60 Jahre Kartoffelkäferbande Grimma

23.08.2018  |  Text: Harry/Tilmann Ziegenhain  |   Bilder: Harry/ Archiv Kartoffelkäferbande
60 Jahre Kartoffelkäferbande Grimma 60 Jahre Kartoffelkäferbande Grimma 60 Jahre Kartoffelkäferbande Grimma 60 Jahre Kartoffelkäferbande Grimma 60 Jahre Kartoffelkäferbande Grimma 60 Jahre Kartoffelkäferbande Grimma 60 Jahre Kartoffelkäferbande Grimma 60 Jahre Kartoffelkäferbande Grimma 60 Jahre Kartoffelkäferbande Grimma 60 Jahre Kartoffelkäferbande Grimma 60 Jahre Kartoffelkäferbande Grimma 60 Jahre Kartoffelkäferbande Grimma
60 Jahre Kartoffelkäferbande Grimma
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Deutschlands älteste Motorradfahrgemeinschaft im Porträt
Auch die DDR hatte ihre Halbstarken. Und genau wie in der BRD hatten auch die ihre Konflikte mit der staatlichen Obrigkeit und der spießigen Nachkriegsgesellschaft. Bestes Beispiel dafür ist die Kartoffelkäferbande, die sich vor sechzig Jahren im sächsischen Grimma gründete.

Rufen wir uns also zunächst anhand einiger Eckdaten ins Gedächtnis, wie das Land im Jahr 1958 westlich und östlich der innerdeutschen Grenze aussah: In der BRD wird Schalke deutscher Fußballmeister, Elvis absolviert seinen Wehrdienst in Friedberg und der Liter Benzin kostet 62 Pfennig. Außerdem bricht das Reisefieber aus und Tausende begeben sich mit ihren Isettas und Käfern in Richtung Italien.

Und in der DDR? Dort werden 1958 die Lebensmittelkarten abgeschafft und die landeseigene Fluggesellschaft „Interflug“ gegründet. Walter Ulbricht verkündet auf dem SED-Parteitag, die DDR werde die Bundesrepublik binnen fünf Jahren im Pro-Kopf-Verbrauch an Lebensmitteln und Konsumgütern übertreffen – dennoch verlassen 220 000 Menschen den Realsozialismus in Richtung Westen. Außerdem befiehlt das Ministerium für Kultur am 2. Januar den Kampf gegen „westliche Dekadenz“ in der Tanz- und Unterhaltungsmusik: 60 Prozent aller öffentlich gespielten Musik müssen fortan aus sozialistischen Ländern stammen. Maßnahmen wie diese stoßen insbesondere bei der ostdeutschen Jugend auf wenig Gegenliebe. Die wehrt sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten, wie einige Jahre später auf der „Leipziger Beatdemo“, auf der die DDR-Jugend gegen das staatliche Verbot von Beatmusik demonstriert und die von der Volkspolizei gewaltsam aufgelöst wird. Auch die Kartoffelkäferbande will hin, wird aber daran gehindert. „In der Nacht zuvor wurden wir alle abgeholt. Um uns vor uns selbst zu schützen, hieß es. Ein Spitzel war auch unter uns. Der hat nur Blödsinn berichtet, wie wir später nachlesen konnten“, erinnern sich die Member der ersten Stunde 2008 im Interview mit BIKERS NEWS.

Seit 2004 tragen die Kartoffelkäfer auch ein einteiliges Rückenpatch
Seit 2004 tragen die Kartoffelkäfer auch ein einteiliges Rückenpatch


In diesem muffigen Klima des Kalten Krieges wachsen die Gründungsmember der Kartoffelkäferbande auf; eine Gruppe von übermütigen Jugendlichen, die im offiziellen Sprachgebrauch des SED-Staates schnell als „konterrevolutionär“ abgestempelt wird. So weit geht das Denken der jungen Leute damals freilich nicht. Statt Politik haben sie vielmehr ihre AWOs, MZs und Jawas im Kopf, starten am Marktplatz von Grimma in Richtung nächster Ort und verdonnern den Letzten zum Zahlen einer Runde Bier. Das Ritual der Tischreservierung entspricht dabei nicht unbedingt den Sitten der bürgerlichen Nachkriegsgesellschaft: Einer der Käfer wirft seinen Helm einfach quer durch den Saal. Der Tisch, an dem der Helm liegenbleibt, muss für die Käfer geräumt werden – unter Umständen auch mal auf die raue Art. Viele Jahre später meint eine ältere Dame zu einem heutigen Mitglied: „Ach, die Kartoffelkäfer waren damals keine Guten – aber die hatten die schönsten Mädels.“

Dazu kommen die lautesten Auspuffrohre. Wenn die Maschinen schon nicht besonders leistungsstark sind, muss wenigstens ein ordentlicher Klang her. Auch optisch stechen die Member mit ihren auffälligen schwarz-gelben Helmen aus der Masse. Das alles bleibt nicht unbemerkt: Die Jungs werden oft kontrolliert und müssen sogar ihre Ausweise abgeben. Peter Kauer aus der zweiten Generation erinnert sich 2008: „Wenn wir aus der Kneipe heimfuhren, hat uns die Volkspolizei oft aufgelauert. ,Licht aus und durch!‘, war da angesagt. Die waren so blöd, dass ihr F 9 gegen die Fahrrichtung stand. Erwischt haben die uns nie. Aber die wussten ja, wer’s war. So gab es am nächsten Tag Stempel für alle – egal, wer dabei war.“

Doch während die DDR mit ihren Repressalien längst Geschichte ist, gibt es die Kartoffelkäferbande mit ihren charakteristischen Helmen bis heute. Die Tradition der bunten Mützen beginnt übrigens 1959 im Anschluss an ein Motorradrennen. Denn trotz aller Repressalien lässt sich die rennsportbegeisterte junge Truppe aus Grimma und Umgebung auch damals nicht den Spaß am Motorradfahren nehmen und besucht fast alle Rennveranstaltungen vom Sachsenring bis zum Schleizer Dreieck. Bei einem dieser Rennen auf der Halle-Saale-Schleife startet damals der Schwede Lennart Hedlund im Rennen der 125er-Klasse – und zwar mit einem schwarz-gelben Sturzhelm. „Ich hatte damals meinen Helm so angemalt, weil jeder andere einen einfarbigen Helm trug. Das war mir einfach zu plump“, schrieb der Rennfahrer rund fünfzig Jahre später. Da er kein Werksfahrer war, konnte er sich das farbliche Experiment leisten.

Mal was anderes als immer nur die Norm wollen auch die jungen Wilden aus Grimma. Und so werden nach dem Rennen daheim alle Helme umgestaltet. Alt-Käfer Peter „Mecke“ Wüstneck kommentiert 2008: „Der Kunstmaler Schrickel aus Grimma hat unsere Helme für sechs Mark angemalt. Das war damals ein Schweinegeld.“ Doch die Investition lohnt sich, denn schließlich kommt die Gruppe so auch zu ihrem Namen, den ihr der Volksmund verpasst: „Da kommen wieder die Kartoffelkäfer!“, heißt es, wenn die Halbstarken auf ihren Motorrädern vorfahren. Vordergründig erklärt sich der Name durch die Farben, denn auch das sieben bis fünfzehn Millimeter große Insekt aus der Gruppe der Blattkäfer trägt die Farben Schwarz und Gelb. Doch „Leptinotarsa decemlineata“ ist damals nicht nur ein Käfer, sondern ein Politikum. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs hatten sich die Käfer in der sowjetisch besetzten Zone rasend schnell vermehrt. Die SED stand der Plage hilflos gegenüber, schlachtete die Katastrophe aber für ihre Propaganda aus: Angeblich hätten die USA die Insekten per Flugzeug über dem Gebiet der DDR abgeworfen, um deren Landwirtschaft zu sabotieren. Auf zahlreichen Propaganda­plakaten und in den gleichgeschalteten Medien wird eine Kampagne gegen die „Ami-Käfer“ gestartet, um Stimmung gegen den Klassenfeind im Westen zu machen. Vor diesem Hintergrund bekommt der Name „Kartoffelkäferbande“ einen subversiv-ironischen Beigeschmack. Holm „Holler“ Schirmer, Kartoffelkäfer der ersten Generation, resümiert in einem Brief, den er als Grußwort an die dritte Kartoffelkäfer-Generation schickt: „Bei den Grimmaer Behörden und der Polizei standen wir unter Beobachtung – man vermutete oder verdächtigte uns, eine konterrevolutionäre Vereinigung zu sein. Wir gingen alle einer geregelten Arbeit nach und dass wir unter den damaligen Bedingungen allgemein auf die Ostzone (DDR) und die Regierung schimpften, lag in der Natur der Sache, kannten wir doch die Angebote und die Möglichkeiten unserer Motorsportfreunde im Westen unseres Landes. Darüber wussten wir aus dem Westfernsehen und aus anderen uns zugänglichen Stellen. (…) Rückblickend war auf unserer Seite eigentlich nie eine echte Abneigung oder Groll gegen den Staat zu spüren, so waren halt die Zeiten, obwohl wir laufend auf die Ostzone und ihre Regierung schimpften, aber das haben sie überall getan. Es war die Zeit unserer Jugend und sie war schön. Man erinnert sich gern an die vielen Begebenheiten, die teils durch jugendlichen Leichtsinn, teils durch Überschwang geprägt waren.“

Doch im Laufe der Jahre werden die gemeinsamen Aktivitäten der Gruppe immer weniger. Das liegt nicht nur an der ständigen Überwachung durch die Obrigkeit, sondern auch am Lauf des Lebens: Viele Member heiraten und konzentrieren sich mehr auf die Familie als auf den Club. Die erste Generation fährt bis Ende der Sechziger, die zweite bis Mitte der Siebziger und danach nur noch unregelmäßig, zusammen oder alleine – doch die Helme tragen sie immer und halten den Kontakt auch über den ADMV aufrecht, den einzig zugelassenen Motorsportverband. Und während die Staatsmacht alle Hände voll zu tun hat, den Halbstarken ihre westliche Dekadenz auszutreiben, wächst in Grimma und Umgebung bereits die nächste Generation von Motorradfahrern heran. Einige von ihnen erinnern sich nach der Wende an die alten Kartoffelkäfer und hauchen der MF neues Leben ein; darunter ist auch Tilo, der heutige Präsi. 1996 nehmen er und andere Zweiradenthusiasten, die sich noch aus der alten AWO-Szene kennen, Kontakt zu den Ur-Käfern auf, die den Plänen einer Neugründung freudig zustimmen. Viele der „Alten“ sind heute wieder Teil der Bande, die mittlerweile ein regulärer, eingetragener Verein ist und auch weibliche Mitglieder zählt. Marken- oder Hubraumvorschriften gibt es nicht, selbst Trikes sind erlaubt.

Mittlerweile gehört Präsident Tilo bereits nicht mehr zur neuesten Generation, denn noch jüngere, und dazu gehört auch sein Sohn, drängen nach. Und das ist gut so. Es setzt sich fort, was die Alten schon in den Sechzigerjahren lebten: Den Spaß am Zweirad und den Zusammenhalt aller gegen die Kräfte, die immer wieder versuchen, sich einzumischen. Seit der Zeit, da keine Mauern das Reisen mehr einschränken, haben die schwarz-gelb gestreiften Helme einen mehr als überregionalen Bekanntheitsgrad erreicht. Nur ab 2008 ist eine Zeit lang Schluss mit Rumkrabbeln, denn damals überlässt die Stadt Grimma den Kartoffelkäfern das historische Torhaus zur Nutzung, nachdem dieses nicht öffentlich veräußert werden konnte. Mehr als drei Jahre harte Arbeit und reichlich Kohle stecken die Männer und Frauen um Präsi Tilo in den Umbau und die Sanierung des Objektes – jetzt erfreut das Resultat sogar den Stadtrat. Von dieser repräsentativen Basis aus können heute wieder die Kontakte zu anderen Clubs und das ausgeprägte gemeinnützige Engagement gepflegt werden. Auf all das ist Tilo mächtig stolz, vor allem auf das „Einbinden“ der Alten, an deren Traditionen und Grundsätzen die Member bis heute festhalten. „Und auch über Benzin wird noch gequatscht – wie damals“, kommentiert der Präsident. Eines unterscheidet die neue Generation von der ersten und zweiten dennoch: Der Kontakt zu den Behörden ist heute völlig entspannt.     «

 

Kartoffelkäferbande M. V. e. V.
Bahrener Str. 8
04668 Grimma
www.kartoffelkaeferbande.de

www.facebook.com (Kartoffelkäferbande Grimma e. V.)

Jeden ersten Freitag im Monat ab 21 Uhr offener Abend


13.–16. September:
Muldentaler Biker- und Trikertreffen und 60-Jahres-Party (aus allen Richtungen ausgeschildert, einfach dem Käfer folgen), www.muldentaler-biker-und-trikertreffen-grimma.de

Ein Clip vom letzten Jahr: tinyurl.com/MBTT-2017
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Stand:17 December 2018 05:00:47/szene/stories/60+jahre+kartoffelkaeferbande+grimma_18809.html