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Auch heute entstehen noch Sagen. Eines dieser „modernen Märchen“ erzählt von der Rache an bösen Rockern
Rotkäppchen, Rapunzel, Rumpelstilzchen – die Märchen der Brüder Grimm sind ein elementarer Bestandteil unseres kulturellen Erbes. Doch Märchen müssen nicht von Fabelwesen, Hexen und Prinzen erzählen, auch heute noch entstehen neue, sagenhafte Geschichten. Diese „modernen Sagen“ oder „Urban Legends“ werden meist mündlich überliefert, in den letzten Jahren zunehmend auch per E-Mail oder über soziale Medien. Gemeinsam ist diesen modernen Sagen, dass ihre Protagonisten meist nicht namentlich genannt werden. Es ist Teil ihrer Dramaturgie, dass sie dem Freund eines Arbeitskollegen, der Schwester eines Bekannten oder dem Vater eines ehemaligen Schulkameraden passiert und also wirklich wahr sind.

Rolf Wilhelm Brednich, Professor für Volkskunde und Herausgeber der „Enzy­klopädie des Märchens“, hat einige bekannte Vertreter der Gattung zusammengetragen und 1990 unter dem Titel „Die Spinne in der Yucca-Palme“ veröffentlicht. Auch die Geschichte von der „Rache des Lastwagenfahrers“ hat er mit aufgenommen – und erzählt sie so: „Ein Lastwagenfahrer hat die Fahrt unterbrochen, um in einer kleinen Raststätte auf dem Land ein Frühstück einzunehmen. Als er gerade beim Kaffee sitzt, biegen drei Motorradfahrer in Lederjacken auf schicken Highrisermaschinen auf den Parkplatz ein und setzen sich zu dem Fernfahrer an den Tisch. Sie versuchen, ihn in ein Gespräch zu ziehen, aber als er einsilbig bleibt, beginnen sie damit, ihn anzupöbeln: der eine ißt seine Spiegeleier auf, der zweite nimmt sich die Pommes frites, und der dritte zieht die Tasse Kaffee zu sich herüber und trinkt sie aus. Der Fernfahrer läßt sich durch all dies nicht provozieren, bleibt ungerührt, zahlt bei der Wirtin seine Zeche und geht. Als er weg ist, meinen die Motorradfahrer zur Wirtin: ,Das war aber mal ein ängstlicher Mann!‘ – ,Ja‘, erwidert die Wirtin, ,und ein schlechter Autofahrer ist er auch; gerade hat er beim Zurücksetzen drei Motorräder plattgefahren!“

Als Quelle dieser Geschichte nennt Erzählforscher Brednich eine 28 Jahre alte Göttinger Studentin, die die Geschichte beim Trampen von einem Trucker gehört hat. Der wiederum will den Helden dieser modernen Sage – natürlich – persönlich gekannt haben.


Gerd Kruskopf in „Rocker“

Die gleiche Geschichte erzählt man sich allerdings auch in anderen Ländern, selbst in den USA – und das mindestens seit Mitte der Sechzigerjahre. 1972 wurde die Legende erstmals filmisch verarbeitet: Klaus Lemke griff das Motiv für seinen Fernsehfilm „Rocker“ auf. Gegen Ende des kultigen Films wird hier ein BMW-Chopper plattgefahren. Der gehört Gerd Kruskopf, einem der vielen Laiendarsteller des Films und im echten Leben Member der „Bloody Devils“, aus denen später das erste deutsche Charter der Hells Angels hervorgegangen ist.


Nur fünf Jahre später erleiden gleich mehrere Motorräder in der amerikanischen Action-Komödie „Smokey and the Bandit“ („Das ausgekochte Schlitzohr“) mit Burt Reynolds das gleich Schicksal.

Dieter Hallervorden und Kurt Schmidtchen in „Nonstop Nonsens“ youtube.com -> „Dieter Hallervorden - Provokation“
Auch Dieter Hallervorden und Kurt Schmidtchen verarbeiteten das Thema in den Siebzigerjahren: Sie mimten die bösen Rocker in einem Sketch für die Serie „Nonstop Nonsens“.

Vor Kurzem verwendete die Sparkassen Versicherung auf einem Plakat ein ähnliches Motiv. Zu sehen war ein Gruppe von Bikern, die ihre Motorräder nebeneinander geparkt hatten, und zwei glattrasierte Bübchen, die mit ihrem Mini im Rückwärtsgang dagegen fahren. Ob absichtlich oder nicht, liegt im Auge des Betrachters. Ihr Grinsen spricht jedenfalls für Vorsatz – und gegen ein Missgeschick. Darunter prangte der Spruch „Damit was passiert, wenn was passiert“. Wir haben bei der Sparkassen Versicherung nachgefragt und wollten unter anderem wissen, ob unser Eindruck stimmt und die Biker einen aggressiven Eindruck machen sollten. Außerdem interessierte uns, ob die Geschichte von der Rache des Lkw-Fahrers möglicherweise für das Plakat Pate gestanden hat. Doch Pressesprecherin Sylvia Knittel hat unsere Fragen nicht beantwortet. So kommentierte sie die Werbekampagne nach einigen unverbindlichen Sätzen wie folgt: „Mit unterschiedlichen Motiven werden bewusst leicht überspitzte Situationen in Szene gesetzt, in denen etwas passiert oder – wie im Fall des von Ihnen angesprochenen Motivs – passieren könnte. Es handelt sich dabei aber keineswegs um vorsätzliche Handlungen, sondern um Missgeschicke. Die Bewerbung eines bestimmten Produktes steht bei dieser Kampagne nicht im Vordergrund.“

Die Kampagne der Sparkassen Versicherung, hier aufgenommen in Mannheim (eingeblendet sind die Kontaktdaten des örtlichen Ansprechpartners). Ende September hingen die Plakate zehn Tage lang – laut Presse­sprecherin Knittel ist eine Wiederholung derzeit nicht geplant
Das Plakat der Sparkassen-Werbung

Der Fotograf, der die Bilder für das Plakat aufgenommen hat, widersprach unserer Bildinterpretation: Die Biker sollten auf keinen Fall einen aggressiven Eindruck machen und er habe im Übrigen auch nichts gegen Motorradfahrer – ganz im Gegenteil. Der Bitte, unsere Fragen im Detail noch einmal schriftlich zu beantworten, ist er allerdings genau wie die Sparkassen Versicherung nicht nachgekommen. Und auch wenn sie nicht gestorben sind, schweigen sie noch heute.

Zuerst veröffentlicht in BIKERS NEWS 03/2018
 

Unsere nicht ganz ernst gemeinte Fragen an die Sparkassen Versicherung
  • Die Fahrer des Autos vermitteln den Eindruck, dass sie die Motorräder mit Vorsatz beschädigen wollen – ist diese Aussage des Bildes beabsichtigt?
  • Gibt es Vorbilder für die Szenerie des Plakats, die der/die Ideengeber(in) im Hinterkopf hatte, z. B. in Büchern, Filmen, Medienberichten o. Ä.?
  • Die Gruppe der Motorradfahrer vermittelt einen aggressiven Eindruck; es sieht so aus, als würden die Motorradfahrer im nächsten Moment „Selbstjustiz“ üben und die Insassen des Pkw attackieren – ist diese Aussage des Bildes beabsichtigt?
  • Mit welcher der beiden Parteien soll sich der potenzielle Kunde der Sparkassen Versicherung identifizieren, mit den Insassen des Pkw oder mit den Motorradfahrern?
  • Welche Produkte möchte die Sparkassen Versicherung mit diesem Plakat bewerben? (z. B. Zahnzusatzversicherung oder Ähnliches)?
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