Back to the Roots – wie das Bones-Colour entstand

24.11.2018  |  Text: Fips  |   Bilder: Archiv Huber Verlag
Back to the Roots – wie das Bones-Colour entstand Back to the Roots – wie das Bones-Colour entstand Back to the Roots – wie das Bones-Colour entstand Back to the Roots – wie das Bones-Colour entstand Back to the Roots – wie das Bones-Colour entstand Back to the Roots – wie das Bones-Colour entstand Back to the Roots – wie das Bones-Colour entstand Back to the Roots – wie das Bones-Colour entstand
Back to the Roots – wie das Bones-Colour entstand
Alle Bilder »
BIKERS-NEWS-Gründer Fips blickt in den Rückspiegel, schildert seinen Werdegang und erzählt von den Wurzeln der MC-Szene. Dieses Mal berichtet er unter anderem davon, wie das end­gültige Colour der Bones entstand
Anfänglich bestand das Bones-Abzeichen nur aus dem ovalen Mittelpatch mit der Knochenhand. Die Frankfurter hatten die Knochenhand einer Werbeanzeige gegen das Rauchen aus der amerikanischen Comic-Zeitschrift MAD kopiert und statt der Zigarette das Wort Bones zwischen Daumen und Zeigefinger gesetzt. In Mannheim wurde immer wieder über einen Bones-Schriftzug über der Knochenhand diskutiert. Gene entwarf schließlich – nicht zuletzt auf mein vehementes Drängen hin – einen entsprechenden Schriftzug und malte ihn probeweise auf meinen VW-Bus und auf unser Armeezelt.

Alle waren begeistert und so wurde es zu einer beschlossenen Sache: Bei den Mannheimer Bones sollte der Name des Clubs groß über der Knochenhand stehen. Das wurde auch gegen den anfänglichen Widerstand der Frankfurter umgehend realisiert. Gene und seine Mannheimer Bones setzten sich durch und die Bones um Larry zogen gleich. Sonst hätte es auch so ausgesehen, als wären die Frankfurter Bones mit „halbem“ Colour lediglich Probemitglieder und nur die Mannheimer Vollmitglieder.
Gene hatte mir den neuen Bones-Schriftzug vorn auf meinen Bully gemalt
Gene hatte mir den neuen Bones-Schriftzug vorn auf meinen Bully gemalt und ich als Ex-Maler habe das Abzeichen auf die Tür gemalt
Ich habe das Abzeichen auf die Tür des Bullys gemalt

Das legendäre dreiteilige Bones-Colour war nun komplett und von beiden Chaptern gemeinsam entwickelt worden. Es erregte überall Aufsehen und erreichte praktisch aus dem Stand heraus eine unglaubliche Popularität. Und das ist bis heute so geblieben! Man konnte den Schriftzug „Bones“ nicht so einfach kopieren, weil Gene ihn frei Hand gezeichnet und keine schon bestehende Schrift verwendet hatte. So blieb dieser Schriftzug für immer einzigartig. Irgendwann in den frühen Siebzigerjahren wurden die beiden Bones-Chapter Frankfurt und Mannheim gleichberechtigte Hauptchapter, mit dem Recht, Abzeichen herstellen zu lassen und kommerziell zu nutzen, sowie dem Recht, eigene Chapter zu eröffnen.

Für uns Mannheimer Bones hatten wir nach Lost-Sons-Vorbild inzwischen einen eigenen Clubkeller in der Uhlandstraße, Mannheim-Neckarstadt, angemietet. Dort hielten wir unsere Versammlungen und unsere Partys ab. Für Gene, unseren Presidenten, schleppten wir einen thronartigen Sessel herbei, auf dem durfte dann auch nur er sitzen, und er zelebrierte das in seiner eigenen, für ihn typischen Art auch gerne.

Obwohl wir Rocker und „frei“ waren, nahmen wir das Clubleben und unsere Satzung sehr ernst. Jeden Mittwoch wurde eine Versammlung abgehalten und wenn Gene seinen „Thron“ bestieg, hatte Ruhe zu herrschen. Ungefragt die Klappe aufzumachen, kostete einen SEP, wie das auf Deutsch hieß, wussten wir Deutschen nicht, aber es kostete 50 Pfennig pro Reinquatschen. Gene und dem SEP-Schreiber oblag es, die SEP-Punkte zu verteilen, was oft willkürlich geschah, vor allem, wenn die Frankfurter Bones an den Sitzungen teilnahmen. Weil wir an diesen „Meetings“ mehr Getränke brauchten, gab es auch entsprechend mehr SEP-Punkte. So kam jeden Mittwoch genügend Geld zusammen, dass wir uns um die Finanzierung keine Sorgen machen brauchten. Die Amerikaner hatten oft Durst nach etwas Starkem!

Weil die amerikanischen Mitglieder alle Soldaten waren, funktionierte auch alles perfekt, was mit Organisation zu tun hatte, so nach dem Motto Befehl und Gehorsam. Schnaps war Schnaps und Arbeit war Arbeit. Die Schriftführer hatten auch ohne das Eintragen von SEPs einiges zu tun. Alle Beschlüsse und die wichtigsten Inhalte der Diskussionen wurden protokolliert und eine Woche später vorgelesen. Dabei wurde dann auch gleich überprüft, ob jeder den Aufgaben nachgegangen war, die er eine Woche zuvor aufgetragen bekommen hatte.

Zu dieser Zeit gab es in Frankfurt fast nur amerikanische Mitglieder, während in Mannheim von Anfang an, auch wegen der Kontakte zwischen Gene und mir, deutsche Mitglieder dabei waren. Es gab Mitglieder aus den verschiedensten Gesellschaftsschichten. Dr. Eigler, genannt Pablo, war neben seiner Tätigkeit als Filmemacher im erlernten Beruf Arzt, was einige Vorteile für uns Bones-Mitglieder mit sich brachte, wie man sich vorstellen kann. Hatte man am Wochenende zu viel gesoffen, stellte Pablo schnell mal einen gelben Zettel aus und schrieb uns je nach Bedarf krank. So manches, an das man ohne lästigen Arztbesuch nicht herankam, konnte man sich bei Pablo schnell und unkompliziert verschreiben lassen! Die Antibabypille war gerade auf den Markt gekommen und nicht alle Mädels trauten sich zum Frauenarzt. Da war man dann, dank Pablo, weit vorn beim weiblichen Geschlecht, weil wir diesem Missstand unkompliziert Abhilfe schaffen konnten. Oder Erich Krafft, schon damals „betucht“, war Chefverkäufer bei Grünzweig und Hartmann und verkaufte weltweit sehr erfolgreich Dämmmaterial. Jahre später wurde er Deutschlands größter Harley-Händler!

Erich Krafft als junger Bone. Er war einer der Harley-Pioniere in Deutschland
Erich Krafft als junger Bone. Er war einer der Harley-Pioniere in Deutschland. Lest hier die „Back to the Roots“-Kolumne, die Fips ihm gewidmet hat: tinyurl.com/Erich-Krafft


Die Anzahl deutscher und amerikanischer Mitglieder hielt sich lange Zeit die Waage, sodass in Mannheim ungefähr 50 Prozent der Mitglieder Deutsche und 50 Prozent Amerikaner waren. Die Sitzungsprotokolle, die „minutes“, wie wir sie auf Englisch nannten, wurden in Deutsch und in Englisch geführt und zwischen den Chaptern ausgetauscht. Auch sonst hatten wir intensive Kontakte miteinander. Bei jeder Party in unserem Clubhaus waren reichlich Member von den Bones Frankfurt zu Gast, umgekehrt genauso. Die Frankfurter hielten Wochenendpartys an Baggerseen ab. Da wurde vorher die halbe PX leergekauft und Massen von Hamburgern gegrillt, kübelweise Bier und Boone’s Farm gesoffen, ein fürchterlich süßer Fruchtwein. Bald gab es auch in Frankfurt deutsche Mitglieder, die ersten waren Hans „von den Wheels“ und seine Frau. Chris, die selbst Motorrad fuhr, wurde sogar Secretary im Frankfurter Chapter … Unser Mannheimer Chapter wurde in kürzester Zeit das mitgliedstärkere.

Wer Mitglied werden wollte, musste ein Motorrad besitzen, zu dieser Zeit nicht unbedingt eine Harley, das kam erst später. Im ersten Satzungsentwurf war es sogar egal, welches Motorrad man fuhr, aber das änderte sich bald und man musste ein Motorrad mit mindestens 500 Kubik fahren. Zudem musste man das sein, was wir unter einem „Ehrenmann“ verstanden. Das konnte ein Hilfsarbeiter oder Professor sein, oder jemand, der wie ich schon einmal im Knast gesessen hatte, oder aber auch einer wie Pablo, Dr. Gernot Eigler. Wichtig waren uns nicht die gängigen gesellschaftlichen Maßstäbe oder der soziale Stand, sondern das Verhalten dem Club und den übrigen Mitgliedern gegenüber. Wichtigtuer, die ungerechtfertigt mit besoffenem Kopf Schlägereien anzettelten oder sich mit Mitgliedern prügelten, flogen raus oder wurden gar nicht erst aufgenommen. Kameradschaft und Loyalität wurden ganz groß geschrieben. Wir waren eine eingeschworene Gemeinschaft und nahmen nur Leute auf, die unseren Vorstellungen entsprachen.

Um ganz sicher zu gehen, dass wir nur geeignete Mitglieder aufnahmen, verlängerten wir die Probezeit auf bis zu einem halben Jahr und später wurde die „Wartezeit“ als Probe je nach Situation rein willkürlich festgelegt. Passte jemand direkt dazu, weil man ihn vielleicht schon Jahre kannte, dann gab es auch „Schnellverfahren“ wie zum Beispiel bei mir. Jeder Antragsteller brauchte ein Vollmitglied als „Bürge“, nach drei Monaten oder auch mehr wurde abgestimmt. Konnte der „Neue“ 50 Prozent der Stimmen auf sich vereinigen, wurde er „Prospect“ und bekam ein Probecolour. In der Probezeit war es den Anwärtern anzuraten, sich nützlich zu machen, was sie in aller Regel auch taten. Das hieß, Clubarbeiten zu erledigen war Sache der Prospects, außer wenn es um Geld ging. Das lief auch alles wie von ganz alleine, Druck war nie nötig, weil auch nichts Unmögliches verlangt wurde. Um dann schließlich Vollmitglied zu werden, musste man praktisch alle Stimmen auf sich vereinen. Wenn mehr als zwei Mitglieder dagegen waren, wurde man nicht aufgenommen. Dieses Verfahren wurde in einer späteren Satzung festgelegt.

War jemand zum Vollmitglied gewählt worden, schmiss er eine große Party. Schlammtaufen oder andere Rituale, wie manche Clubs es später zelebrierten, gab es bei uns nie, weil wir dies für ein künftiges Bones-Mitglied als entwürdigend empfanden. Wir wollten niemanden demütigen, sondern wir brauchten nur echte Kameraden auf Augenhöhe, keine unterwürfigen Vasallen. Motorradfahren stand im Vordergrund, wer Motorrad fuhr, war immer willkommen und man begegnete jedem fremden Abzeichen mit aufrichtigem Respekt (es gab auch nur wenige). Darauf konnte man sich immer verlassen. Es gab keine Eifersüchteleien, alle bis dahin bestehenden MCs lebten nach dem Motto „Leben und leben lassen“. Wer stärker oder mächtiger war, interessierte keinen. Man feierte zusammen und im Sommer war so gut wie jedes Wochenende irgendwo was los, meistens bei uns Mannheimer Bones, und alle, die kamen, waren wie unsere Brüder.

Der Andrang neuer Mitglieder war enorm, sodass wir in späteren Jahren fast jeden Mittwoch auf den Versammlungen Abstimmungen auf Mitgliedschaft durchführen mussten. Ein Großteil der Anwärter schaffte die Hürden nicht und musste draußen bleiben.

 


Günther Brecht aka „Fips“ hat vor über 35 Jahren die BIKERS NEWS ins Leben gerufen und ist Besitzer unseres Verlags – ein paar Buchprojekte hat er mittlerweile auch umgesetzt. Der hier abgedruckte Text ist ein Auszug aus dem ersten Teil seines autobiografischen Rückblicks „Rocker in Deutschland – die 60er Jahre.“

Alle Titel erhaltet ihr bei:

SzeneShop
Tel. 0621 40530202
www.szeneshop.com
 
  Teilen
Stand:17 December 2018 03:54:14/szene/stories/back+to+the+roots+-+wie+das+bones-colour+entstand_181107.html