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Philosophen fühlen sich sogar zu Wortmeldungen über Motorräder berufen. Antworten liefern sie trotzdem nicht
Motorradphilosophen brachten es zu Bestsellern. Denken wir nur an Robert Pirsig, der uns einen Buchtitel lieferte, den komischerweise jeder runterbeten kann. Aber keiner weiß, was der Mann eigentlich geschrieben hat. Kein Wunder. „Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten“ war eine Spätgeburt der Hippie-Ära: 500 Seiten esoterisches Geschwalle, ziemlich viel mit Selbsterfahrung und Bewusstseinserweiterung. Man musste Drogen nehmen, um wenigstens zu glauben, dass man es verstanden hat.

Robert M. Pirsig: Zen und die Kunst, ein Motorrad zu warten
Robert M. Pirsig: Zen und die Kunst, ein Motorrad zu warten

Matthew Crawford war im neuen Jahrtausend nicht viel hilfreicher. In „Ich schraube, also bin ich“ schwärmte ein frustrierter Geisteswissenschaftler vom Glück des Mannes, der mit seinen eigenen Händen schafft. Das konnten ein paar Romantiker schon 200 Jahre früher – das Schwärmen, nicht das Schaffen mit eigenen Händen. Richtiger werden Idealisierungen damit nicht.

Matthew B. Crawford: Ich schraube, also bin ich. Vom Glück, etwas mit den eigenen Händen zu schaffen
Matthew B. Crawford: Ich schraube, also bin ich. Vom Glück, etwas mit den eigenen Händen zu schaffen

Unter diesen beiden Exponenten brodelt ein Sumpf von Schreiberlingen, die allesamt auch mal über was nachgedacht haben. Aber es ist keine Philosophie, wenn jemand zwei Gläser Rotwein trinkt, um dann zu schauen, ob er noch lange Sätze schafft. Der folgende Satz kommt von einer Internetseite, die sich ausgerechnet „www.motorradphilosophen.de“ nennt: „Wer heute in der FTW Welt etwas auf sich hält und auch so wahrgenommen werden will und gleichzeitig Wert auf technisch zuverlässiges Material legt, pflanzt seinen Hintern wie im Beispiel von Bossi Hossi Sänger Sascha auf ein, von einem der führenden Custom Bike Builder der Subkultur fernen Harley Oberklasseschrauberei künstlich runtergeranztes Bike der Marke Harley-Davidson und scheint sich innerhalb einer sich unaufhaltsam nach oben schraubenden Kursentwicklung ranziges Alteisens aus den Staaten, des absurden Widerspruchs nicht bewusst zu sein, den diese Entwicklung darstellt.“

So hat Motorradphilosophie bis gestern noch geklungen. Heute ist das anders, denn jetzt gibt’s ein Buch vom Philosophen Rainer Otte. Unser Startbild zeigt ihn vor seinem Bücherregal. Der Mann hat’s studiert, und nicht gekifft. „Windpassagen“ ist mit klarem Kopf geschrieben und schöpft treffsicher aus dem kompletten Fundus der abendländischen Philosophie. Schon der Titel verrät dem Kenner: Walter Benjamin wird an irgendeiner Stelle auch noch zitiert werden. Und überhaupt wissen wir ab jetzt immer, was Platon, Kant oder Nietzsche dazu gesagt hätten.

Rainer Otte: Windpassagen. Die Philosophie des Motorradfahrens. 132 S., 13,90 Euro, SzeneShop-Artikelnr. 70 61 38SzeneShopMarkircher Straße 11a, 68229 MannheimTel 0621 - 483 61-4700, www.szeneshop.com
Rainer Otte: Windpassagen. Die Philosophie des Motorradfahrens.
132 S., 13,90 Euro, SzeneShop-Artikelnr. 70 61 38
SzeneShop
Markircher Straße 11a, 68229 Mannheim
Tel 0621 - 483 61-4700, www.szeneshop.com


Nur mit Rockern hat Rainer Otte es nicht, weshalb er über uns Wahrheiten schreibt, die wir so eigentlich nicht lesen wollten: „Rockergangs dichten sich ihre Identitäten und kaufen selbstredend die passenden Maschinen samt Outfit. Fällt ihnen selber nichts ein, lassen sie dichten – die Werbung oder Peer-Groups werden die Panne im Kopf sofort beheben. Manches Drehbuch für den Film im Kopf des Motorradfahrers ist für Außenstehende leicht zu erkennen. Wir finden schönste Beispiele von Slapstick und Tragik.“ Okay, das stimmt auf die Schnelle.

Aber halt: Es war kein Geringerer als Nietzsche, der das mit dem Erdichten von Identitäten erfunden hat. Warum dürfen Rocker das nicht? Oder umgekehrt: Sind Rocker vielleicht praktizierende Nietzscheaner? Ist ein Rockerclub vielleicht ein rollendes Machtgebilde im besten nietzscheschen Sinne? Ein bisschen mehr Liebe zur Weisheit, rein quantitativ, hätte es schon sein können, wenn es um unsere Szene geht. Zumal das Cover des Buches unmissverständlich einen über die Landstraße cruisenden Chopper zeigt, als würde nun das Lied zum Drehbuch von der Freiheit gesungen.

Was wir ebenfalls vermissen: Das Hohelied auf die Technik. Wovon Crawford zu viel geredet hat, davon redet Otte zu wenig. Waren die italienischen Futuristen wirklich die letzten, die dazu noch was Zitierfähiges zu sagen hatten? Und wenn sie über Ästhetik, Erotik und den Sex der Verbrennungsmotoren tatsächlich das letzte Wort gesprochen haben, dann sollte man heute doch ein weiteres Wort über Datenbus, Kennfelder und elektronisches Mapping verlieren. Bei Otte haben wir’s nicht gefunden.

Macht nix. Otte reiht 120 Seiten lang eine erhellende Einsicht an die nächste. Immer geht es dabei irgendwie um Motorräder, und immer führt er uns dabei in einem Parforceritt durch den Begriffsapparat der abendländischen Philosophie aus den letzten zwei Jahrtausenden. Mitreißend ist das Kapitel über die Relativitätstheorie des Gasgebens: So fundiert, so nachhaltig und so lyrisch haben wir die philosophischen Aporien von Stillstand und Bewegung am Fallbeispiel des Motorrades noch nie serviert bekommen. Davon wird uns sicher was auf dem nächsten Ausritt durch den Kopf spuken – und so schnell wie der Wind wieder verschwinden, der Titel sagt’s ja. Der Untertitel verspricht vielleicht zu viel. Das Buch ist eher eine Ansammlung von Essays, weniger eine echte Philosophie. Aber die Zeiten der philosophischen Systeme sind sowieso vorbei, weshalb wir uns auch die Frage „Was will der Autor uns sagen?“ verkneifen. Den Sinn des Lebens hat noch kein Philosoph erklären können. Aber jeder hat es ein bisschen interessanter gemacht.

Wir gehen davon aus, dass so ziemlich kein Biker dieses Buch kaufen wird, weil keine Bilder drin sind. Schade. Aber wir sind Anhänger der sokratischen Mäeutik. Das ist die Lehre von der geistigen Geburtshilfe. Auch aus einem Biker wird die philosophische Einsicht sich schon irgendwie herauskitzeln lassen. Man muss nur Geduld haben und es immer wieder probieren. Deshalb haben wir das Buch „Windpassagen“ in das Verkaufsprogramm unseres SzeneShops aufgenommen. Und wer uns nun Überheblichkeit unterstellt, dem werden wir nicht lang erklären, dass Biker längst die Klügeren sind. Stattdessen schließen wir mit dem letzten Satz des Kapitels über die Relativitätstheorie des Gasgebens: „Denk du mal nach, ich fahr schon vor.“

Zuerst veröffentlicht in BIKERS NEWS 05/2015
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