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BIKERS-NEWS-Gründer Fips blickt in den Rückspiegel, schildert seinen Werdegang und erzählt von den frühen Tagen der MC-Szene. Dieses Mal berichtet er davon, wie er nach seiner Zeit im Knast den „Mannheimer Motor Sport Club“ gründet
Durch die unerfreuliche Erfahrung der letzten Monate nun restlos geläutert, nahm ich mir vor, zeitlebens nie mehr mit dem Gesetz in Konflikt zu geraten! Noch im Knast hatte ich mir ganz andere Träume ausgedacht: Ich wollte zusammen mit meiner Clique einen Kreidler-Club gründen. Kaum aus der Haft entlassen, nun wirklich frei und auch frei davon, Arbeit suchen zu müssen, nahm ich mein Vorhaben gleich in Angriff.

Ich erstellte einen Handzettel. Diesen Zettel hängte ich mit meinem Kreidler-Freund Volker zusammen an alle Mopeds, die wir finden konnten, tage- und nächtelang waren wir damit beschäftigt. Der Mühe Lohn waren etwa 50 jugendliche Mopedfahrer, die sich am 16. Mai 1965 auf dem Messplatz einfanden. Ich war überwältigt. Der Beginn einer Ära, die noch in der ganzen Bundesrepublik nachhaltige Veränderungen nach sich ziehen würde. Unsere erste „Stadtrundfahrt“ durch die Mannheimer City erregte richtig Aufsehen. Am folgenden Montag konnte man im Mannheimer Morgen lesen: „Eine große Gruppe Mopeds bewegte sich durch Mannheim.“

Wilde Meute bei der Stadtrundfahrt. Die Tradition der Rundfahrten hat der Bones MC später weitergeführt
Wilde Meute bei der Stadtrundfahrt. Die Tradition der Rundfahrten hat der Bones MC später weitergeführt

Daraus wurde übrigens eine alljährliche Stadtrundfahrt, die sich bis 1982 in jedem Jahr zu jedem Geburtstag seit Clubgründung wiederholte – 17 Jahre lang. Ab 1971 dann mit den Bones Mannheim. Eine Woche nach unserem ersten Treffen und der ersten Stadtrundfahrt trafen wir uns in einem Raum des CVJM. Immerhin kamen noch rund 40 Jungs. Bei der ersten offiziellen Versammlung wieder eine Woche später waren es noch etwa 20 – genug, um nun wirklich einen Club zu gründen. Zu meinem Entsetzen waren auch zwei Zündapp-Fahrer dabei, die Stemper-Brüder, die leider durchsetzten, dass der Club nicht wie von mir geplant Kreidler-Club Mannheim hieß, sondern Mannheimer Motor Sport Club, MMSC.

Das erste Kreidler-Treffen zur Gründung des MMSC 1965
Das erste Kreidler-Treffen zur Gründung des MMSC 1965

Dass ich in meinem Club der „Präsident“ sein würde, war für mich so klar, dass ich mich gar nicht erst habe wählen lassen. Auf dieser ersten offiziellen Versammlung schmiedeten wir schon eine Menge Pläne, wir brauchten vor allem einen eigenen Clubraum, ein großer Keller wäre dafür ideal. Wir machten uns, fürs Erste erfolglos, auf die Suche. Letztendlich setzte ich eine Anzeige in die Tageszeitung: „Lagerraum gesucht, auch Keller.“ Siehe da, es gab jede Menge Angebote. Denn wer ein Lager sucht, der braucht am allerwenigsten einen Keller. So gab es viele leer stehende Keller, die so gut wie nicht zu vermieten waren. Ich setzte mich auf meine Kreidler, klapperte die Adressen ab und hielt dabei Ausschau nach einem Raum, der sich für unsere Zwecke eignete. Den jeweiligen Vermietern erzählte ich immer die gleiche Story: Ein Geschäftsfreund von mir habe ein Lager gesucht, mittlerweile aber schon eines gefunden. Weil er aber wusste, dass ich einen Raum für meinen Mopedclub suchte, habe er mir diese Adresse gegeben.

Irgendwann gelang es mir einen Vermieter davon zu überzeugen, uns seinen Kellerraum in Mannheim in der Seckenheimer Straße 86 als Clubraum zu überlassen. Er verlangte satte 70 Mark im Monat für rund 50 Quadratmeter Kellerraum. Bis dahin hatten wir uns regelmäßig jeden Mittwoch im Sitzungssaal beim CVJM getroffen.

Ich persönlich hatte gleich mal wieder Glück: Kurt Meier, ein reicher Hinterhofschrauber, und sein Freund Heiner Müller als Fahrer, hatten in der 50-ccm-Klasse, es muss 1964 gewesen sein, einige Straßenrennen gewonnen. Als die Konkurrenten witterten, dass da was nicht stimmen konnte, überprüfte man den Motor und stellte fest, dass der Hubraum nicht 50 Kubik, sondern 75 Kubik betrug! Müller wurde der sportliche Erfolg im Nachhinein aberkannt. Die beiden hatten den Zylinder und Kolben eines 75-ccm-Sachsmotors genommen und ihn an den Kreidler-Motor angepasst.

Meier hatte sein technisches Wissen in klingende Münze umgesetzt. Er baute nun 50-ccm-Kreidlermotoren auf 75 Kubik um. So wurde aus einem Kleinkraftrad ein Motorrad. Was äußerlich nicht zu erkennen war, aber das Ding lief dann mit 7,5 PS wirklich schneller als 100 km/h. Keine noch so gut frisierte Kreidler konnte da noch mithalten.

Meiers Geschäft lief sehr gut und er brauchte einen Kreidlerspezialisten, der ich ja auf jeden Fall war. Das war der schönste Job, den ich mir überhaupt vorstellen konnte. So baute ich zusammen mit Meier rund hundert Kreidlermotoren auf 75 Kubik um. Dazu musste ich die Motoren zerlegen, Meier bearbeitete das Gehäuse an der Drehbank, ich baute sie danach wieder zusammen. Ein Traumjob!

Das tat ich etwa ein Jahr lang 1964/1965. Während im Hintergrund immer wieder meine einzigen beiden Beatlesplatten liefen, mit den Titeln „My Bonny“, „Why“, „Slow Down“ und „Roll Over Beethoven“, war ich glücklich und zufrieden. Diese Arbeit dokumentierte ich auch in einer Anleitung: „Wie baue ich ganz legal eine 50-ccm-Kreidler auf 75 Kubik um?“

Fips erinnert sich: „Das war eine sehr schöne Zeit, als ich bei Kurt Meier Kreidler-Motoren von 50 ccm auf 75 ccm umbaute. Rund 80 Motoren in ungefähr einem Jahr. Begleiter waren die Songs der Beatles, „Slow Down“, „Roll Over Beethoven“, „Why“ und „Skinny Minnie“ …Wie man sieht, fühlte ich mich schon ganz wie einer der Beatles, die Lieder, die ich kannte, konnte ich immerhin aus­wendig – wenn ich auch kaum verstand, was ich da sang.“
Fips erinnert sich: „Das war eine sehr schöne Zeit, als ich bei Kurt Meier Kreidler-Motoren von 50 ccm auf 75 ccm umbaute. Rund 80 Motoren in ungefähr einem Jahr. Begleiter waren die Songs der Beatles, „Slow Down“, „Roll Over Beethoven“, „Why“ und „Skinny Minnie“ … Wie man sieht, fühlte ich mich schon ganz wie einer der Beatles, die Lieder, die ich kannte, konnte ich immerhin aus­wendig – wenn ich auch kaum verstand, was ich da sang.“

Das war nämlich erlaubt, wenn man sich die Maschine vom TÜV abnehmen ließ und dann mit 75 Kubik anmeldete. Die zu entrichtenden Versicherungsbeiträge fielen dadurch gewaltig, sodass man so einen Umbau schnell über diese Einsparung wieder hereinbekam. Das Wichtigste aber war, man hatte deutlich mehr Leistung als die anderen und niemand konnte herausfinden, was man denn gemacht hatte. Aber das Glück bei Meier dauerte leider nicht lange. Nach etwa einem Jahr hörte er auf, den Job war ich dann leider auch los.

Ende August gab ich eine Anzeige in der Zeitschrift „Das Motorrad“ auf: Mopedclub MMSC Mannheim sucht Kontakt zu Gleichgesinnten. Ich hoffte, auf diese Weise Kontakt zu anderen Clubs und dadurch möglicherweise Anregungen für unser Clubleben zu bekommen. Es meldeten sich einige Einzelpersonen, sogar aus Österreich und der Schweiz.

Ein Kreidler-Club aus Berlin-Kreuzberg wollte unbedingt mit dem MMSC eng zusammenkommen und die Berliner gründeten so den Mannheimer Motor Sport Club, Zweigstelle Berlin-Kreuzberg. Das war schon so etwas Ähnliches wie die später entstehenden Chapter nach amerikanischem Vorbild, was uns Mannheimern zu der Zeit aber noch völlig unbekannt war. Deshalb waren die Berliner auch nur eine Zweigstelle und nicht etwa ein „Chapter“.

Am 22.12.1965, noch im Gründungsjahr, bezogen wir unsere eigenen Clubräume. In einem Brief an unseren Berliner Ableger beschrieb ich unseren Clubkeller: „Wir richten unseren Clubraum so ein: Ein Raum, der gemütlich sein soll. Mit Sesseln, Tischen, Stühlen und Plattenspieler. Und dann müssen sämtliche Motorradakten in einem Regal untergebracht werden. Das gemütliche Zimmer haben wir durch Rohrmatten vom großen Raum getrennt. Das andere gibt die Werkstatt. Mit Werkbank, Schraubstock und Bohrmaschine. Außerdem sämtliches Werkzeug.“

„Das „gemütliche“ Zimmer richteten wir bald als kleine Kneipe ein. Ein umgelegter Kleiderschrank diente als Theke und von der Eichbaum-Brauerei bekamen wir alte Tische und Stühle. Da wir an chronischem Geldmangel litten und jeden Monat nur mit Mühe die Miete aufbringen konnten, hatten wir unsere „Kneipe“ bald jeden Abend geöffnet: Wir verkauften Getränke, um unseren Clubkeller damit zu finanzieren. Auch mit dem Bensheimer Kreidler-Club gingen wir eine Partnerschaft ein und es gab regen Kontakt und Austausch mit noch einigen anderen Mopedclubs.

Clubleben im MMSC-Keller
Clubleben im MMSC-Keller

Mittlerweile war unser Clubleben richtig in Schwung gekommen. Für Wochenendtreffen liehen wir uns bei großen Industrieunternehmen Werbefilme aus, zum Beispiel über die Funktionsweise eines Zweitaktmotors, über Reifenproduktion oder über Motorradrennen, oder luden Techniker ein, die Vorträge über Motorräder hielten. Oft waren auch die befreundeten Clubs aus der Nähe, Bensheim, Zwingenberg, Heppenheim und Lorsch, bei solchen Gelegenheiten unsere Gäste.

Vielleicht kann man sich heute bei dem Überfluss an Informationen nicht mehr vorstellen, dass die damaligen Mopedfahrer ehrfürchtig im CVJM-Kino saßen und sich technische Filme ansahen. So etwas zu haben, war eine Ausnahme und sehr aufwendig und es gab damals nichts Besseres, daher auch der rege Zuspruch.

Ich besaß inzwischen rund vierzig Singles, fünf LPs und einen Plattenspieler, in den ein krächzender Lautsprecher eingebaut war. Neben dem Plattenspieler hatte ich noch ein schon damals altes Grundig-Tonbandgerät. Wenn wir eine Party feierten, dann war ich Wirt, Vorstand, „Discjockey“ – alles in einem. An dem Tonband befand sich ein Mikrofon, durch das man direkt sprechen konnte. Weil es immer so lange dauerte, bis ich die nächste Platte aufgelegt hatte, fing ich irgendwann einfach an, durchs Mikrofon zu quasseln, um die Leute bei Laune zu halten. Ich war zum Discjockey mutiert, ohne diesen Begriff überhaupt zu kennen. Dieser Umstand sollte mein Leben noch in entscheidende Bahnen lenken.

Diese paar Schallplatten waren völlig ausreichend, damit war man sogar weit vorne, um es ein ganzes Wochenende durchgehend krachen zu lassen. Mein Repertoire bestand aus damaligen Hits wie „Sound Of Silence“, „House Of The Rising Sun“, „The Sun Ain’t Gonna Shine Anymore“ von den Walker Brothers, „Eve Of Destruction“ von Barry McGuire. Natürlich auch die bis dahin erschienenen Songs von den Beatles, Rolling Stones, Kinks, Hollies und von Eric Burdon and The Animals.

Der Club entwickelte sich prächtig und immer weiter. Wir beschäftigten uns damit, unsere Maschinen auseinanderzubauen und zu frisieren, wir fuhren auf jedes Straßenrennen und waren Fans von Hans Georg Anscheidt, der Weltrekorde auf Kreidler fuhr.

Wir bauten eine Gipsform für eine Rennverkleidung, die wir aus Polyesterharz und faserverstärktem Kunststoff herstellten. Nur eine einzige Rennverkleidung kam am Ende dabei heraus. Bald brauchte sie keiner mehr, weil immer mehr 18 wurden und den Führerschein Klasse 1 machen konnten.

Sofern Fips sich nicht aktuellem Geschehen widmet, lest ihr in der nächsten Folge unter anderem, wie er mit Frisieranleitungen Geld verdiente, unter akutem Liebeskummer einen Unfall baute und erst nach vier Tagen im Krankenhaus wieder aufwachte.
 

Günther Brecht aka „Fips“ hat vor über 35 Jahren die BIKERS NEWS ins Leben gerufen und ist Besitzer unseres Verlags – ein paar Buchprojekte hat er mittlerweile auch umgesetzt. Der hier abgedruckte Text ist ein Auszug aus dem ersten Teil seines autobiografischen Rückblicks „Rocker in Deutschland – die 60er Jahre.“

Alle Titel erhaltet ihr hier: www.szeneshop.com

Auch veröffentlicht in BIKERS NEWS 12/2017
 
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