Old Thunderhawks

24.10.2018  |  Text: Andreas Kottlorz   |   Bilder: Andreas Kottlorz/Archiv Old Thunderhawks
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Old Thunderhawks
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Einst galt in Berlin der Viermächtestatus – auch in der Rockerszene. Der Thunderhawks MC musste deshalb in den Achtzigern sein Colour abgeben. Doch einige der Member pflegen bis heute ihre Gemeinschaft
Die West-Berliner Szene formierte sich in den Siebzigerjahren. Damals entstanden die großen MCs der Stadt, Muffler MC, Phönix MC, Dragons MC, Born to be Wild MC und Rolling Wheels MC. Auch viele andere Colours tauchten in jenen Tagen auf, verschwanden aber bald wieder. Die Szene erarbeitete sich ihre Spielregeln, die zum Teil noch heute gelten. Es ging um Kutten und das Recht, ein Colour zu tragen. Damals lieferten sich die Clubs deswegen noch Verfolgungsjagden, quer durch die Bezirke und über rote Ampeln. In dieser wilden Ära gründete sich auch der Thunderhawks MC. Bis 1984 fuhren die Member als MC, dann legten sie ihr Colour im Zuge der Auseinandersetzungen mit den anderen Berliner Clubs ab. Doch einige der ehemaligen Member pflegten auch danach ihre Gemeinschaft – und gründeten zur Jahrtausendwende die Old Thunderhawks. Die Old Thunderhawks sind kein Traditionsverein, sondern ein bodenständiger Club, dessen Wurzeln bis 1978 zurückreichen. Und in all diesen Jahren waren sie und ihre Geschichte auch ein Spiegel der Szene.
Vor Kurzem haben die Old Thunderhawks im Rahmen ihrer Jahresparty auch die Gründung des ursprünglichen Thunderhawks MC gefeiert – offiziell als „Names Day Party“. Dort haben wir uns mit dem Vorstand unterhalten – um zu hören, was war, was ansteht und was kommen könnte.

BN: Micke, du gehörst zu den Gründern und bist bis heute aktiv im Club. Wie war das damals, als es losging?
Micke: Für mich fing das alles bereits Mitte der Siebziger an. Damals war ich Anfang zwanzig. Mein erstes Colour hab ich bei den Mufflers bekommen. Das war mein erster Club, ich hatte ihn mit gegründet. Wir waren Kumpels und kannten uns zum Teil noch aus der Schule. Nach zwei Jahren sind ich und andere dann aber raus, wir wollten was anderes. Einer ist zum Dragons MC – und ich habe mit einigen anderen den Thunderhawks MC gegründet.

Treffen mit dem Wolfsburger Chapter, 1979


Gleich mit Vollcolour?
Micke: Wenn wir was machen, dann machen wir das richtig. Wir gehören mit zur Szene, das war und ist unser Grundsatz. Wir haben uns also gleich als Thunderhawks MC Berlin gegründet. Ich hatte ja auch die Mufflers mit gegründet. Wir dachten damals noch, dadurch, dass wir uns alle kennen, läuft die Geschichte sauber ab. Aber das war ein Trugschluss. 1979 hatten wir dann schon den ganzen Stress. Kuttenklau war damals gang und gäbe, aber da steckte ja mehr dahinter. Wir waren damals das fünfte Rad am Wagen.
Chopper: Es war immer im Gespräch, dass wir anerkannt werden.


Wann habt ihr das „MC“ wieder abgelegt.
Chopper: Das war viel später. Wir haben erst mal ein Chapter in Wolfsburg gegründet. Zu Mauerzeiten. Das hatte Bestand bis 1991. Viele von den Wolfsburgern, aber auch von uns, sind damals zu Clubs gewechselt, die heute noch bestehen. Wir sind sozusagen die Grundschule für die gewesen. Wir haben aber immer noch drei Ur-Member im Club.

Das heißt aber auch, dass ihr in Berlin von Anfang an Reibereien hattet.
Chopper: Wo sollten wir denn hin? Berlin hatte ja nur dreißig Kilometer, dann war da die Mauer. Da gab’s die Borns, die Dragons, die Wheels, dann Phönix und uns. Das hat sich alles geballt, wir haben uns ja ständig irgendwo getroffen. Dadurch kamen dann auch die Reibereien.
Micke: Wir waren denen dann auch einfach zu groß. Gleich zur Gründung hatten wir ja dreißig Member. Und eine Clubbude in Berlin-Konradshöhe.


Wie lange seid ihr mit Vollcolour gefahren?
Chopper: Das war bis in die Achtziger, bis 1984. Ab da sind wir ohne Kutte und sämtliche Abzeichen gefahren.
Micke: Der Falke ist aber bis heute unser Abzeichen.





Wie kam das letztendlich, dass ihr euer Colour abgelegt habt?
Chopper: Wir waren damals zusammen mit unseren Brüdern aus Wolfsburg auf einer Veranstaltung in Heiligensee. Zusammen waren wir locker vierzig oder fünfzig Mann, alle mit Colour. Alle anderen Berliner Clubs waren auch da. Das war dann der Moment, wo die uns klargemacht haben, dass wir das Colour ablegen sollen. Bevor es losging, kam die Polizei aufs Gelände. Wir sind dann erst mal in die Clubbude. Später gab es noch den Versuch von Friedensgesprächen, aber zum Schluss war es das Ende für unser Colour.
Micke: Wir konnten damals nicht mehr mit der Kutte alleine durch Berlin fahren. Das gab am Ende immer mehr Stress, sodass es den meisten zu viel wurde. Da haben wir gesagt, wir machen eine lose Gemeinschaft, um weiter zusammen zu fahren. Allerdings gab es da dann auch Clubwechsel von einzelnen.
Chopper: Da hatten wir unseren großen Bruch. Das waren die Gründerzeiten. Und das war die Zeit vom Viermächtestatus. Streit war nie unser Ziel, wir wollten zusammen Motorrad fahren und die Familie dabeihaben. Das war unser Konzept.
Micke: Wir wollten eine saubere Geschichte haben. Da hatten wir eine andere Linie als die anderen. Später haben wir uns dann nach Westdeutschland orientiert und Freundschaften zu anderen Clubs gesucht.


Bis heute fahrt ihr nicht als MC. Die Ge­schich­te hat also Auswirkungen bis in die Gegenwart.
Chopper: Wir hatten auch etliche Angebote, andere Clubs zu supporten. Das haben wir aber nicht gemacht. Das war nicht unser Weg. Wir sind eigenständig. Wir haben innerhalb der Szene, in der wir uns bewegen, unsere eigene Geschichte.
Doc: Ich bin erst seit ein paar Jahren dabei. Das ist aber genau das, was ich so spannend fand, die Kombination aus alten Werten, aber mit eigener Interpretation. Der Club hat einen graden Weg gemacht, den er selbst bestimmt.
Micke: Wir können heute zu jedem hinfahren und uns sehen lassen. Und darauf sind wir stolz.
Chopper: Das, was wir damals erlebt haben, wollen wir den Jungen nicht zumuten, aber bereut haben wir es nie. Wir sind immer ein Motorradclub gewesen. Auch als wir das Colour niedergelegt hatten.
Micke: Und wir sind früh schon Chopper und Harleys gefahren. Auch ohne Colour ging die Geschichte ja weiter.
Chopper: Wir sind ja immer noch zusammen gefahren. Nur für die anderen Clubs waren wir nicht sichtbar. Von 1984 bis 2000 waren wir komplett ohne Abzeichen unterwegs.
Micke: Heute tragen wir unser Rückencolour wieder mit Stolz.




Als ihr eure Jubiläums-Party organisiert habt, wie ist die Einladung, also der Flyer, bei den anderen Clubs angekommen?
Chopper: Ein Club hat seine Bedenken geäußert, da wir ja nicht vierzig Jahre kontinuierlich unter dem Colour gefahren sind. Wir haben dann die Einladung umgestaltet und feierten unseren Namenstag. Es gibt ja auch immer wieder neue Entwicklungen und Themen, die dazukommen. Heute läuft aber viel über den Runden Tisch.

Was ist die Rolle des Runden Tisches für euch?
Chopper: Uns hat der Runde Tisch sehr viel gegeben. Ohne den Tisch wären wir heute nicht wieder da, wo wir sind. Wenn der Runde Tisch nicht wäre, würde sich die ganze Szene heute anders darstellen. Wir reden miteinander. Da kann man viele Dinge aus dem Weg räumen.
Doc: Alle Abstimmungen sind demokratisch, jeder Club hat eine Stimme. Das ist wichtig. Wenn das damals schon gewesen wäre, wäre die ganze Szene anders abgegangen.
Chopper: Unsere Geschichte hat sich damals hochgeschaukelt. Mit allem, was dazugehört.


Wie sieht eure Gegenwart aus?
Chopper: Seit der Gründung 1978 fahren und feiern wir zusammen. Das ist für uns das Wichtigste. Wir machen drei Camps im Jahr, zu Pfingsten, im Herbst und das Wintercamp. Das haben wir bis heute durchgezogen, mit Familie und Freunden.
Micke: Das war auch immer unser Ziel, dass wir und die junge Generation gemeinsam mit Kutte und ohne Stress zusammen fahren können.
Chopper: Viele bewundern, dass wir noch heute zusammen sind und so viel gemeinsam unternehmen, Ausfahrten, Camps, Partys, gemeinsame Frühstücke, Bowling, Sport.
Micke: Für uns war es wichtig, dass die Jungen irgendwann unseren Namen weitertragen wollen.
Chopper: Unser Clubleben ist mittlerweile komplett. Unsere Familien sind integriert, ältere Söhne tragen Colour, viele von unseren Frauen fahren selbst Motorrad. Wir sehen uns so gut wie jede Woche: Runder Tisch, BU, Ausfahrten oder Spendenaktionen für ein Kinderhospiz in Berlin-Pankow. Wir haben ein volles Programm, zumal aktuell auch noch der Ausbau der neuen Clubbude ansteht.
Micke: Zusammen mit Chopper und einigen anderen fahren wir jetzt seit 1975 gemeinsam Motorrad. Wir haben damit nie aufgehört und haben das auch nicht vor.

 

Old Thunderhawks
(ab Spätherbst 2018)
Rue Charles Calmette 11
13405 Berlin
www.old-thunderhawks.berlin


 
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Stand:18 November 2018 02:54:07/szene/clubs/old+thunderhawks_181011.html