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Der President der Reutlinger Hells Angels wollte einem Freund helfen. Das Landgericht Tübingen verurteilte dessen Engagement als Selbstjustiz War es ein Rocker-Prozess? Der Richter im Schwurgerichtssaal des Landgerichts Tübingen bemühte …
Der President der Reutlinger Hells Angels wollte einem Freund helfen.
Das Landgericht Tübingen verurteilte dessen Engagement als Selbstjustiz



War es ein Rocker-Prozess? Der Richter im Schwurgerichtssaal des Landgerichts Tübingen bemühte sich um Ausgewogenheit. Der Staatsanwalt, so erklärte der Richter, hätte die Rocker-Szene als einen düsteren Wald geschildert, vor dessen Auswüchsen man nun hier stünde. Die Verteidiger dagegen hätten die Vorfälle mit einzelnen Bäumen verglichen, die nun eben auch einzeln gefällt werden müssten. Die Aufgabe des Gerichtes sollte es sein, die Wahrheit irgendwo dazwischen zu finden.
Rocker-Prozess oder nicht. Es hätte eine Provinzposse werden können, hätte es nicht mit einem schwer verletzten Mann begonnen. Ingo, der President des Hells Angels MC Reutlingen, erhielt im letzten Frühjahr eine SMS von Aldo E., dem Wirt der Reutlinger Kneipe „Rock Star“. Ihr Wortlaut: „Habe Deinen Haus- und Hofmusiker zerlegt. Ließ sich nicht vermeiden.“

Im Schwurgerichtssaal des Tübinger Landgerichts vor der Verhandlung
Im Schwurgerichtssaal des Tübinger Landgerichts vor der Verhandlung

Ein schwer verletzter Musiker

Wer da „zerlegt“ wurde, das war Armin H., genannt „ARE“. Über Jahre hatte ARE auch Partys und Runs des Hells Angels MC Reutlingen mit Live-Musik versorgt, mal mit Band, mal allein und unplugged. Nun, am 11. April des Jahres 2013, war ARE so „zerlegt“ worden, dass er auf der Intensivstation landete. Er wird nie mehr singen können, neben schwersten inneren Verletzungen war auch sein Kehlkopf zerdrückt worden.
Ingo besuchte ARE im Krankenhaus. Auch das schilderte der Richter des Landgerichts Tübingen in der Begründung des Urteils, das er am 3. Februar 2014 über Ingo sprach. Es ging beim Besuch im Krankenhaus nicht um die Absprache von Rachefeldzügen, sondern – im Juristendeutsch – um das „Aufzeigen einer Genesungsperspektive“.
Doch dabei es sei es nicht geblieben, denn die richterliche Schilderung setzte fort: Am 10. Mai fuhren zehn bis fünfzehn Hells Angels-Member vor dem Rock Star auf, unter ihnen die später mitangeklagten Member Swen und Berthold. Als Wirt Aldo nicht öffnete, traten sie die Tür ein. Aldo rief währenddessen über’s Handy die Polizei. Damit verstieß er gegen einen in der Rocker-Szene üblichen Kodex, das vermerkte auch der Richter. Insofern war es schon mal klar, dass es sich hier irgendwie auch um einen Rocker-Prozess handeln würde.

In der Mitte: Berthold, Swen und Ingos Frau Uli unter Freunden und Angehörigen nach dem Urteilsspruch
In der Mitte: Berthold, Swen und Ingos Frau Uli unter Freunden und Angehörigen nach dem Urteilsspruch
 

Besuch mit einem Hammer

Am nächsten Tag, dem 11. Mai, richtete das Rock Star ein Dart-Turnier aus. Diesmal lief Ingo mit Swen ein. Und dann führte Ingo noch einen Hammer mit sich. Ingos nachträglich vorgebrachte Beschwichtigung, dass er diesen Hammer im Auto hätte, seitdem ihm zweimal die Felgenkappen abgefallen waren, und dass er ihn diesmal ausnahmsweise aus dem Auto mitgenommen hätte, weil er „nicht so enden wollte wie ARE“, schenkte der Richter keinen Glauben. Stattdessen, so die richterliche Schilderung, seien Ingo und Swen in das Rock Star eingefallen und Ingo hätte „Alle raus“ gerufen. Den Hammer schwingend hätte er die Gäste eingeschüchtert. Dann hätte er Aldo in einem Hinterzimmer erklärt: „Ich sollte dir hiermit den Schädel einschlagen. Aber wir machen das jetzt anders.“
Ingos Forderung: Aldo solle ein Fest zugunsten von ARE ausrichten, dann im Rock Star Hells Angels Support-Klamotten verkaufen, und er solle vor allem dem im Krankenhaus liegenden ARE eine Entschädigung von 10.000 Euro zahlen.
Spätestens hier wichen die Darstellungen des Richters und die von Ingo voneinander ab. Das Schwingen des Hammers hatte Ingo in der Verhandlung zugegeben, jedenfalls die Tatsache, dass er diesen Hammer nach dem Besuch, draußen, als er sich plötzlich den 30 Gästen gegenüber sah, geschwungen hätte. So hätte er verhindern wollen, dass es überhaupt zu einer körperlichen Auseinandersetzung kommen könnte. Dafür hatte er sich nachträglich entschuldigt.
Die Forderung von 10.000 Euro stritt er allerdings ab: „So viel hat der doch gar nicht.“ Selbst während der Urteilsverkündung stellte Ingo die Darstellungen des Richters mit lautstarkem „stimmt nicht, stimmt nicht“ immer wieder in Frage. Denn diese Version des Geschehens am 11. Mai fußt einzig auf den Schilderungen von Aldo E., der unter Zeugenschutz steht und deshalb nur unter Personenschutz und bei gleichzeitiger Absperrung des ganzen Gebäudes vor Gericht aussagte. Weitere Zeugen aber gab es nicht, zumindest keine weiteren Aussagen. Die Gespräche fanden im Hinterzimmer statt, und die Gäste hatten das Rock Star verlassen.

Während der Verhandlung dürfen die Angeklagten nicht fotografiert werden. Dieses Bild zeigt Ingo während einer anderen Verhandlung vor dem  Land­gericht Tübingen
Während der Verhandlung dürfen die Angeklagten nicht fotografiert werden.
Dieses Bild zeigt Ingo während einer anderen Verhandlung
vor dem Land­gericht Tübingen

Ein hartes Urteil

Am 17. Mai 2013 erging der Haftbefehl gegen Ingo. Am 24. Mai 2013 wurde er in einem Hotel in Frankfurt verhaftet. Die folgende Zeit verbrachte er in Untersuchungshaft.
Nun reichte es für ein hartes Urteil: Über Ingo verhängte der Richter eine Strafe von vier Jahren wegen des Versuchs der besonders schweren räuberischen Erpressung. Swen kam mit zehn Monaten Haft davon, die er allerdings noch antreten muss. Berthold kassierte ein Jahr auf Bewährung.
Der Staatsanwalt hatte für Ingo sechs Jahre und neun Monate gefordert. Die Strafordnung, so der Richter, sähe eine Haftstrafe von zwei bis elf Jahren vor. Die Verschärfung begründete der Richter vor allem mit dem „Angriff auf das staatliche Gewaltmonopol“, also mit dem, was wir umgangssprachlich „Selbstjustiz“ nennen. Ingo hätte sich als gemeinsamer Bekannter von ARE und Aldo bemächtigt gefühlt, die Sache „wie unter Rockern“ in eigener Machtvollkommenheit zu regeln. Polizei oder gar Richter hätten da nicht mitzureden. Eine SMS von Ingo an Aldo lautete: „Wir sind doch Rock’n’Roller!“ Auch die „Organisation“ der Hells Angels im Rücken von Ingo hätte sich verschärfend auf das Urteil ausgewirkt.

Die Rechtsanwältin  Martina Kohler erklärte nach der Verhandlung: „Die Akte ARE hat man unter den Tisch fallen lassen. Für die Anwältin von ARE bleibt Aldo nicht greifbar, dabei muss sie die Ansprüche von ARE gegen Aldo durchsetzen.“ Rechtsanwälte Fischer & Kohler Kirchstraße 6, 70173 Stuttgart Tel 0711 - 236 42 48 fischer-kohler@t-online.de
Die Rechtsanwältin Martina Kohler erklärte nach der Verhandlung:
„Die Akte ARE hat man unter den Tisch fallen lassen. Für die Anwältin von ARE bleibt Aldo nicht greifbar,
dabei muss sie die Ansprüche von ARE gegen Aldo durchsetzen.“
Rechtsanwälte Fischer & Kohler
Kirchstraße 6, 70173 Stuttgart, Tel 0711 - 236 42 48,
fischer-kohler@t-online.de


Mildernde Umstände

Ob Ingo am besagten Abend Herr seiner Sinne war, wollte der Richter nicht in Frage stellen. Es hätten durchaus Anzeichen darauf hindeuten können, dass Ingo unter dem Einfluss von Kokain stand. Im Affekt hätte er sich gar selbst die Hand blutig geschlagen. Ein eigens eingeholtes psychologischen Gutachten bescheinigte Ingo trotzdem die volle Zurechnungsfähigkeit.
Das volle Strafmaß schöpfte der Richter indes nicht aus. Besonders mildernd hätte sich da zum einen die emotionale Betroffenheit Ingos über das Schicksal seines Freundes ARE ausgewirkt. Vor allem milderte den Vorfall aber die Tatsache, dass Ingo keine Forderungen gestellt hätte, um sich selbst zu bereichern. Die 10.000 Euro hätte Aldo ja an ARE, nicht an Ingo oder die Hells Angels, zahlen müssen.
Milde ließ der Richter auch im Fall von Berthold walten, der mit Bewährung davonkam. Berthold sei der Älteste der Angeklagten, und so klangen die Worte des Richters ungewöhnlich: „Das Alter macht nicht unbedingt weiser. Aber die kriminelle Energie nimmt ab.“ Diese schmunzelnd vorgetragenen Worte des Richters dürften sich auch darin begründen, dass Berthold schon einmal als Angeklagter vor ihm saß – bis sich seine Unschuld unanfechtbar herausstellte.
Die Verkündung des Urteils und seiner Begründungen schloss mit der Verkündung einer letzten Amtshandlung: „Der schwarze Hammer mit den weißen Plastikschlagflächen wird eingezogen.“

Betroffenheit nach dem Urteil. Oben links die Polizei. Sie blieb in Bereitschaft, solange Ingos Freunde sich vor dem Gericht aufhielten
Betroffenheit nach dem Urteil. Oben links die Polizei. Sie blieb in Bereitschaft,
solange Ingos Freunde sich vor dem Gericht aufhielten

Bewegende Szenen im Gerichtssaal

Die Szenen im Gerichtssaal endeten bewegend. Die Ordnungskräfte verhinderten es nicht, dass Ingo seinen engsten Freunden die Hände schütteln und seine Frau Uli in die Arme schließen konnte. Dann verließ der den Saal aufrecht, mit zuversichtlichem Blick und hochgereckten Daumen.
Die Anwälte von Ingo zeigten sich empört. Das sei „Feindstrafrecht“, so einer von ihnen, also „Polizeirecht im Gewand des Strafrechts“. Auch ginge es nicht um die Sache, sondern um die Zerschlagung der Hells Angels. Zudem seien viele Fakten richterlich gar nicht ausgewertet worden, zum Beispiel ein Telefongespräch zwischen Ingo und Aldo unmittelbar nach der ersten „Zerlegungs“-SMS. Über dieses Gespräch liegt ein Verbindungsnachweis vor, und in dem soll Aldo das klärende Gespräch höchstselbst vorgeschlagen haben.
Überhaupt nennt Rechtsanwältin Martina Kohler damit den wesentlichen Haken der Verhandlung: Der Kronzeuge Aldo hätte zwar zu den Vorfällen vom 10. und 11. Mai ausgesagt. Ansonsten aber hätte man die Akte ARE unter den Tisch fallen lassen. Für die Anwältin von ARE bleibt Aldo nicht greifbar, dabei muss sie die Ansprüche von ARE gegen Aldo durchsetzen. Dieses Problem kommt in vielen Prozessen auf, in denen eine Partei hinter der Anonymität des Zeugenschutzprogrammes verschwindet.

ARE spielte auf vielen Veranstaltungen der Reutlinger Hells Angels.  Hier auf einer Demo gegen das Verbot der German Bike Week im Jahr 2003
ARE spielte auf vielen Veranstaltungen der Reutlinger Hells Angels.
Hier auf einer Demo gegen das Verbot der German Bike Week im Jahr 2003

Bekannte Größen in der Reutlinger Szene


Es handelte sich bei allen Beteiligten um bekannte Größen in der Reutlinger Szene. Und manche im Publikum murrten heftig auf, als der Richter klarstellte, dass das Zeugenschutzprogramm nicht aufgerufen worden sei, damit der Aldo E. sich aus den Schulden seiner Wirtschaft heraussanieren könnte. Sie sahen das anders, denn mit dem Zeugenschutz sind in der Regel auch alle Schulden gelöscht. Und Ingos Anwälten war es gelungen, herauszufinden, dass Aldo bereits im Jahr 2012 den Offenbarungseid abgelegt hatte.
Vor allem aber wird nicht mehr geklärt werden können, was eigentlich dazu führte, dass ARE so schwer zusammengeschlagen wurde. Ingos Brüder, Angehörige und Freunde halten da noch einige Fragen für ungeklärt. Drei Tage vor der Urteilsverkündung versuchte seine Frau Uli, eine bezahlte Anzeige mit ihrer Sicht der Dinge in den lokalen Tageszeitungen zu schalten. Die Tageszeitungen verweigerten das lukrative Geschäft. Uli stellte das wiederum auf die Facebook-Seite „United Motorcycle Clubs“. Bereits in den ersten Stunden kassierte sie dafür 60.000 „Likes“.
 

Im Frühjahr hatten die Reutlinger Hells Angels zu einer „Ingo not guilty“-Party in ihr Clubhaus geladen
Im Frühjahr hatten die Reutlinger Hells Angels zu einer „Ingo not guilty“-Party in ihr Clubhaus geladen

    Kontakt
   

Hells Angels MC Reutlingen
Albstraße 37, 72764 Reutlingen
www.hellsangels-reutlingen.de
www.hamc-south-area.de

§ Zeugenschutz §
Das Zeugenschutzprogramm wird oft angewendet, um Kronzeugen zu schützen. Die Kronzeugenregelungen wurden im Zuge der Terrorismusbekämpfung in den 80er Jahren eingeführt. Wer über gemeinsam mit Komplizen begangene Straftaten aussagt, kann als Kronzeuge geschützt werden und wird milder oder gar nicht bestraft.
Da Rachemaßnahmen gegen Kronzeugen zu befürchten sind, stehen sie in der Regel unter Zeugenschutz. Das Zeugenschutzprogramm enthält ein Bündel von Maßnahmen, die oft in Rocker-Prozessen angewendet werden: Wer unter Zeugenschutz steht, muss nicht öffentlich und vor allem nicht vor den Prozess-Gegnern aussagen. Oft erhält er eine neue Identität.
Das kann zum Missbrauch des Zeugenschutzprogramms führen. Straftaten des unter der Deckung des Zeugenschutzes Stehenden werden nicht verfolgt. Seine Akten sind den Prozess-Gegnern nicht oder nur auszugsweise zugänglich. Und wer zum Beispiel hoch verschuldet ist, kann auf dieses Weise ein neues Leben unter neuem Namen und ohne Schulden beginnen.



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