Unter Generalverdacht

26.02.2013  |  Text: Julie Hecker  |  
Unter Generalverdacht
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Die Organisation von Motorradveranstaltungen scheitert zunehmend an behördlichen Auflagen. Die Behörden fürchten ein kriminelles Potential der Szene Ein traditionsreiches Treffen feiert auf der Zschopauwiese …
Die Organisation von Motorradveranstaltungen scheitert zunehmend an behördlichen Auflagen.
Die Behörden fürchten ein kriminelles Potential der Szene

Ein traditionsreiches Treffen feiert auf der Zschopauwiese im sächsischen Krumbach sein 25. Jubiläum. Es ist das Internationale Moto-Camp. Dieses dreitägige Camp fand samt Ausfahrt bisher jedes Jahr statt, auch bei Waldbrandgefahr oder Dauerregen. 1.000, manchmal gar 2.000 Biker aus der ganzen Welt trafen sich auf der malerisch gelegenen Wiese in der Flussschleife. Denn die Organisation des Treffens lief stets reibungslos ab – bis zum Jahr 2010.

Die Motorradfreunde Krumbach richten ein jährliches Biker-Treffen aus
Die Motorradfreunde Krumbach richten ein jährliches Biker-Treffen aus

Sondergebühr für die Zufahrt

Im Jahr 2010 musste der Verein erstmals, nach über 20 Treffen, eine gesonderte Benutzungsgebühr für die Zufahrtsstraße zum Moto-Camp bezahlen. Gerd Vogel ist Vereinsvorsitzender und Gründer der Motorradfreunde Krumbach und Organisationsleiter des Internationalen Moto-Camps. Das allererste Treffen richtete er noch zu DDR-Zeiten aus. Aber von der Organisation her sei das damals berechenbarer gewesen als heutzutage: „Wir wussten, wer uns im Nacken sitzt. Aber 2010 hatten uns die Behörden eine Woche vor dem Beginn des Treffens mitgeteilt, dass auf der öffentlichen Straße, die zum Camp führt, an normalen Wochenenden nur 200 Fahrzeuge fahren würden. Weil zum Bikertreffen etwa zehnmal so viele kämen, bräuchten wir eine Sondergenehmigung. Da wir diese Genehmigung nicht hätten, könne das Bikertreffen nicht stattfinden – außer wir würden einen Extra-Obolus bezahlen und die Genehmigung zur Benutzung einer öffentlichen Straße kaufen.“
 
Die Location des Internationalen  Moto-Camps liegt idyllisch  in einer Flussschleife
Die Location des Internationalen Moto-Camps liegt idyllisch in einer Flussschleife
 

Probleme mit der Polizei

Den Obulus entrichteten die Motorradfreunde Krumbach widerwillig. Aber zwei Jahre später, auf dem 24. Bikertreffen, kamen die nächsten Probleme auf, diesmal wegen des Korsos mit der Polizei.
Der Korso ist Teil des dreitägigen Programms und findet immer samstagnachmittags auf verschiedenen Routen innerhalb des Kreisgebiets statt. Die Genehmigungen für die Route, für das Programm und für das Pachtgelände im Landschaftsschutzgebiet müssen jedes Jahr frühzeitig bei unterschiedlichen Behörden eingereicht werden: Gemeinde, Umweltbehörde und Landratsamt. Da die Motorradfreunde das Camp schon viele Jahre ausrichten, geraten sie immer an die gleichen Ansprechpartner. Wenn Gerd Vogel dort auftaucht, grüßen sie ihn wie einen alten Bekannten.
Kein Wunder: Die ganze Gemeinde Krumbach steht hinter dem Verein. Wenn der Korso bei schönem Wetter um 11.30 Uhr losgeht, sitzen Leute mit Stühlen und Tischen am Straßenrand, um ja nichts zu verpassen. Selbst bei Regenwetter warten Schaulustige auf den Korso der 1.000 Bikes.

Der Korso des Internationalen Moto-Camp ist gut organisiert.  Nur das Personal für die Polizeibegleitung wird knapp
Der Korso des Internationalen Moto-Camp ist gut organisiert.
Nur das Personal für die Polizeibegleitung wird knapp

Korso ohne polizeiliche Sicherung

Nur die Polizei hatte ihre Meinung im Jahr 2012 plötzlich geändert. Bis dahin hatten immer fünf bis sechs Polizeibeamte den Korso begleitet. Ein Auto fuhr vor, und die Seitenabsicherung erledigten fünf Beamte der Motorradstaffel der Polizei. In Warnwesten gekleidet sicherten auch die Motorradfreunde mit. Doch zum 24. Treffen hieß es plötzlich: Für den Konvoi sei kein Personal da.
Gerd Vogel: „Die Verantwortlichen der Polizei haben dann den Vorschlag gemacht, dass alle fünf Minuten 20 bis 30 Motorräder gruppenweise losgeschickt werden. Das ist aber bei uns nicht möglich, weil wir samstags mit den ganzen Teilnehmern der Ausfahrt in der Mensa der Hochschule in Mittweida zwischen 12 und 13 Uhr zu Mittag essen. Gruppenweise geht das nicht.“ Das Argument des Personalmangels nimmt er der Polizei nicht ab: „Das sind fadenscheinige Gründe. Wenn ich sehe, dass Hundertschaften der Polizei bei jedem Fußballspiel sind. Und fünf bis sechs Polizisten für genau drei Stunden bei einer Motorradveranstaltung – das soll nicht gehen? Das kann ich nicht akzeptieren.“ Die Polizeidirektionen in Chemnitz und Dresden hätten diese Verhältnisse mit einer Prioritätenliste erklärt. Vogel aber stellt die Kriterien dieser Liste infrage: „Ich habe noch keine Erklärung erhalten, warum zum Beispiel Familienfahrradfahrten am Fichtelberg und Fußballspiele abgesichert werden, warum aber für ein friedliches Motorradtreffen, bei dem seit vielen Jahren Teilnehmer aus ganz Europa anreisen, keine Beamten verfügbar sind.“ 

Risiko Strafanzeige

Die Motorradfreunde wollten den Korso trotzdem durchführen. „Als wir mit unserer Rundfahrt beginnen wollten, stand die Polizei vor der Tür und erklärte uns, dass wir den Konvoi nur in den vorgeschriebenen Gruppen machen dürften, wie es uns seitens der Behörden mitgeteilt worden war. Da haben wir zähneknirschend von hier bis Mittweida mitmachen müssen. Als wir dann aus der Mensa kamen, war keine Polizei mehr direkt vor Ort. Also haben wir es dann gemacht wie immer: Unsere eigenen Leute sind mit Warnweste vorgefahren, haben sämtliche Kreuzungen, bevor wir gekommen sind, dichtgemacht, und der Korso fuhr mit knapp 1.000 Motorrädern wie jedes Jahr. Unterwegs sahen wir insgesamt drei versteckte Fahrzeuge der Polizei, die scheinbar den Auftrag hatten, unsere korrekte Ausführung der Auflagen zu kontrollieren.“
Jetzt droht Vogel eine Anzeige wegen Eingriffs in den öffentlichen Straßenverkehr. Doch die kommt Vogel gerade recht: „Wenn die Polizei jetzt nicht reagiert, stehen wir im nächsten Jahr vor dem gleichen Problem. Also haben wir es auf die Anzeige angelegt. Und wenn es zu einer Verhandlung kommt, dann werde ich die Presse informieren, damit dieses Verhalten der Polizei öffentlich gemacht wird, weil es einfach so nicht geht.“
 
 

Motorradfahrer unter Generalverdacht

Das Problem trifft die Motorradfreunde Krumbach nicht allein. Bei verschiedenen Treffen erfuhr Vogel, dass andere Veranstalter seit vorigem Jahr den gleichen Ärger hatten. Er fragte bei der Polizei nach: „Die Antwort bekamen wir zwischen den Zeilen: Wir sollten davon ausgehen, dass in der Bikerszene Jugendliche, die mit 16 bis 18 Jahren als normale Motorradfahrer begonnen haben, nach einigen Jahren in besagter Szene ein kriminelles Potential entwickelten. Ich bin 56 – also über das Alter hinaus – und da finde ich es albern, wenn ich mir sowas anhören muss. Da werden einfach alle Motorradfahrer pauschal über einen Kamm geschert!“

Vogel weiter: „Es kann nicht angehen, dass in einem Rechtsstaat Biker derartig massiv von den Behörden diskriminiert werden und dass versucht wird, die Bikerszene zu demontieren. Wir haben uns nie was zuschulden kommen lassen. In den ganzen Jahren ist nie was passiert, nicht mal eine Schlägerei, kein Polizeieinsatz, absolut nichts. Aber es passt irgendwo ins Bild, dass momentan organisierte Motorradfahrer und Motorradfahrer allgemein unter Generalverdacht stehen. Ich finde es wirklich traurig, dass die Verantwortlichen bei der Polizei nicht den Arsch in der Hose haben und mal klipp und klar sagen, was der wirkliche Grund ist. Nämlich: Organisierte Motorradfahrer stehen unter Generalverdacht!“
 
Gerd Vogel, Motorradfreunde  Krumbach, Organisationsleiter des Internationalen Moto-Camps:  „Als wir mit unserer Rundfahrt beginnen wollten, stand die Polizei vor der Tür und erklärte uns, dass wir den Konvoi nur in den vorgeschriebenen Gruppen machen dürften.“
Gerd Vogel, Motorradfreunde
Krumbach, Organisationsleiter des Internationalen Moto-Camps:
„Als wir mit unserer Rundfahrt beginnen wollten, stand die Polizei vor der Tür und erklärte uns,
dass wir den Konvoi nur in den vorgeschriebenen Gruppen machen dürften.“

Gemeinsam kämpfen

Um sich dagegen zur Wehr zu setzen, sieht Vogel nur einen Weg: „Egal, ob MCs, Motorradfreunde, Free Biker oder Stammtische – um bei der Politik und der Polizei Druck zu machen und etwas zu erreichen, müssen alle Biker an einem Strang ziehen, sonst kommen sehr schwere und unschöne Zeiten auf alle Biker zu. Einer alleine kämpft bei den staatlichen Behörden gegen Windmühlen.“ Egal, wie das Verfahren mit der Polizei ausgeht, über eines ist sich Vogel ganz sicher: Auch zum 25. Moto-Camp in der kommenden Saison wird es definitiv eine Ausfahrt mit reichlich Bikes geben.
 



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Stand:16 October 2018 18:54:22/szene/stories/unter+generalverdacht_132.html