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In meiner Werkstatt steht ein vergessenes Motorrad. Ein Kumpel hat es stehen lassen. Eines Tages hat er sich eine eigene Werkstatt eingerichtet und konnte endlich bei mir ausziehen
Bis dahin logierte er viele Jahre als Gastschrauber in meinen Räumen, was irgendwie auch ganz schön war. Das Motorrad aus seinen jungen Jahren steht aber noch immer bei mir. Er kann damit nichts mehr anfangen, denn seitdem er dafür zu dick geworden ist, fährt er Harley. Beim nunmehr vergessenen Motorrad handelt es sich um eine Honda XL 250 von 1971. Ein Scrambler.

Wenige Jahre nach dem Scrambler wurde die Enduro erfunden. Danach kam die Reise-Enduro, eine Gattung, die allein wegen ihres grottigen Namens („Reise-Enduro“!) verboten gehört. Aber jetzt lande ich schon wieder bei der GS von BMW, also schnell zurück zum Thema.

Heute gräbt man im Zuge von Retro und Retro-Retro die Gattungen alle wieder aus. Sagenhaft, was die Hersteller jenseits von Harley und Indian sich so einfallen lassen – als müssten sie das Rad neu erfinden. Es fing an mit den Cafe Racern. Seit den Neunzigerjahren scheint dieser Begriff irgendwie zu ziehen. Er ist eine Neuaufnahme der Ace-Cafe-Kultur aus dem London der frühen Sechziger, was offensichtlich lange genug zurückliegt.

Nach nunmehr bald zwei Jahrzehnten sind die Cafe Racer noch immer nicht tot. Das ist eigentlich bemerkenswert, wo der Streetfighter es doch keine zehn Jahre geschafft hat. Es beweist, dass ein Trend länger zieht, wenn er retro ist.

Der kleine Scrambler wurde in Ahlsdorfs Werkstatt vergessen. Bitte nicht abholen!
Der kleine Scrambler wurde in Ahlsdorfs Werkstatt vergessen. Bitte nicht abholen!

Nun, nach diesen zwanzig Jahren, ist der Cafe Racer also noch nicht tot, er riecht aber schon sehr streng. Und so zogen die nächsten Hersteller mit dem Scrambler nach. Frische Luft sozusagen. Dabei wurde diese Luft doch nur einmal durch den Mief-Quirl gezogen. Um einen weiteren Hauch drüberzustreichen, kam Yamaha vor Kurzem mit dem Tracker. Im Feuerwerk der erfundenen Stile heißen die Dinger dann manchmal auch „Crossover-Tracker“ oder „Hybrid-Scrambler“.

Ob eines Tages auch mal das gute alte „Tourenmotorrad“ wiederkommt? Oder die „Enduro“? Oder, gar nicht auszudenken, die „Reise-Enduro“? Die längst zum Himmel stinkende GS von BMW würde dann womöglich ein Revival feiern, obwohl sie doch nie verschwunden war.

Ich darf zwischendurch auch mal in die Stuben meiner Nachbarredaktionen reinschauen. Die Wichtigkeit, mit der dort die Cafe Racer, Scrambler und Tracker in die Welt hinausposaunt werden, gibt einem wirklich das Gefühl, was verpasst zu haben. So funktioniert Marketing. Immer und immer wieder werden alte Säue durchs gleiche Dorf getrieben. Ganz normale Motorräder im fadenscheinigen Gewand des jeweils aktuellen Trends. Auch „Bobber“ sind drunter. Okay, ihre Technik ist neu, das Schlimme an diesen alten Säuen ist deshalb: Sie fahren sich perfekt. Alle. Weshalb ich sie längst nicht mehr unterscheiden kann.

Meine Güte, was bin ich froh, dass in unserer Szene der dicken alten Männer so wenig passiert. Im neuen Jahrtausend hatten wir gerade mal den Bagger, der im weiteren Sinne eigentlich (hähä!) ein Tourenmotorrad ist.

Einmal im Jahr, zu meinem Geburtstag, schmeißen wir diese Honda XL 250 von 1971 übrigens an. Wenn das nach drei Bieren im dichten Qualm über einer dicken Benzinpfütze irgendwie geklappt hat, freuen wir uns. Und dann vergessen wir sie wieder. Meine Kollegen aus den Nachbarredaktionen dürfen das leider nicht.     «

Zuerst veröffentlicht in BIKERS NEWS 12/2017
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