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BIKERS-NEWS-Gründer Fips blickt in den Rückspiegel, schildert seinen Werdegang und erzählt von den Wurzeln der MC-Szene. Dieses Mal berichtet er davon, wie aus ihm ein Rocker wurde – und aus dem Mannheimer Motor Sport Club der Lost Sons MC
Während ich den Mädchen hinterherjagte und versuchte, einen richtigen Club aufzubauen, hatte ich eine Begegnung, die meinem Leben und der gesamten MC-Geschichte Deutschlands eine nachhaltige Wendung geben sollte! Am 7. Mai 1967 fuhr ich mit einer geliehenen Sachs-Herkules nach Hockenheim zum Großen Preis von Deutschland. Nicht mit dem Club wie sonst, aber mit meiner neuen Freundin Dagmar hinten drauf. Auf dem Rückweg sah ich einen Motorradfahrer mit einer englischen Triumph am Straßenrand stehen, der offensichtlich eine Panne hatte. Ich hielt an, um zu fragen, ob ich ihm helfen könne. Und da stand er: Gene L. Thoms, ein Hüne von einem Mann, Marlon Brando höchstpersönlich – und auch noch ein echter Amerikaner. Ich war hin und weg. Amerika, das war damals das Land meiner Träume, die Verkörperung der Freiheit überhaupt und des angenehmen Lebens. Die Schwestern meines Vaters, die in die USA ausgewandert waren, hatten uns nach dem Krieg schöne Klamotten geschickt, das hatte sich in meinem Kopf festgesetzt.

An Genes Motorrad war die Zündkerze aus dem Zylinderkopf geflogen, das Gewinde war am Arsch. Weil ich mit dem geliehenen Moped unterwegs war, konnte ich nicht sicher sein, ob ich etwas Passendes dabei hatte. Ich schaute aber, um meine Hilfsbereitschaft zu zeigen, das Bordwerkzeug der Sachs-Herkules durch und fand tatsächlich eine Langgewindezündkerze. Die passte mit etwas Nachdruck in den BSA-Zylinderkopf und würde erst mal halten. Weil ich so von ihm fasziniert war, lud ich Gene zu einer Party ein, die abends mit dem MMSC im Apollo stattfinden sollte. Und Gene kam wirklich!

1967, die Begegnung meines Lebens – Gene L. Thoms
1967, die Begegnung meines Lebens – Gene L. Thoms

In kürzester Zeit entwickelte sich eine innige Freundschaft zwischen uns. Er war für mich Vaterfigur, Freund, Vorbild, die Verkörperung eines amerikanischen Bikers schlechthin. Wir waren viel zusammen. Er wurde schnell Mitglied in meinem MMSC und bald Vize-Präsident. Er nahm mich mit in die PX, wo ich meinen ersten Hamburger futterte; ich durfte mit ihm Chevrolet fahren und lernte an seiner Seite den „American Way of Life“ kennen. Ich fing an, Englisch zu lernen und freute mich mehr und mehr, dass ich nun die Texte der Beatles und Stones allmählich verstand, die ich immer nach Lauten mitgeschrieben hatte, um sie möglichst perfekt singen zu können. Das meiste was ich da bisher gesungen hatte, verstand ich eher nur aus dem Bauch heraus.

Neuer Clubkeller 1969

Der alte Clubkeller in der Seckenheimer Straße war uns wegen des ständigen Mopedlärms vorm Haus gekündigt worden. Inzwischen hatte ich einen neuen Kellerraum gefunden, der sich als Clubkeller eignete, in der Innenstadt in den Quadraten, in D 4, 14. Dieses Mal sollte es keine Werkstatt mehr sein, sondern eine Kellerbar mit viel Musik für unsere Dauerpartys. Wir bauten monatelang an dem Keller herum und ich besorgte das ganze Material. Durch meinen neuen Job hatte ich dazu reichlich Gelegenheit. Inzwischen hatte ich nämlich meinen 3er- und 1er-Führerschein gemacht (18.10.66) und einen Job als Fahrer angenommen. Nachts belieferte ich Kioske mit Zeitschriften und Zeitungen. Ich war sehr fix bei der Arbeit. Für dreißig Kioske hatte man zwei, drei Stunden Zeit, dann fuhr man zurück zur Zentrale und lud das Material für die nächste Tour auf. Da ich immer wie ein Geisteskranker fuhr, meisterte ich die Touren um ein, zwei Stunden pro Nacht schneller als meine rund zwanzig Kollegen, was ich dann zum Kurzschlaf nutzte, indem ich mit dem Firmenauto nach Hause fuhr und mich für zwei Stunden in die Koje warf.

Einziges Bild vom Kellerclub in der Innenstadt: rechts meine Freundin Dagmar und links Peter Stemper. Er fuhr Zündapp, deswegen wurde der MMSC kein Kreidler-Club. Die Felsen an der Decke: aus Pappmaschee und Gips
Einziges Bild vom Kellerclub in der Innenstadt: rechts meine Freundin Dagmar und links Peter Stemper. Er fuhr Zündapp, deswegen wurde der MMSC kein Kreidler-Club. Die Felsen an der Decke: aus Pappmaschee und Gips

Die Hüter des Gesetzes drückten oft beide Augen zu, da es die Strategie des Zeitschriftengroßhandels war, auch alle Polizeireviere mit den neuesten Zeitschriften zu beliefern. Bildzeitung, Stern und natürlich auch mit den St. Pauli Nachrichten. Ein Polizist in Mannheim musste doch wissen, was in Hamburg im Rotlichtmilieu los war. Alle Reviere bekamen genau wie die Kioske ein Zeitschriftenpaket; so kam es, dass unsere Flotte zwar selten mit Strafzetteln für das Überfahren roter Ampeln oder für Geschwindigkeitsübertretungen zu tun hatte, dafür aber öfter in schwere Verkehrsunfälle, manchmal mit Todesfolge, verwickelt war. Während meiner 18-monatigen Tätigkeit in diesem Betrieb verlor ein Fahrer sein Leben und ein anderer sein Bein!

Das nächtliche Fahren hatte den Vorteil, dass ich auf Baustellen gut nach Material für unseren Clubraum Ausschau halten konnte und ich hatte den Firmenbus zur Verfügung. So habe ich die ganze Einrichtung für den Clubkeller nachts auf Baustellen zusammengesucht. Unsere Sitzbänke und Tische waren zum Beispiel alle aus Schaltafeln, außerdem nahm ich Steine, Gips und was man noch alles so brauchte mit. Ein kleiner Diebstahlrückfall, man möge mir meinen Enthusiasmus verzeihen: „Alles für den Club“! Es ging die ganze Zeit ums Organisieren: Wo bekommt man was? Es gab noch keine Baumärkte. Später habe ich noch ein Tischfußballspiel gekauft, eine Musikbox und eine Lichtorgel, die buntes und ultraviolettes Licht spendete. An der Decke hatten wir „Felsen“ aus Drahtgeflecht und Papier angebracht und mit Gips beschmiert. Die „Felskronen“ bestrichen wir mit Phosphor, sodass sie schummrig leuchteten, wenn man das Licht ausmachte. Es war wirklich ein richtig geiler Clubkeller. Drei Räume ganz nach unseren Wünschen eingerichtet. Ende 1969 war es dann so weit, wir weihten unser neues Clubhaus ein.

Aus dem MMSC wurde der Lost Sons MC Mannheim MMSC. Gene L. Thoms war Namensgeber und entwarf das Abzeichen
Aus dem MMSC wurde der Lost Sons MC Mannheim MMSC. Gene L. Thoms war Namensgeber und entwarf das Abzeichen

In den Kinos lief der Film „Die wilden Engel“ mit Peter Fonda und Nancy Sinatra, Frank Sinatras Tochter. Der ganze Club ging geschlossen ins Kino. Als wir wieder rauskamen, waren wir gespalten. Die einen, Gene und ich sowieso, standen nun auf einmal auf Rocker, die wir von da ab einfach so nannten. Die anderen wollten lieber auf der Racertour bleiben. Nach zähem Kampf änderten wir unseren Namen und nannten uns nun „Lost Sons MC Mannheim MMSC“. Gene war auf diesen Namen gekommen, denn wir konnten kaum Englisch und wussten vor dieser Namensänderung gar nicht was „Lost Sons“ heißt. Ich hielt es auf jeden Fall für „gefährlich“ und für authentisch, verlorene Söhne waren wir ohnehin. Gene war es auch, der das Abzeichen malte, da er gut zeichnen konnte. Fortan waren wir Rocker! Mittlerweile fuhren wir auch richtige Motorräder, Gene seine Triumph, andere Hondas oder Yamahas und ich meine Horex Regina.

Fips, unterwegs mit „Wilde-Engel-Lenker“

Wilde-Engel-Lenker

In dem Film fuhren die „Rocker“ Motorräder mit ganz hohen Lenkern. So einen musste ich auch unbedingt an meiner Horex haben. Also schaute ich mich ein wenig um, wo man die herbekommen könnte. Im Magura-Katalog (Magura war der führende Hersteller für Motorradlenker und Griffe in dieser Zeit) fand ich die höchsten Lenker: große Gelände­lenkstangen für Seitenwagen-Geländemaschinen. So einen habe ich an meine Horex montiert und mir dann vorgestellt, dass bestimmt auch andere gerne so einen Lenker hätten. Also gab ich mal wieder eine Anzeige in „Das Motorrad“ auf, in der ich die Lenker unter dem Namen „Wilde-Engel-Lenker“ anbot. Die Nachfrage war enorm, ich verkaufte jede Menge Lenker. Daraufhin gründete ich meine erste Firma mit eigenem Briefkopf, aber ohne sie wirklich anzumelden: Motorrad-Brecht. Das ging etwa ein Jahr lang gut, dann wussten wohl alle, wo es die Lenker ursprünglich zu kaufen gab.


Diese und weitere Stories findet ihr in Fips‘ Buch Rocker in Deutschland - die Sechzigerjahre
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