Jagd auf die Rocker

18.03.2016  |  Text: Michael Ahlsdorf  |   Bilder: Christian Heim
Jagd auf die Rocker Jagd auf die Rocker Jagd auf die Rocker Jagd auf die Rocker Jagd auf die Rocker Jagd auf die Rocker Jagd auf die Rocker Jagd auf die Rocker
Jagd auf die Rocker
Alle Bilder »
Ein Buch packt aus. „Jagd auf die Rocker“ erzählt von einem politischen System, das die Szene der Motorradclubs gefährdet. Wir sprachen mit Lutz Schelhorn, President des Hells Angels MC Stuttgart und Initiator des Projekts
BN: Lutz, das Buch „Jagd auf die Rocker“ packt eine Menge heißer Eisen an, die längst angepackt werden mussten. Wir können dich zu deinem Buch nur beglückwünschen.

Lutz: Das ist nicht mein Buch. Es ist eine Kooperation von mehreren Autoren. Hervorzuheben sind der Stern-Reporter Kuno Kruse und die Journalistin Ulrike Heitmüller, die, unter anderem, ein Kapitel über die angeblichen Netzwerke zwischen Rockern und Neonazis geschrieben hat. Aber es haben ja noch einige weitere Autoren mitgewirkt.


Wer ist noch dabei?

Marcel Wehn hat ein Kapitel über die Entstehung eines Dokumentationsfilmes geschrieben, den er über mich gemacht hatte. Er erzählt von den Widerständen, auf die er traf, als er für den Film recherchierte. Zum Beispiel beim LKA in Stuttgart.
Valentin Landmann ...


 ... das ist der Anwalt der Hells Angels in der Schweiz ...

Richtig, ihn kenne ich schon seit 30 Jahren. Valentin Landmann hatte mal für die deutsche Zeitschrift „Kriminalistik“, die Hauspostille des BKA, einen Aufsatz über Rockerkriminalität geschrieben. Der wird auch noch mal im Buch veröffentlicht, weil Landmann dafür heftig angegriffen wurde. Und zwar im Nachhinein und genau in der Zeitschrift, in der er seinen Text veröffentlicht hatte. Die meisten Kapitel aber kommen von Kuno Kruse.

Marcel Wehn hat einen Film über Lutz gedreht. Im Buch schreibt er über den Widerstand gegen „Unter Brüdern“.
Marcel Wehn hat einen Film über Lutz gedreht. Im Buch schreibt er über den Widerstand gegen „Unter Brüdern“.

Den hatte ich vor vielen Jahren während eines Prozesse gegen einen Reutlinger Hells Angel kennengelernt. Da ging es um angebliche Zwangsprostitution. Der Prozess endete mit einem Freispruch des Hells-Angels-Members.

Über diesen Prozess schreibt Kuno Kruse in dem Buch auch. Er sieht die Dinge aus einer anderen Perspektive. Nicht so oberflächlich und voreingenommen wie viele andere Presseleute. Er ist ein sehr kritischer Journalist, unparteiisch, preisgekrönt, und er hat auch viele Kontakte zu anderen Clubs.

Frühjahr 2008 vor dem Landgericht Tübingen: HA-Member Berthold nach seinem Freispruch, ihm waren Zwangsprostitution und Vergewaltigung vorgeworfen worden.BIKERS NEWS hatte berichtet. Im Buch werden die Ereignisse um den HAMC Reutlingen noch einmal aufgerollt
Frühjahr 2008 vor dem Landgericht Tübingen: HA-Member Berthold nach seinem Freispruch, ihm waren Zwangsprostitution und Vergewaltigung vorgeworfen worden. BIKERS NEWS hatte berichtet. Im Buch werden die Ereignisse um den HAMC Reutlingen noch einmal aufgerollt (Foto: Volker Rost)


Man merkt es. Es werden viele Themen angesprochen, in denen die Clubs nicht gut wegkommen. Kruse erzählt ausführlich die Vorgeschichte, die zur Tötung eines Hells Angel durch einen Bandido in Ibbenbühren führte. Auch die unschönen Szenen aus Schleswig-Holstein werden ausführlich geschildert. Von einem Hells-Angels-Buch würden wir das nicht erwarten.

Es ist kein Hells-Angels-Buch! Das Buch heißt „Jagd auf die Rocker“ und beschreibt die rechtlich fragwürdigen Praktiken der Politik und alle Facetten von Behördenwillkür. Wenn man wissen will, warum und wie einfach mit dem Vereinsrecht ein kompletter Charter verboten werden kann, muss man auch die Hintergründe kennen. Erst dann wird deutlich, wie sowas unter Ausschluss aller Strafgerichte möglich ist! Oder wenn man wissen will, mit welchen Begründungen Europol aufgebaut wurde und was die Rocker damit zu tun hatten – dann muss man sich durch das sehr genau recherchierte Kapitel „Europol und die Rocker“ von Ulrike Heitmüller durcharbeiten.


Wer hat das Buch dann überhaupt angeleiert, wenn so viele daran mitgewirkt haben?

Die Idee dazu kam von mir. Ich hatte jahrelang recherchiert, die Presse und die Szene beobachtet, die Verlautbarungen der Politiker gesammelt, auch über die Dauer mehrerer Legislaturperioden. Manchmal hatte ich in einem Monat einen ganzen Ordner voll. Ich hatte mir Karteikarten zugelegt, in verschiedenen Farben.


Klingt sehr genau.

 ... das war sehr viel Arbeit und ich habe festgestellt: Es ist immer der gleiche populistische Mist, den manche da von sich geben! So ist schließlich das Buch entstanden. Jetzt halten wir denen den Spiegel vor. Und so erzählt das Buch von so ziemlich allem, was gegen uns läuft. Und das betrifft alle Clubs. Klar, es erzählt auch die Geschichte von Kalli, dem Auslöser für das Strategiepapier der Innenminister.


 ... das war der HA-Member, der in Koblenz einen Polizisten in putativer Notwehr erschossen hatte. Die Polizei hatte sich am frühen Morgen an seiner Haustür zu schaffen gemacht, ohne sich zu erkennen zu geben.

Und dann erzählt das Buch, was die Polizei danach mit Kalli gemacht hat. Und wie die Politik nach seinem Freispruch durch den BGH reagiert hat – euch werden die Haare zu Berge stehen! Dann erzählt es natürlich von dem Strategiepapier und den daraus entstandenen Hetzkampagnen, die danach gegen uns liefen. Und wo wir gerade bei Hetzkampagnen sind: Das Buch erzählt natürlich auch die präzisen Abläufe und Hintergründe der Geschichte von der Leiche, die angeblich in einem Betonfundament versenkt wurde. Das war wochenlang das Thema in allen Medien.


Weil euch das viele auch zugetraut hätten. Was werden die Brüder deines Clubs zu diesem Buch sagen, das ja auch so viele Schattenseiten deines Clubs beleuchtet?

Was heißt „Schattenseiten“? Schattenseiten hat nicht nur mein Club, die hat die ganze Szene. Und die hat unsere Gesellschaft, auch unsere Politik.
Wenn ein Journalist über so ein komplexes Thema wie die aktuelle Situation der Rockerszene recherchiert, dann muss er auch unangenehme Vorgänge aussprechen. Sonst ist das alles unglaubwürdig. Das wird nicht allen schmecken – und damit muss auch ich klarkommen. Aber auf die Arbeit meiner Ko-autoren habe ich keinen Einfluss. Ich setze mich nicht seit Jahren ein, nur um „Everybody’s Darling“ zu sein! Sondern um für meinen Club und die ganze Szene etwas zu erreichen. Ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass sich weitere Journalisten mit einem anderen Zugang der Thematik annehmen werden, dass die Politik, deren unbelegte Statistiken, deren pauschale Kriminalisierung ernsthaft hinterfragt werden.
Bei einer kritischen Recherche können auch die sogenannten „Strukturberichte“ der LKAs keinen Bestand mehr haben. Die bewegen sich mit der Diskriminierung einer ganzen Subkultur auf dünnem Eis.


Das reduziert unsere Subkultur auf ein Bild von einem kriminellen Haufen. Das Bild hat sich so gefestigt – und das ist auch von der Politik so gewollt.

Ja. Und dabei ist die Szene, dabei sind die Clubs so vielfältig. Wir sind auch nicht so straff und militärisch organisiert, wie man es uns immer nachsagt. Da kursieren so viele Weisheiten, wie die Clubs aufgebaut sind, welche Regeln die Clubs haben, was ihre Aufnäher bedeuten. All diese Spekulationen, Halbwahrheiten und Unwahrheiten werden von Behörden verbreitet und dann von der Politik übernommen. Und jeder Blödsinn wird abgeschrieben und auf den anderen Club übertragen.
Natürlich habe ich mehr Zugang zu dem, was bei uns Hells Angels läuft, aber ich weiß auch viel von anderen Clubs. In der Szene kennt man sich untereinander immer irgendwie aus früheren Zeiten. Da haben wir genügend Informationskanäle.


Und was werden diese anderen Clubs sagen, über die das Buch ebenfalls berichtet?

Lassen wir’s drauf ankommen. Es ist, wie schon gesagt, kein Hells-Angels-Buch, sondern ein Buch, das über die Anfeindungen gegen alle Rockerclubs berichtet. Da ist die ganze Szene betroffen. Jetzt sollte auch mal die ganze Szene geschlossen reagieren.


Wir wissen, dass du gemeinsame Aktionen anbietest. Aber die anderen Clubs wissen, dass so ein Angebot nur von dir kommt und dass man in anderen Hells-Angels-Chartern anders handelt.

Das sehe ich nicht so. Es hat sich viel entwickelt in der letzten Zeit. Irgendwie müssen jetzt Gespräche zustande kommen und ich bin nun mal bekannt dafür, dass man mit mir reden kann. Wir alle werden Brücken bauen müssen. Und so wie ich denken die meisten: clubübergreifend. Das zeichnet sich deutlich ab.
Nehmen wir den Entzug der waffenrechtlichen Erlaubnisse für Rocker: Es ist doch blödsinnig, dass alle Clubs das vor den Verwaltungsgerichten eigenständig bestreiten und dann verlieren. Mit jedem verlorenen Prozess festigen wir die bestehende Situation. Und wir haben jetzt eine weit bessere Ausgangsposition. Juristen und Wissenschaftler haben festgestellt, dass hier Grundrechte verletzt werden.


Hast du denn selbst eine Waffe? Braucht man die als Rocker?

Nein, ich habe keine Waffe. Ich brauche auch keine. Es geht auch nicht um die Waffen, sondern um ein Bürgerrecht. Wenn einem die waffenrechtlichen Erlaubnisse entzogen werden, darf man nicht mal mehr Pfefferspray besitzen oder ein Luftdruckgewehr an der Schießbude in die Hand nehmen.
Die Verbote basieren auf angeblicher „Unzuverlässigkeit“. Und was aus solchen pauschalen Verboten noch entstehen kann, diesen Teufel möchte ich gar nicht an die Wand malen.
Deshalb ist es so wichtig, dass wir zusammenarbeiten! Der Prozess vor dem Bundesgerichtshof in Karlsruhe gegen das Colour-Verbot war schon mal ein Ansatz. Was hätten wir da nicht alles erreichen können, wenn wir uns gemeinsam positioniert hätten! Eine Zusammenarbeit würde darüber hinaus viel Druck aus der Szene nehmen. Aber hier war auch ich noch zu zögerlich. Das ärgert mich!

Nach der Entscheidung des Bundesgerichtshofs über das Colour-Verbot. Lutz legte umgehend seine Patches an und stellte sich der Presse.
Nach der Entscheidung des Bundesgerichtshofs über das Colour-Verbot. Lutz legte umgehend seine Patches an und stellte sich der Presse (Foto: Volker Rost)


Wie seid ihr denn mit diesem Buch beim Huber Verlag gelandet? Ihr hattet doch nach meinen Informationen einen großen Verlag an der Hand.

Ja, das war auch ein richtig guter Verlag. Aber uns hat die Zeit gefehlt, wir konnten die zeitlichen Vorgaben nicht einhalten. In dem Buch stecken vier Jahre Arbeit, aus geplanten 300 Seiten wurden 500 Seiten. Und alles musste perfekt sein. Unangreifbar.
Mit eurem Huber Verlag haben wir einen Verlag gefunden, der uns nicht mit „Marketing“ kam. Ihr seid in diesem Thema sehr kompetent. Und so kam es auch zu deinem Vorwort in diesem Buch.


Ich habe das Vorwort gerne geschrieben. Wir danken euch für das Vertrauen!

Lutz Schelhorn, Ulrike Heitmüller, Kuno Kruse, mit einem Vorwort von Michael Ahlsdorf: Jagd auf die Rocker, 472 Seiten, ISBN: 978-3-927896-67-3, SzeneShop-Bestellnummer: 804059, 24,80 EuroLutz Schelhorn, Ulrike Heitmüller, Kuno Kruse, mit einem Vorwort von Michael Ahlsdorf: Jagd auf die Rocker, 472 Seiten, ISBN: 978-3-927896-67-3, SzeneShop-Bestellnummer: 804059, 24,80 Euro
 
  Teilen
Stand:13 December 2018 21:44:41/szene/politik/jagd+auf+die+rocker_199.html