die Nase zu hauen, werden sie Freunde. Über ihre Namensvetter landen sie später auch auf Partys der schwarzen Ghost Riders. Dort sind viele Amis Mitglieder und über die knüpfen die Merchinger weitere Kontakte zu anderen amerikanisch geprägten MCs, etwa den Cavemen in Ramstein. So lernen die Jungs aus dem Dorf Biker aus der weiten Welt kennen. Und während die Kitzinger Wild Tigers sich alsbald auflösen, machen die Merchinger munter weiter.

Noch im Jahr ihrer Gründung lassen sie sich eigene Abzeichen machen; zuvor fahren sie mit Tigerköpfen wie Harry sie am Tag der Gründung trug. Schon zwei Jahre später, 1980, fahren alle richtige Motorräder und veranstalten die erste Rally. Auf der verkauft Fips an der Kasse die erste Ausgabe der BIKERS NEWS. Damals besteht der MC noch ausschließlich aus den sieben Gründern. Doch bereits zwei weitere Jahre später zählt er schon zwanzig Member. In den vergangenen Jahrzehnten liegt die Mitgliederzahl immer um die dreißig Mann. Von denen sind die meisten über dreißig Jahre dabei. „Wir wollten nie viel mehr sein, sondern immer nur so viele, dass jeder jeden kennt“, sagt Olly. Das gilt auch für die beiden Chapter Grafenwöhr und Ellwangen. Das eine wird 1982, das andere 1994 gegründet. Von 1982 bis 1985 gibt es auch ein Chapter in Österreich. „Das haben wir aus clubinternen Gründen dicht gemacht“, kommentiert Harry. Aktuell zählt der MC insgesamt etwa siebzig Mann, zwei stammen aus dem aufgelösten Chapter in der Nähe von Wien. Sie sind wegen des Clubs in den Süden Deutschlands gezogen. Es gab und gibt immer wieder Versuche anderer Clubs, zu den Wild Tigers zu wechseln. „Kein Interesse“, sagt Olly. Das sagt er auch Ende der Neunzigerjahre, als die Großen zu den ganz Großen wechseln und auch die Wild Tigers gefragt werden, ob sie mitmachen. „Es macht uns frei, dass wir uns nirgends angeschlossen haben“, sagt Olly. Sie können heute mit Colour durch jede Stadt und jede Region fahren, sind überall gern gesehene Gäste. „Das merkt man daran, wie herzlich man begrüßt und ebenfalls besucht wird“, sagt Harry. Auch das Rockerleben ist ein Geben und Nehmen.

Das Clubdomizil befndet sich seit 1981 im Keller des Merchinger Schlosses
In vierzig Jahren Clubgeschichte kamen einige Pokale zusammen

Früher trafen sich in Merchingen verfeindete Clubs, um auf neutralem Boden Frieden zu schließen. Denn in Merchingen grenzen Baden und Württemberg und die vier Land- und Szenekreise Heilbronn, Künzelsau, Tauberbischofsheim und Mosbach aneinander. Ihren Clubkeller unterhalten die Wild Tigers seit 1981. Er befindet sich im Schloss Merchingen, das einst den Herren von Berlichingen gehörte, und wurde ihnen von der Gemeinde überlassen – doch zunächst mussten die Member ihn in Eigenregie freischaufeln. Der Keller umfasst zwei große und hohe Räume, mit Sanitäranlagen insgesamt um die 150 Quadratmeter. „Wir bekommen von der Gemeinde, was wir brauchen, machen aber auch bei allen Veranstaltungen im Ort mit“, sagt Harry. Das habe allerdings nichts mit Vereinsmeierei zu tun. „So ist das eben auf dem Land – und wir können nur ein Teil des großen Ganzen sein, wenn wir mitmachen“, so Harry weiter. Dass es den MC schon so lange gibt, liegt auch daran, dass Frauen und Freundinnen samt Kindern integriert werden. So fahren die Member seit mittlerweile 25 Jahren mit ihren Familien zwischen Weihnachten und Neujahr für acht Tage in den Winterurlaub. Im Juni gibt es dann noch die „Herrentage“. Im vergangenen Jahr verbrachten die Männer der drei Chapter vier Tage am Chiemsee, um den Zusammenhalt zu festigen.

Die Pflicht, eine bestimmt Motorradmarke zu fahren, besteht nicht. Dennoch fahren viele Wild Tigers Harley. Jeden Donnerstag treffen sich der Vorstand und die Member zur Sitzung. Dann wird durchgekaut, wer am Wochenende wohin fährt. President Olly hat ein Vetorecht, er kann in allen Chaptern allein entscheiden. „Davon habe ich noch nie Gebrauch gemacht und werde es wohl auch nie tun, denn Reden ist immer besser als Bestimmen.“ Die Merchinger Rocker sind demokratisch.
Leider mangelt es wie in den meisten anderen MCs auch bei ihnen an Nachwuchs. Ein Member unter dreißig Jahren haben sie im Club. „Es liegt eine ganze Generation zwischen uns und den jungen Leuten, die wir nicht haben“, sagt Harry. Wenn drei, vier auf einen Schlag dazukommen, macht es das anderen Jungen leichter, weil dann Leute im selben Alter dabei sind. Heute ist der Unterschied zwanzig, dreißig Jahre und das zieht keinen Nachwuchs an.

Vielleicht ergibt sich ja etwas auf der 40-Jahresparty. Die findet am Wild-Tigers-Wochenende statt, seit Langem das vierte Wochenende im August. Dort wird dann im alten Stil im Zelt gefeiert; eine Tradition, die von allen Chaptern im Wechsel über all die Jahre beibehalten wurde. Das Motherchapter pachtet bereits seit vielen Jahren eine Wiese in einem Tal bei Merchingen. So ist garantiert, dass die Partys nicht aufgrund unvorhersehbarer Probleme kurzfristig abgesagt werden müssen. Das ist langfristig und klug gedacht. Auch deshalb besteht der Wild Tigers MC Merchingen seit vierzig Jahren.
 

Road-Captain Harry und President Olly
Olly und Harry sind Gründungsmitglieder des Wild Tigers MC

„Die Clubs aus unserer Liga verstehen sich besser denn je.“

Olly und Harry sind Gründungsmitglieder des Clubs. Von Beginn an führt Olly den Club und ist damit der wohl dienstälteste President Deutschlands. Auch Road-Captain Harry hat sein Amt seit vierzig Jahren inne. Wem so lange das Vertrauen geschenkt wird, der muss seinen Job gut machen. Wie das geht, darüber haben wir mit den beiden gesprochen.

BIKERS NEWS: Olly, du bist seit vierzig Jahren President des Wild Tigers MC Merchingen. Wie schafft man das?
Olly: Indem man seine Aufgaben ordentlich erledigt und deswegen jedes Jahr aufs Neue gewählt wird.
Harry: So ist unser Olly: immer schön sachlich! Wir beiden sind die einzigen verbliebenen Gründungsmitglieder und ich habe ihn schon davor gekannt. Olly hat eine natürliche Autorität, er ist kompromisslos für den Club da und damit ist er als President die Ideal­besetzung. Man kann nicht irgendjemand für so ein wichtiges Amt wählen. Der Mann muss das schon können, wollen und die Leute in der Szene kennen. Dann funktioniert es.

Wir wird das Amt des Presidenten vergeben?
Olly: In einer offenen Wahl, bei einstimmigem Votum. Das gilt für alle unsere Vorstandsämter, also Vize, Kassierer, Schriftführer und Road-Captain.

Ihr wart beide Gründungsmitglieder. Auch du, Harry, hättest doch President werden können.
Harry: Mein Ding ist es nicht, den Chef zu machen, sondern zu fahren. Deshalb bin ich Road-Captain. Jeder sollte das tun, was er am besten kann.
Olly: Harry macht seinen Job sehr gut. Er hält den Haufen auf der Straße zusammen. Wir haben noch keinen Unfall bei Ausfahrten in der Gruppe gehabt. Das muss man erst mal vierzig Jahre lang schaffen, zumal wir viel und nicht langsam unterwegs sind.

Du hast keine Kinder, Olly. Das macht es vielleicht einfacher, den Job so lange auszuüben.
Olly: Ja, da ist was dran. Meine Frau zieht mit, deshalb funktioniert mein Leben als Vorstandsvorsitzender eines MCs und Ehemann. Bei uns im Club sind die meisten über dreißig Jahre dabei und fast alle verheiratet. Wir integrieren unsere Frauen und Familien ins Clubleben.

An der nächsten Frage kommt man bei einem Mann, der so viele Jahre MC-Erfahrung in verantwortlicher Position hat, nicht vorbei: Wie hat sich die Szene verändert?
Olly: Große Machtkämpfe wie früher gibt es heute nicht mehr, mit Ausnahme von wenigen unter den ganz großen Clubs. Aber das ist eh eine andere und nicht unsere Welt. Heute ist der Zusammenhalt unter den MCs richtig gut. Früher ging viel gegeneinander, heute viel miteinander. Was sich zum Negativen verändert hat, ist fehlender Nachwuchs.
Harry: Wenn man früher bei einer Party hundert unterschiedliche Clubs auf dem Platz hatte, haben sich dreißig nicht verstanden. Heute verstehen sich die meisten. Und sollte einer darunter sein, der stresst, hat er alle gegen sich und lässt es daher besser bleiben. Die Szene ist gefestigt und gewachsen. Stabil und gut.

Kann man das mit dem fehlenden Nachwuchs noch irgendwie korrigieren?
Olly: Was will man tun, wenn die Jugend ihre Zeit vor dem Smartphone verbringt? Wir versuchen es hier am Ort schon mit den Jungen und gehen in ihre Hütten, um mit den wenigen zu reden, die heutzutage noch Moped oder Motorrad fahren. Wir bieten an, dass sie bei Ausfahrten mitfahren. Aber es muss halt auch menschlich passen.

Olly, warst du auf den Presidenten-Rallys?
Olly: Ja, das erste Mal im Jahr nach unserer Gründung, also 1979, beim Ghost Riders MC Kitzingen. Die letzte fand 1998 beim Grave Diggers MC Bayreuth statt. Bei den Presi-Rallys haben sich alle Clubs vor dem Winter noch einmal getroffen und es gab die Presi-Sitzungen mit der Partyplanung fürs kommende Jahr.
Harry: Ich bin überzeugt davon, dass die Presi-Rallys dazu beigetragen haben, dass sich die Clubs untereinander verstehen. Heute sind die überregionalen Presi-Rallys durch regionale runde Tische ersetzt.
Olly: Ich vermisse die Presi-Rallys schon, weil sich immer ganz viele Leute getroffen haben und es gute Feste waren. Heute trifft man wenige aus der Szene auf kleinen Clubhauspartys. Alle zusammen, wie auf den Rallys früher, sieht man selten. Wir sind einer der wenigen, die noch so richtig große Zeltpartys veranstalten.

Die Zeit der Rallys war eine Epoche in der Szene. Wo stehen wir zurzeit?
Olly: Momentan haben wir eine echte Hochphase. Die Clubs aus unserer Liga verstehen sich besser denn je.
Harry: Ich hoffe, dass das Hoch noch ein wenig ansteigt und dann nicht steil bergab fällt. Damit meine ich vor allem das leidige Nachwuchsthema. Unser Jüngster ist zwanzig, der Zweitjüngste ist schon zwanzig Jahre älter. Dieser Sprung ist eindeutig zu viel und die Dichte an 50- und 60-Jährigen zu groß. Das ist ein Problem, das es zu lösen gilt.

Zuerst veröffentlicht in BIKERS NEWS 02/2018
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