Jubiläums Aktion: 25Jahre TätowierMagazin
Die BIKERS NEWS jetzt 25% günstiger im Printabo! 53€ statt 72€
Nach zweieinhalb Jahren Prozess hat das Landgericht Koblenz die ehemaligen Member des Hells Angels MC Bonn wegen der Bildung einer kriminellen Vereinigung verurteilt. Das Urteil könnte zur Blaupause für die gesamte MC-Szene werden
Der ständige Vorwurf der Rechtsbeugung ist würdelos und erbärmlich!“, herrscht Oberstaatsanwalt Schmengler die Verteidiger auf der anderen Seite an. Ein ungewohnt rauer Ton für einen Vertreter der Anklage, die laut Strafprozessordnung eigentlich unparteiisch und objektiv sein soll. Es ist das erste Mal, dass sich der Oberstaatsanwalt heute äußert. Viel mehr wird er auch nicht sagen – und genau das wirft ihm die Verteidigung vor.

Es ist Donnerstag, der 24. Mai, und wir befinden uns in Sitzungssaal 102 des Landgerichts Koblenz. Dort findet heute der 103. Verhandlungstag gegen ehemalige Member des aufgelösten Bonner Hells-Angels-Charters statt. Die Fronten sind verhärtet, das ist nicht zu überhören: „Das spiegelt wider, was wir gesagt haben“, ruft Gabor Subai zurück in Richtung Schmengler. Er ist einer von zehn Anwälten, die fünf übriggebliebene Hells Angels vertreten. Ursprünglich waren es acht, doch die Verfahren gegen drei von ihnen wurden abgetrennt. Zwei davon hatten gegen ihre ehemaligen Clubbrüder ausgesagt – als „Gegenleistung“ gab es Bewährungsstrafen.

Doch was wirft die Staatsanwaltschaft den Hells Angels vor? Neben Körperverletzungen, räuberischer Erpressung, Nötigungen und Waffenbesitz hauptsächlich die Bildung von und die Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung. Das wiederum hätte sich im „Handeln nach eigenen Regeln“ sowie der Weigerung ausgedrückt, mit der Polizei zusammenzuarbeiten. Vor allem aber in der Durchsetzung von „Gebietsansprüchen“: So habe der Charter andere Clubs unterdrückt und auch der „Runde Tisch“ der regionalen Motorradclubs sei zu diesem Zweck gegründet worden.

Im Landgericht Koblenz. Links die Anklage, rechts die Hells Angels mit Anwälten(Foto: Tilmann Ziegenhain)
Im Landgericht Koblenz. Links die Anklage, rechts die Hells Angels mit Anwälten
(Foto: Tilmann Ziegenhain)


Bislang haben die Verteidiger vergeblich versucht herauszufinden, wann genau wer die kriminelle Vereinigung gebildet haben soll. Das aber ist für eine fundierte Verteidigungsstrategie unerlässlich. Ist der Bonner Charter schon seit seiner Gründung im Jahre 1999 kriminell? Wer hat sich mit wem zusammengeschlossen und welche Absprachen getroffen? Denn ohne konkrete Personen und ihre Absprache, Straftaten zu begehen, auch keine kriminelle Vereinigung. Doch obwohl die Staatsanwaltschaft bislang nicht belegt hat, wer sich wann mit wem und mit welcher Absprache zusammengeschlossen hat, hält sie den Vorwurf aufrecht.

Bislang wurde in Deutschland nur ein einziger aktiver MC-Member wegen Gründung und Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung verurteilt (nach einem eigenen Geständnis in diesem Punkt) – deswegen ist der Prozess in Koblenz nicht nur für die Hells Angels von Bedeutung, sondern für die gesamte MC-Szene.

Offene Rechnung?

Eigentlich, das ist für die Verteidiger klar, geht es hier nicht um alle Hells Angels im Saal; und auch nicht nur um den Vorwurf, sie seien eine kriminelle Vereinigung – es geht vor allem um einen: Karl-Heinz „Kalli“ Becker, den ehemaligen President des Charters. Der hatte 2010 durch die verschlossene Tür seines Wohnhauses einen Polizisten erschossen und wurde in letzter Instanz freigesprochen. Der Bundesgerichtshof urteilte, er habe in „Putativnotwehr“ gehandelt, da er fälschlicherweise davon ausgegangen war, von den Bandidos überfallen zu werden. Eine Nachbarin hielt das SEK ebenfalls für Einbrecher – und wählte den Notruf. Der Einsatz war ein Desaster, wird von der Polizei aber immer noch als den Vorschriften entsprechend eingestuft. Dabei hätten sich die Polizisten spätestens dann als solche zu erkennen geben müssen, als Becker vom Lärm vor seinem Haus geweckt wurde und das Licht im Haus brannte, der Überraschungseffekt also verpufft war.

Nach dem Freispruch machte der Fall noch einmal bundesweit Schlagzeilen. Seitdem, so drängt sich der Verdacht auf, lassen die Behörden nichts unversucht, um Becker irgendwie doch noch hinter Gitter zu bekommen. Staatsanwalt Schmengler spielt im Prozess eine entscheidende Rolle. Delikates Detail: Er war es, der den fragwürdigen SEK-Einsatz von 2010 veranlasst hatte und bereits damals die Anklage gegen Becker führte. Deswegen, so die Verteidiger, sei er alles andere als objektiv und unparteiisch – vielmehr würde er systematisch Zeugen einschüchtern und entlastende Beweise nicht berücksichtigen. Er fordert 81 Monate Gefängnis für Becker – ein Schelm, wer Böses dabei denkt, ist die 81 doch eine von den Hells Angels gern genutzte Abkürzung für ihren Clubnamen. Sie stehen für den achten und ersten Buchstaben des Alphabets, H und A, Hells Angels.

Vernehmung in der Badewanne, Verhaftung im Gericht

Selbst das Gericht hat einige Maßnahmen von Staatsanwalt und Polizei gerügt, darunter die Befragung eines Zeugen und Geschädigten, der sich gerade auf Dienstreise befand und veranlasst wurde, seine geschäftlichen Termine abzusagen, und die Befragung eines weiteren Zeugen, der gerade in der Badewanne saß. Drei Zeugen, die vor Gericht ausgesagt hatten, wurden unmittelbar nach der Anhörung festgenommen. „Immer wieder, wenn der Polizeibeamte nicht bekommen hat, was er hören wollte, dann hat er mir mit Beugehaft gedroht; er hat mir gesagt, was ich verlieren würde: Frau, Haus, Hof …“, so einer der Zeugen über das Verhör der Polizei.

Für die Verteidiger ist klar, dass dieses Vorgehen noch einen anderen Zweck hat, nämlich die Aussagen noch nicht gehörter Zeugen zu beeinflussen. Diesen müsse sich der Eindruck aufdrängen, sie könnten das Gerichtsgebäude nur dann ohne Handschellen verlassen, wenn ihre Aussagen den Vorstellungen der Staatsanwaltschaft entsprächen.

„Fachtagung“ zum Thema „Rockerkriminalität“Objektiv und unparteiisch: Staatsanwalt Schmengler auf einer „Fachtagung“ zum Thema „Rockerkriminalität“ des rheinland-pfälzischen Bundes Deutscher Kriminalbeamter 2012 (Screenshot von der Homepage des Landesverbandes)
Objektiv und unparteiisch: Staatsanwalt Schmengler auf einer „Fachtagung“ zum Thema „Rockerkriminalität“ des rheinland-pfälzischen Bundes Deutscher Kriminalbeamter 2012 (Screenshot von der Homepage des Landesverbandes)

Unberücksichtigte Beweise

Um das rechtswidrige Verhalten des Oberstaatsanwalts geht es auch heute wieder. Das wollen die Anwälte dokumentieren und stellen einen Ablösungsantrag an das Gericht: Schmengler solle durch einen anderen Staatsanwalt ersetzt werden, der seinen Pflichten nachkomme. Vor allem der Pflicht, ein ordnungsgemäßes Plädoyer vor der Urteilsverkündung zu halten. Das hätte er bereits Mitte Mai tun sollen, verwies stattdessen aber einfach auf sein Plädoyer vom Dezember 2016. Problem daran: Zwischenzeitlich sind rund vierzig Verhandlungstage und rund anderthalb Jahre vergangen. Zahlreiche Zeugen haben zugunsten der Angeklagten ausgesagt und viele entlastende Beweise wurden zusammengetragen. All das will der Staatsanwalt einfach übergehen – das Urteil stehe für ihn schon lange fest, so die Verteidiger nicht erst heute. Sie rechnen schon lange nicht mehr mit einem Freispruch vom Vorwurf der kriminellen Vereinigung.

Das Urteil

Den Ablösungsantrag stellen sie trotzdem. Der größte Teil des verlesenen Schriftstücks besteht aus einer Aufzählung all der Anträge und Zeugenaussagen, die Schmengler nicht hören und nicht sehen will. Dass sie hier aufgeführt werden, hat einen guten Grund, es ist ein taktischer Schachzug der Verteidigung. Trotz anhaltender Kritik von Strafverteidigern werden Zeugenaussagen in Strafprozessen nämlich nicht protokolliert – die Richter wehren sich gegen diese Form der Kontrolle. Nun kommen sie über den Umweg dieses Antrages doch in die Akten. Nur so wird die nächsthöhere Instanz auch inhaltlich überprüfen können, was in Koblenz aus rechtsstaatlicher Perspektive alles schiefgelaufen ist. Ansonsten wäre die Revision vorm Bundesgerichtshof, um die es der Verteidigung schon jetzt ausschließlich geht, auf die Überprüfung von Formalitäten beschränkt.

Doch es kommt wie befürchtet: Nachdem Oberstaatsanwalt Schmengler den Antrag, mit dem er abgelöst werden soll, seinem Vorgesetzten – persönlich – überbracht und das Gericht sich beraten hat, ist klar – es bleibt alles beim Alten. Schmengler bleibt im Amt und das Gericht sieht auch keine Notwendigkeit, ihn zu einem Plädoyer zu verpflichten, in dem er zu anderthalb Jahren Beweisaufnahme Stellung bezieht. Er hätte sich ja geäußert – und damit gut.

Donnerstag, 27. Juni. Einen Monat nach diesem letzten Versuch der Verteidigung, eine Wende im Prozess herbeizuführen, hat das Gericht das erwartete Urteil gefällt: Der Hells Angels MC Bonn war kein Motorradclub – er war eine kriminelle Vereinigung.

Vor dem Landgericht Koblenz. Ehemalige Member des Hells Angels MC Bonn mit Anwälten. Vierter von rechts: Karl-Heinz „Kalli“ Becker(Foto: Tilmann Ziegenhain)
Vor dem Landgericht Koblenz. Ehemalige Member des Hells Angels MC Bonn mit Anwälten. Vierter von rechts: Karl-Heinz „Kalli“ Becker
(Foto: Tilmann Ziegenhain)


 

„Das erschreckt mich, obwohl ich echt einiges gewohnt bin von Polizei und Staatsanwaltschaft.“

​Andrea Groß-Bölting ist Fachanwältin für Strafrecht und war Teil des Koblenzer Verteidigerteams. Wir haben mit ihr über den Prozess gesprochen

Rechtsanwältin Andrea Groß-Bölting, Ehrenhainstraße 1, 42329 Wuppertal, Tel. 0202 5156402-0, www.gross-boelting.de(Foto: Gebhard Bücker Photographie)
Rechtsanwältin Andrea Groß-Bölting,  Ehrenhainstraße 1, 42329 Wuppertal,  Tel. 0202 5156402-0, www.gross-boelting.de (Foto: Gebhard Bücker Photographie)

BIKERS NEWS: Das Gericht hat am 27. Juni ein Urteil gesprochen. Sie sind direkt im Anschluss mit ihren Kollegen und ihren Mandanten zum Public Viewing des Spiels Deutschland-Südkorea gegangen. Anscheinend hat Sie das Urteil nicht überrascht …

AGB: Nein, das hat es nicht. Wir kannten die Urteile gegen die abgetrennten Mitangeklagten und das Gericht hat sich von diesen Feststellungen nicht wegbewegt.


Sie haben schon viele Mandanten vor Gericht verteidigt. Gibt es etwas Besonderes an diesem Prozess, das Sie so noch nicht erlebt haben?

Ja, diese Wucht, mit der die Staatsmacht alles ausgeschöpft, jede prozessuale Möglichkeit genutzt und aus meiner Sicht Grenzen überschritten hat, um im Grundsatz die gesamte MC-Szene zu kriminalisieren. Das erschreckt mich, obwohl ich echt einiges gewohnt bin von Polizei und Staatsanwaltschaft.


Das Gericht hat einige Maßnahmen von Staatsanwaltschaft und Polizei ausdrücklich kritisiert, unter anderem die Vernehmung eines Zeugen, der sich auf Dienstreise befand, und eines anderen Zeugen, der gerade in der Badewanne lag. Andererseits behaupten Sie, das Gericht hätte allen Anträgen der Staatsanwaltschaft zu Ermittlungsmaßnahmen zugestimmt – wie passt das zusammen?

Für die Beschlüsse im Ermittlungsverfahren waren andere Richter zuständig. Ermittlungsrichter, die ganz ausgezeichnet mit der Staatsanwaltschaft zusammengearbeitet haben.


Zum Strafprozess gegen die einzelnen Privatpersonen kommt der verwaltungsrechtliche Aspekt der Vereinsverbote, erst durch den Innenminister von Rheinland-Pfalz, dann durch den des Bundes. Hatte es einen Einfluss auf den Prozess, dass der Charter Bonn vereinsrechtlich verboten worden ist? Und, theoretisch gefragt: Wenn der Charter nicht verboten worden wäre, hätte er dann nach diesem Urteil weiter bestehen dürfen?

Ich glaube, dass das einen großen psychologischen Einfluss auf die Richter hatte. Und zur zweiten Frage: Wenn dann kein Verbotsverfahren eingeleitet worden wäre, auf jeden Fall.


Drei ehemalige Member sind vom Verfahren abgetrennt und zu Bewährungsstrafen verurteilt worden. Sie behaupten, in diesen Urteilen spiegelten sich typische Vorurteile und Stereotype gegenüber der Rockerszene wider. Auch deswegen hatten Sie – vergeblich – beantragt, dass ein Kriminologe der Universität Bochum Aufklärung leistet. Was für Vorurteile und Stereotype waren das? Und finden sie sich auch in den kürzlich gesprochenen Urteil zu den anderen fünf Angeklagten?

Ja, die finden sich ganz eindeutig im Urteil: Rocker sind kriminell. Sie nötigen, wo sie gehen und stehen, sie sind gewalttätig und sie nutzen Kutten, um Menschen in Angst und Schrecken zu versetzen. Jeder Rocker, der durch das Gebiet eines anderen Clubs fährt, bekommt mindestens Prügel, wenn nicht mehr …


Das Gericht wollte dieses Gutachten nicht berücksichtigen. Wie erklären Sie sich das? Hatten die Richter keine Zeit oder hielten sie es einfach für überflüssig, sich mit der Sicht eines zwar von der Verteidigung bestellten, aber unabhängigen Wissenschaftlers auseinanderzusetzen?

Ich glaube, dass sich das Gericht in seinen Vorurteilen gemütlich eingerichtet hatte und sich diese nicht nehmen lassen wollte. Da geht die Strategie der Polizei, die MC-Szene zu verteufeln, gut auf.


Das LKA Rheinland-Pfalz hatte eigens einen „Motorradclub“ gegründet, um die Hells Angels aus der Reserve zu locken. Die haben allerdings nur darauf hingewiesen, dass es urheberrechtliche Bedenken bezüglich des Colours gebe. Ist das nicht der beste Beweis dafür, dass die Verurteilten keinen Gebietsanspruch erhoben und andere Clubs unterdrückt haben? Wie haben Staatsanwaltschaft und Gericht dieses Argument bewertet?

Das finde ich auch: Das ist der beste Beweis gegen den Anklagevorwurf. Gericht und Staatsanwaltschaft haben das geflissentlich ignoriert.

Um die Bonner Hells Angels zu Straftaten zu verleiten, gründete das rheinland-pfälzische LKA einen „MC“, dessen Colour die gleichen Farben und die gleiche Schrift des Hells-Angels-Colour zeigte
Um die Bonner Hells Angels zu Straftaten zu verleiten, gründete das rheinland-pfälzische LKA einen „MC“, dessen Colour die gleichen Farben und die gleiche Schrift des Hells-Angels-Colour zeigte​



Sie hatten bereits im Dezember 2016 beantragt, einen verdeckten Ermittler zum Sinn und Zweck des „Schnelles Helles MC“ zu vernehmen. Was ist dabei rausgekommen?

Dabei ist herausgekommen, dass das LKA keine Kosten und Mühen gescheut und nichts erreicht hat. Das ist eigentlich ein Skandal, was da passiert ist.

Das Urteil, der HAMC Bonn sei eine kriminelle Vereinigung gewesen, wurde im Wesentlichen mit den angeblichen Gebietsansprüchen begründet. Auch die Zeugen aus den echten MCs haben diesen Vorwurf aber nicht gestützt. Wieso hat die Kammer immer noch daran festgehalten? Hat sich das Gericht im Urteil dazu geäußert?

Das Gericht meint aus Zeitungsberichten zu wissen, wie es in der Szene wirklich zugeht. Im Urteil wurden teilweise Begründungen herangezogen, die in der Hauptverhandlung gar nicht Thema waren.


Für eine kriminelle Vereinigung braucht es laut Rechtsprechung eine Gruppe von Personen, die nachweislich die Absprache getroffen haben, Straftaten zu begehen. Dieser Beweis wurde nicht erbracht, dennoch ist der Tatbestand aus Sicht des Gerichts gegeben. Wie wurde hier argumentiert?

So vage wie auch bisher. Eher nach dem Motto: Wir wissen doch, dass die Hells Angels kein Kegelverein sind.    «

 

Die andere Baustelle: Klage gegen das Clubverbot

Der rheinland-pfälzische Innenminister Roger Lewentz (SPD) hatte den Hells Angels MC am 10. März 2016 verboten. Damit wollte er offensichtlich auf Stimmenfang gehen, denn drei Tage später fanden Landtagswahlen statt.Mehr zum ersten Verbot lest ihr auf unserer Internetseite: https://tinyurl.com/HAMC-Bonn-erstes-Verbot(Foto: Susie Knoll)
Der rheinland-pfälzische Innenminister Roger Lewentz (SPD) hatte den Hells Angels MC am 10. März 2016 verboten. Damit wollte er offensichtlich auf Stimmenfang gehen, denn drei Tage später fanden Landtagswahlen statt.
Mehr zum ersten Verbot lest ihr auf unserer Internetseite


Auch auf verwaltungsrechtlicher Ebene haben die Behörden alles unternommen, um die Bonner Hells Angels dranzukriegen. Und auch auf dieser Ebene wurde Macht missbraucht und Recht gebrochen. Den Anfang machte der Innenminister von Rheinland-Pfalz, Roger Lewentz. Am 10. März 2016 verbot er den Charter nach Vereinsgesetz. Doch bereits im Juli hob das Oberverwaltungsgericht Koblenz das Verbot wieder auf. Der Grund: Die Bonner unterhielten zwar ein Clubhaus im rheinland-pfälzischen Neustadt (Wied), seien aber über die Landesgrenzen hinaus aktiv gewesen. Deswegen könne nicht der Innenminister eines der beiden Bundesländer das Verbot aussprechen, sondern einzig und allein der Innenminister des Bundes. Kurios ist, dass im Vorfeld des Verbotes Gespräche zwischen den Innenministerien des Bundes und des Landes stattgefunden hatten und auch das BKA in einer Stellungnahme davon ausgegangen war, dass der Bund zuständig ist. Wieso Lewentz trotzdem ein Verbot aussprach, ist deswegen unklar. Wahrscheinlich ist, dass er damit auf Stimmenfang gehen wollte, denn drei Tage nach dem Verbot fanden in Rheinland-Pfalz Landtagswahlen statt. In einer internen, an die Medien gelangten E-Mail des Innenministeriums hieß es damals: „Die Wirkung [eines Verbots] in der Öffentlichkeit würde dem ISIM sicher guttun.“ Lewentz bestritt auf Anfragen einen Zusammenhang. Vielmehr hätte aus „taktischen Gründen“ schnell gehandelt werden müssen. Was darunter zu verstehen ist, blieb allerdings offen, denn „[p]olizeitaktische Erwägungen werden grundsätzlich nicht öffentlich dargelegt.“


Später war das gescheiterte Verbot des HAMC Bonn dann auch Gegenstand einer Debatte im Bundesrat. Der beriet am 23. September über die Verschärfung des Vereinsgesetzes und stimmte einstimmig für den Antrag der rheinland-pfälzischen Landesregierung, dass die Frage der Zuständigkeiten bei Vereinsverboten eindeutiger geklärt werden müsse. Da die Protokolle der Sitzung vertraulich sind und unsere Anfragen nicht beantwortet wurden, muss man davon ausgehen, dass Lewentz der bislang einzige Innenminister war, der das Vereinsgesetz nicht richtig anwenden konnte. Mitte Oktober lehnte die Bundesregierung den Vorschlag des Bundesrates ab: Eine Änderung der Zuständigkeiten sei nicht nötig, die Rechtslage eindeutig.

Folge des gescheiterten Verbots: Die Behörden mussten das beschlagnahmte Vereinsvermögen zurückgeben. Dazu gehörte nicht nur das im Zuge der Razzia stark beschädigte Vereinsheim, sondern auch einige Motorräder der Member – allerdings nur solche der Marke Harley-Davidson, die japanischen Fabrikate hatten die Polizisten stehenlassen.


Doch damit war die Sache nicht erledigt: Im November 2016 sprach Bundesinnenminister Thomas de Maizière ein neues Verbot aus. Doch auch dieses Verbot steht auf wackeligen Füßen, denn der Charter hatte sich zu diesem Zeitpunkt längst aufgelöst. Wir erinnern uns: Das Vereinsgesetz dient der Gefahrenabwehr. Vereine, deren Zweck oder Tätigkeit den Strafgesetzen zuwiderlaufen oder sich gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder den Gedanken der Völkerverständigung richten, können mit dem Vereinsgesetz verboten werden. Doch von einem Verein, der gar nicht mehr existiert, kann auch keine Gefahr ausgehen. Aus diesem Grund haben die ehemaligen Member auch gegen dieses Verbot geklagt, schließlich ist das einstige Clubhaus im Zuge des zweiten Verbots erneut beschlagnahmt worden. Kurios ist, dass das BKA selbst Anhaltspunkte für die Auflösung hatte, die für die Kollegen aus Rheinland-Pfalz dagegen eine „Scheinauflösung“ war. Warum das Innenministerium dennoch ein Verbot ausgesprochen hat, ist unklar. Ulla Jelpke von der Linkspartei hatte im Bundestag eine kleine Anfrage dazu gestellt. Ihr Resümee: „Die Bundesregierung wollte mit dem Verbot (…) Stimmung für die Verschärfung des Vereinsgesetzes machen.“ Stand der Dinge: Das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig lässt sich Zeit und hat noch nichts entschieden – gut möglich, dass die Richter abwarten wollen, was im Koblenzer Straf­prozess rauskommt. Durchgesickert ist, dass man der Frage, ob sich der HAMC Bonn tatsächlich aufgelöst habe, noch vertieft nachgehen wolle.     «

Als Nächstes nahm sich der ehemalige Bundesinnenminister Thomas de Maizière der Bonner Hells Angels an und sprach ein zweites Verbot aus. Das Innenministerium betrat damit juristisch und philosophisch Neuland, denn der Charter hatte sich längst offiziell aufgelöst, konnte also gar nicht mehr verboten werden. Die ehemaligen Member haben deswegen beim Bundesverwaltungsgericht Klage gegen das Verbot eingereicht. Doch dort scheint man erst mal abzuwarten, was der Koblenzer Strafprozess ergibt.Mehr zum zweiten Verbot lest ihr auf unserer Internetseite:https://tinyurl.com/HAMC-Bonn-zweites-VerbotMehr zur Klage gegen das Vereinsverbot:https://tinyurl.com/HAMC-Bonn-Klage(Foto: Sandro Halank)

Als Nächstes nahm sich der ehemalige Bundesinnenminister Thomas de Maizière der Bonner Hells Angels an und sprach ein zweites Verbot aus. Das Innenministerium betrat damit juristisch und philosophisch Neuland, denn der Charter hatte sich längst offiziell aufgelöst, konnte also gar nicht mehr verboten werden. Die ehemaligen Member haben deswegen beim Bundesverwaltungsgericht Klage gegen das Verbot eingereicht. Doch dort scheint man erst mal abzuwarten, was der Koblenzer Strafprozess ergibt. (Foto: Sandro Halank)
Mehr zum zweiten Verbot lest ihr auf unserer Internetseite
Mehr zur Klage gegen das Vereinsverbot


 
Artikel aus der Ausgabe: 7/18
Crossover-Sportster 11.07.2018
Crossover-Sportster
Victory Watercooled 10.07.2018
Victory Watercooled
Harley-Davidson Panhead: Alupfanne 09.07.2018
Harley-Davidson Panhead: Alupfanne
​Tire Style 2.0 08.07.2018
​Tire Style 2.0
Arrow-Lufi mit TÜV 07.07.2018
Arrow-Lufi mit TÜV
Lenkertaster 06.07.2018
Lenkertaster
Ausgabe 4/20 erscheint am 13. Mär
Hells Angels MC Bonn: Verbot bestätigt 14.12.2018
Hells Angels MC Bonn: Verbot bestätigt

Das Bundesverwaltungsgericht hat die Klage ehemaliger Member abgewiesen …

 Hells Angels MC Bonn verboten 10.03.2016
Hells Angels MC Bonn verboten

Nach der Aufhebung der bundesweiten Colour-Verbote wurde zum ersten Mal wieder ein Charte …

Hells Angels MC Bonn verboten 22.11.2016
Hells Angels MC Bonn verboten

Nach einem ersten Verbot und seiner Aufhebung wurde der Hells Angels MC Bonn nun vom …

Hells Angels MC Bonn verboten 17.01.2018
Hells Angels MC Bonn verboten

Nach der Aufhebung der bundesweiten Colour-Verbote im Juli 2015 wurde im März 2016 zum e …

Hells Angels MC Bonn: Verbot war rechtswidrig 04.08.2016
Hells Angels MC Bonn: Verbot war rechtswidrig

Am 10. März hatte der Innenminister von Rheinland-Pfalz den Hells Angels MC Bo …

Hells Angels MC Bonn: Behörden müssen Clubhaus zurückgeben 22.09.2016
Hells Angels MC Bonn: Behörden müssen Clubhaus zurückgeben

Das Verwaltungsgericht Koblenz hat heute entschieden, dass die Behörden den He

Hells Angels MC Holland: Verbot aufgehoben 30.01.2020
Hells Angels MC Holland: Verbot aufgehoben

Der Death Head darf vorerst wieder getragen werden …

Hells Angels demonstrieren 17.10.2019
Hells Angels demonstrieren

Hells Angels und der Runde Tisch Berlin/Brandenburg demonstrierten am 14. September gegen …

Mitteilung des Hells Angels MC Ostheim 21.11.2017
Mitteilung des Hells Angels MC Ostheim

Wir veröffentlichen eine Mitteilung des Hells Angels MC Ostheim …

Pressemitteilung des Hells Angels MC 22.12.2017
Pressemitteilung des Hells Angels MC

Wir veröffentlichen eine Pressemitteilung des Hells Angels MC D-City …

Hells Angels MC Vorarlberg 19.06.2019
Hells Angels MC Vorarlberg

Der Hells Angels MC Vorarlberg lud zur …

Hells-Angels-Kalender 2016 jetzt erhältlich 20.10.2015
Hells-Angels-Kalender 2016 jetzt erhältlich

Der neue Hells Angels Calendar für 2016 ist seit Ende Oktober erhältlich.

Hells Angels MC Holland 29.05.2019
Hells Angels MC Holland

Der Hells Angels MC Holland wurde von einem Gericht in den Niederlanden verboten …

Hells Angels MC Bonn: Klage gegen Vereinsverbot 23.04.2017
Hells Angels MC Bonn: Klage gegen Vereinsverbot

Ehemalige Member des Hells Angels MC Bonn klagen erneut gegen das Verbot des Cha …

Hells Angels MC Bonn: Statements von Innenministerium und Anwälten 05.08.2016
Hells Angels MC Bonn: Statements von Innenministerium und Anwälten

Gestern hat das Oberverwaltungsgericht Koblenz eine Pressemitteilung veröffentlicht. …

Magazine des Huber Verlages