Rockerbuch: Am Rande der Gesellschaft

19.11.2018  |  Text: Tilmann Ziegenhain  |   Bilder: Jan Hartmann (aus „Am Rande der Gesellschaft“)
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Rockerbuch: Am Rande der Gesellschaft
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Der President des Hells Angels MC Hof City hat ein Buch vorgelegt. „Am Rande der Gesellschaft“ ist eine Mischung aus Auto­biografie und Bildband
Partys, Alkohol, Drogen, Frauen – und immer wieder Schlägereien. Was Ande über seine Jugend schreibt, dürfte dem Durchschnittsdeutschen Angstschweiß und Schamesröte ins Gesicht treiben. Erstaunlich offenherzig hat der Presi­dent des Hells Angels MC Hof City Anekdoten aus seinem Leben zu Papier gebracht.

Da wäre zum Beispiel diese erste Party, als die halbstarken Nachwuchsrocker noch eine Gang ohne MC-Dreiteiler sind, aber trotzdem schon eine Stripperin  am Start haben. Für „frei Saufen und Fressen“ beginnt die, sich bereits auf dem Weg zum Partygelände ihrer Klamotten zu entledigen. O-Ton Ande: „Sie fand es lustig, aber sie wollte mehr, also schnappte sie sich einen von den anwesenden Gästen, der auch einer der Wenigen in ihrem Alter dort war und ließ sich auf der Wiese vor den ganzen Leuten schön verwöhnen. Der glückliche Auserwählte war Cat­wiesel vom Pegasus MC Bad Steben, die auch heute noch aktiv sind. Das war noch am helllichten Tag, wir hatten schon schön getankt und einer von uns hatte die lustige Idee, das Pärchen beim Liebesakt anzupissen. So war die Gaudi schon am Nachmittag enorm.“

Mit Geschichten wie diesen schildert Ande in „Am Rande der Gesellschaft“ seinen Werdegang: Vom kleinen Jungen, der auf dem Bonanza-Fahrrad von der großen weiten Welt träumt und in Filmen wie „Grease“ oder „Warriors“ frühe Vorbilder findet, über die wilde Jugendzeit mit den verzweifelten Versuchen von Sozialarbeitern, ihn und seine Kumpel vor der schiefen Bahn zu retten, bis hin zu dem Punkt, an dem die Drogen langsam aber sicher die Regentschaft übernehmen.

Die sind ein willkommenes Mittel, mit dem die eigentlich sensiblen Rocker ihre aufgestauten Emotionen abtöten. Ande: „Erst als wir etwas über zwanzig waren, merkte man so richtig, welche psychischen Schäden der ein oder andere vererbt oder durch seine Kindheit abbekommen hatte. Wie sehr wir doch den Drang hatten, unsere Gefühle zu betäuben und welche Abgründe sich auftaten, wenn wir einen gewissen Pegel überschritten hatten. Bei einigen war das der blanke Hass! Seltsame, teilweise traumatisierte und verhaltensgestörte Jugendliche, die als Medizin Alkohol und Speed einnahmen, deren Nebenwirkungen alles von Monat zu Monat schlimmer werden ließen.“ Doch Ande und die meisten seiner Brüder schaffen es irgendwann, sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf von Drogen und Krimi­nalität zu ziehen – und zwar ganz ohne den Sozialarbeiter, dem sie einst so oft die Nerven geraubt haben. Späte Einsicht von Ande, der sich bei einem Wiedersehen entschuldigen würde: „Es war wirklich ein guter Mensch – und wir waren wirklich scheiße.“

Was Ande hilft, ist seine Arbeit als Tätowierer. Hier findet er nach einem Knastaufenthalt endlich eine Tätigkeit, mit der er sich kreativ ausleben kann und die genug Kohle bringt. Vor allem aber ist er sein eigener Chef, denn mit Vorgesetzten und einem normalen Arbeitsleben hat Ande so seine Probleme, wie er im Rückblick auf die gescheiterten Versuche feststellt: „Mir wurde mehr und mehr bewusst: Zum Arbeiten bin ich nicht geboren. Handwerklich unbegabt, faul und ich konnte mit Autorität überhaupt nicht umgehen. Bei jeder Beschäftigung, die ich antrat, ging ich sofort wieder nach Hause, wenn ich in einem etwas lauteren Ton kritisiert wurde.“ Und auch in Bezug auf seine Tätowierkunst ist Ande erstaunlich selbstkritisch und offen: Erst nach Jahren habe er es geschafft, sich ins breite Mittelfeld der Tätowierer emporzuarbeiten.

Heute, so Ande, seien sie mit ihrem großen Clubhaus inklusive Restaurant und Tattoo-Laden fast schon etwas spießig. Und dennoch: Zurück in die Vergangenheit möchten Ande und seine Brüder nicht, von einem verklärt-nostalgischen Blick auf die Szene von einst findet sich in „Am Rande der Gesellschaft“ keine Spur: „Wenn manche sagen, früher war alles friedlicher, back to the roots, dann müssen die auf anderen Veranstaltungen gewesen sein als ich.“


Trailer zum Buch

 


„Wir wissen, dass wir viel falsch gemacht haben“

Wir haben mit Ande und Fotograf Jan über das Buchprojekt gesprochen


BIKERS NEWS: Ande, du hast den autobiografischen Streifzug durch dein Leben „Am Rande der Gesellschaft“ genannt. Woran machst du fest, dass du und dein Club sich am Rande der Gesellschaft bewegen? Immerhin habt ihr doch alle Jobs und Familie …

Ande: Weil ich mich schon während meiner Kindheit als Außenseiter gefühlt habe – genau wie fast alle, die unseren ersten Club mit gründeten. Wir fühlten uns in der sogenannten „normalen Gesellschaft“ einfach nicht wohl, deswegen flüchteten wir in unsere eigene kleine Welt. Und heute, wo wir uns eigentlich mit der Gesellschaft ganz gut arrangiert haben, versucht uns die Regierung an den Rand zu drängen, durch Rufmord und Verleumdungen – was auch sehr gut funktioniert.


Was genau war die Motivation, dieses Buch zu machen? Und warum erscheint es genau jetzt?

Jan kam auf mich zu und wollte gerne Fotos von unseren Ausfahrten machen, da er sich für Außergewöhnliches und Subkulturen interessiert. Als dann einige Bilder gesammelt waren, träumten wir von einem Fotoband. Doch wir konnten uns nicht vorstellen, wer einen reinen Bildband ohne Story kaufen sollte. Darum habe ich mich nach einem Jahr entschieden, dass ich ein paar Zeilen über uns schreibe. Da ich bereits Songtexte für unsere Band „Engelblut“ verfasst hatte, ging es mir eigentlich ganz gut von der Hand und ich habe regelrecht Blut geleckt. Was mir richtig Spaß machte, war, die ganzen Geschehnisse aus mehreren Jahrzehnten nochmals zu durchleben und dann zu Papier zu bringen.


An wen richtet sich das Buch? Was denkst du, wie der typische Leser aussieht?

Ich denk mal, dass es hauptsächlich Leute aus unserer Gegend sein werden. Dann vielleicht auch welche, die sich allgemein für Subkulturen interessieren. Und natürlich auch andere Biker. Die Polizei wird’s auch lesen, vielleicht sogar die Vorgesetzten. Da es kein reines Textbuch ist, sondern eine Kombination aus Autobiografie und Bildband, glaube ich, dass eine zweite größere Zielgruppe auch Liebhaber von Dokumentationsfotografie und Fotografie im Allgemeinen sein könnten.


Du erzählst zum Teil recht offenherzig aus deinem Leben, von Sex, Drogen und Gewalt. Hast du keine Angst, dass Gegner eures Clubs – sei es aus der Szene oder von staatlicher Seite – daraus Kapital schlagen werden?

Es ist nun mal so, dass, wenn man ein Buch herausbringt, auch was drin stehen sollte. Und ich hatte mich dazu entschlossen, dass es ehrlich geschrieben wird. Von staatlicher Seite kann ich relativ beruhigt sein, wir sind für die meisten Sachen verurteilt worden und verjährt sind sie auch. Wir wissen, dass wir viel falsch gemacht haben, aber wir stehen zu unserer Vergangenheit.


Du beschreibst auch die Wende, die du und der Großteil deiner Brüder vollzogen haben, weg von Drogen und Kriminalität, hin zu einem sauberen Club- und Privatleben. Gab es ein bestimmtes Schlüsselerlebnis, das dich zum Umdenken bewegt hat?

Ja, die große Erleuchtung war, als ich im Knast saß, als ich Zeit zum Nachdenken hatte und nicht in den Alkohol und Drogenrausch flüchten konnte. Mir ging es zunehmend schlechter, umso länger ich nüchtern war. Ich hatte starke Gewissensbisse und wurde depressiv. Ich habe richtig gemerkt, wie aggressiv sich dieses permanente Bewusstsein meiner Fehler schmerzvoll durch die Seele bohrte und mein Körper durch diese gedankliche Kälte regelrecht zitterte. Heute erkläre ich mir es so, dass eine höhere Macht mir ein Zeichen geben wollte, dass ich den falschen Weg gewählt hatte und es an der Zeit war, meinem Leben eine neue Richtung zu geben, die Probleme zu überwinden und damit die Vergangenheit hinter mir zu lassen.


An keiner Stelle des Buches wird der Club genannt, um den es geht. Auch alte Bilder aus der Zeit vor dem Colour-Verbot finden sich nicht. Ist das eine Vorsichtsmaßnahme, um nicht wegen Verstoßes gegen das Vereinsgesetz angeklagt zu werden?

Nein, das ist nicht der Grund. In dem Buch geht es ja hauptsächlich um unsere Vergangenheit – und die wollte ich nicht unmittelbar mit dem neuen Club in Verbindung bringen.


Szenekenner werden wissen, dass ihr zuvor Member des Gremium MC wart. Im Buch ist immer nur von „dem anderen Club, in dem wir waren“, die Rede. Nur an einer Stelle wird erwähnt, dass eure Träume „im Schwarz-weiß-Modus“ vor euch abliefen – zumindest ein kleiner Hinweis, den aber nur Szenekenner verstehen dürften. Warum habt ihr euch dazu entschieden?

Ich wollte weder den einen, noch den anderen MC-Namen dazu verwenden, um die Verkaufszahlen zu erhöhen. Es sollte unser Charter-Buch werden, mit einer spannenden Story, die es so kein zweites Mal gibt. Aber wir können damit leben, wenn’s nicht so viele kaufen.


Fotograf Jan hat die Hofer Hells Angels mehrere Monate lang begleitet und fotografiertwww.janhartmann.photo
Fotograf Jan hat die Hofer Hells Angels mehrere
Monate lang begleitet und fotografiert

www.janhartmann.photo


Jan, du hast den Club mehrere Monate lang begleitet und hast nicht nur die Fotos beigesteuert, sondern auch das Buch gestaltet. Wie war die Arbeit am Layout?

Jan: Die Gestaltung war der arbeitsintensivste Teil des Projektes, aber zugleich auch die angenehmste und bereicherndste Phase. Denn endlich konnte man sehen, wie sich nach langer Zeit die einzelnen Fragmente aus Text und Bildern zu einem Gesamtwerk zusammenfügten. Außerdem habe ich dadurch viel Neues lernen können, da ich zuvor noch nie ein vergleichbares Projekt umgesetzt habe. Meine Vorkenntnisse in den einschlägigen Gestaltungsprogrammen haben mir auf jeden Fall sehr geholfen. Durch den hohen Eigenteil hatte ich große Freiräume und konnte das Buch somit voll und ganz nach unseren Vorstellungen gestalten. Es gab natürlich auch Momente, in denen viel Geduld gefragt war und ich starke Selbstzweifel hatte, doch das Ziel, am Ende etwas Greifbares in den Händen zu halten, hat mich immer wieder motiviert.


Und das Fotografieren? Was unterscheidet die Arbeit mit Rockern von der Arbeit mit anderen Menschen? Gibt es etwas, das du während des Projekts gelernt hast, von dem du auch jetzt noch profitierst?

Die Arbeit mit Rockern unterscheidet sich schon stark von der mit anderen Menschen im Rahmen herkömmlicher Fotoaufträge. Aus meiner Sicht gibt es zwei markante Merkmale, die den Unterschied ausmachen: Erstens hat man es im Fall der Rocker mit einer geschlossenen Gemeinschaft mit klaren Regeln und Strukturen zu tun, in der die Pflege von grundlegenden Werten wie Loyalität und Ehrlichkeit an erster Stelle stehen. Und zweitens ist es die Dauer der Zusammenarbeit, die gerade bei so einem Langzeitprojekt die Arbeitsbeziehung wesentlich intensiviert.

Konkret auf das Charter Hof City bezogen kann ich nur sagen, dass von Beginn an eine freundliche und herzliche Atmosphäre herrschte. Ich war stets willkommen und wurde von allen respektvoll behandelt. Natürlich war ich anfangs schon etwas unsicher, als ich die Rocker fotografierte. Doch das änderte sich schnell und ich konnte befreit arbeiten. Mit der Zeit entwickelte sich eine Vertrauensbasis und die ermöglichte mir, noch näher mit der Linse ans Geschehen heranzukommen. Der Schlüssel zum Erfolg war eindeutig die reibungslose Zusammenarbeit mit Ande. Wir mussten nicht viel reden und jeder wusste, was er zu tun hatte. Ohne diesen Teamgeist und die offenherzige Art von Ande wäre dieses Projekt niemals zustande gekommen. „Echte“ Rocker sind aus meiner Sicht häufig Herz­menschen mit Empathie und Gemeinsinn, die ihre Interessen nie über die der Brüder stellen.

Was ich auf jeden Fall gelernt habe, ist, dass man immer offen sein und sich sein eigenes Bild machen sollte. Gerade bei dieser Thematik, die wie kaum eine andere so sehr von Vorurteilen behaftet ist und medial stark polarisiert dargestellt wird, ist eine nüchterne und neutrale Herangehensweise eine wichtige Voraussetzung für ein derartiges Projekt. Ich bin froh, dass ich diesen Schritt gewagt habe und das bestärkt mich umso mehr darin, das zu tun, wofür man sich interessiert. Denn so werden Träume wahr – in meinem Fall ein Buch.


Denkst du schon darüber nach, Prospect zu werden?

Ich mag die Doppeldeutigkeit dieser wirklich originellen Frage und das bringt mich zum Lachen. Ich denke auf jeden Fall darüber nach, irgendwann noch ein Buch mit Ande zu machen. Natürlich hat sich in den zwei Jahren eine Freundschaft entwickelt und ich werde den Club zukünftig sicher des Öfteren mit der Kamera begleiten, denn ich habe die Menschen des Charters Hof City schätzen gelernt. Man kann das als „Support“ oder sonst etwas bezeichnen, das ist mir relativ egal. Aber um ein richtiger Rocker zu werden, da gehört wesentlich mehr dazu, wie ich selbst feststellen konnte. Vor allem braucht es sehr viel Zeit, vollen Einsatz und ein Herz an der richtigen Stelle.    «

 

Buchtitel „Am Rande der Gesellschaft“ Ande 1%er/Jan Hartmann (2018):
 1%er – Am Rande der Gesellschaft
 Honorable Print Art Verlag

 ISBN 978-3-9820-2300-7
 25,90 Euro











Das Buch ist unter anderem auf www.honorable-society.com erhältlich

Ältere Bilder aus der Clubgeschichte, die nicht im Buch veröffentlicht wurden, gibt es auf www.facebook.com/AndeRammig
 
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Stand:17 December 2018 04:40:38/szene/stories/rockerbuch+am+rande+der+gesellschaft_181107.html