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Seit 2008 gibt es den Gremium MC auch in Venezuela – obwohl das Land in einer Dauerkrise steckt, ist dort ein aktives Clubleben möglich. Wer sich in Europa ein Bild vom Gremium MC in Venezuela machen will, sucht erst mal im Netz. Doch das führt zu nichts: Der Club hat zwar eine offizielle Website, doch die ist häufig nicht erreichbar – höchstwahrscheinlich eine weitere Folge der Krise, in der das Land schon seit Jahren steckt.
Wer sich in Europa ein Bild vom Gremium MC in Venezuela machen will, sucht erst mal im Netz. Doch das führt zu nichts: Der Club hat zwar eine offizielle Website, doch die ist häufig nicht erreichbar – höchstwahrscheinlich eine weitere Folge der Krise, in der das Land schon seit Jahren steckt.



Anfang 2019 spitzte sich die Lage erneut zu, als die zweite Amtszeit von Präsident Nicolás Maduro eingeläutet und damit klar wurde, dass wieder keine Besserung zu erwarten ist. Vor zwanzig Jahren war Venezuela noch so etwas wie „die Schweiz von Südamerika“. In einem Land mit einem der größten Öl- und Gasvorkommen der Welt sollte es den Bürgern eigentlich gut gehen, doch das Gegenteil ist der Fall: Die Menschen hungern und es gibt so gut wie keine Medikamente. Nachdem im letzten Jahr fünf Nullen auf den Scheinen gestrichen wurden, sind die normalen Bürger am Limit angekommen. Es gibt nur wenige, die mit harten US-Dollars alles kaufen können. Die Mehrheit hat das Ersparte aufgebracht und ist nur noch damit beschäftigt, über die Runden zu kommen.

Die Proteste gegen die umstrittene zweite Amtszeit des Präsidenten trieben im ganzen Land Hunderttausende, wenn nicht Millionen auf die Straße. Während die EU, die USA und einige südamerikanische Länder den neuen Interimspräsidenten Juan Guaido unterstützen, sind Polizei und Militär auf der Seite Maduros. Sie griffen rücksichtslos gegen jede Art von Demonstration mit aller Gewalt durch, das Resultat waren viele Tote und noch mehr Verletzte. Große Teile der Bevölkerung sind nach Jahren sozialistischer Misswirtschaft verarmt und müssen jeden Tag um ihr Überleben kämpfen. Während selbst Nahrungsmittel für breite Bevölkerungsschichten auf dem regulären Markt kaum noch vorhanden, geschweige denn erschwinglich sind, kostet eine Tankfüllung so gut wie nichts. Das liegt nicht nur an den politisch festgesetzten Preisen, sondern auch an den Wirtschaftsembargos und der Hyperinflation – in keinem anderen Land ist sie auch nur annähernd so groß wie in Venezuela. Wechselgeld bekommt an den Tankstellen deswegen niemand mehr: Es gebe gar keine Scheine für diese Kleinstbeträge, geschweige denn Münzen.



Auf den ersten Blick wäre das spottbillige Benzin ein guter Grund, in Venezuela einen Motorradclub zu gründen – doch es sprechen mehr Gründe dagegen: Die Armut natürlich, aber auch die autoritären Methoden des Maduro-Systems. Dennoch besteht der Gremium MC seit mittlerweile elf Jahren im nördlichsten Land Südamerikas. Alles begann im Jahr 2008. Damals kam der erste Kontakt mit einer Gruppe venezolanischer Biker über Fabio zustande, einem gebürtigen Italiener und Gremium-Member, der in Venezuela lebte. Gemeinsam mit dem Patenchapter Konstanz um President Armin wurde kurze Zeit später das erste venezolanische Probe-Chapter in der Hauptstadt Caracas gegründet. Wie alle anderen mussten auch die Venezolaner eine Prospect-Phase durchlaufen. In dieser Zeit statteten deutsche Gremium-Member den Anwärtern immer wieder Besuche ab und begleiteten sie auf ihrem Weg. Doch die Venezolaner kamen und kommen auch regelmäßig nach Europa. Das ist nicht einfach, denn teure Tickets sind nur eines der Probleme, müssen sie doch auch die nötigen Papiere vorweisen, um das Land verlassen und in Europa ein reisen zu können – einen Ausweis zu beantragen und schließlich auch zu erhalten, dauert in Venezuela schon mal ein Jahr oder länger. Trotz dieser Hindernisse wurde Caracas 2010 schließlich in den Status eines vollwertigen Chapters erhoben.

Seitdem wächst und gedeiht die schwarz-weiße Familie an der Karibikküste: Mit „Caracas East“, „Merida“, „Barquisimeto“ und „Carabobo“ sind bereits vier Chapter dazugekommen, zwei weitere, „Isla Margarita“ und „Barinas“, befinden sich derzeit in der Prospect-Phase. Im Januar 2019 machten sich einige Member des Gremium MC Germany auf den Weg nach Venezuela, um den dortigen Brüdern die Ehre zu erweisen und das elfjährige Bestehen des Clubs in Südamerika zu feiern. Natürlich fliegt man nicht mit leeren Händen in so ein Land. Die Deutschen versuchten, die Brüder und deren Familien mit Medikamenten, Hilfsmitteln, Kinderspielzeug, Süßigkeiten und nicht zuletzt mit Club­utensilien zu unterstützen. Jeder einzelne hatte einen Teil dessen im Gepäck, was im Vorfeld über Monate gesammelt worden war. Die Spenden wurden einer Rot-Kreuz-Station vor Ort übergeben. So konnte nicht nur Clubbrüdern, sondern auch Menschen aus dem Armenviertel und Obdachlosen geholfen werden.

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Die offiziellen Feierlichkeiten fanden in Tucacas statt und so ging es zunächst von Caracas aus mit dem Bus rund dreihundert Kilometer durch das wunderschöne Land. Auch das neue Probe-Chapter Mexico machte sich auf den Weg, um an diesem Abend seinen Einstand zu feiern. Auch wenn eine große Distanz zwischen den beiden Ländern liegt, kannten sich viele deutsche und venezolanische Member bereits von vorherigen Treffen. Die Stimmung war gut, man verständigte sich mit einer Mischung aus Englisch und Spanisch und einer guten Portion Händen und Füßen. Nur auf den offiziellen Clubsitzungen wurde von Member Carim gedolmetscht, damit es nicht zu Missverständnissen kommt. Carim vom Chapter Singen hat zwei Jahre in Caracas gelebt und die Brüder zusammen mit seinem Chapter in Deutschland unterstützt. In diesen zwei Jahren ging er mit Daniel (President Caracas) und seinen Jungs durch dick und dünn, sodass man sagen kann, dass er heute nicht nur in Singen, sondern auch in Caracas vollwertiges Mitglied ist. Auch die Chapter Karlsruhe, Mannheim West, Mannheim City, Pforzheim, Speyer, Nomads North West, Vechta, Moers und HW vom Chapter Neunkirchen dürfen nicht unerwähnt bleiben, denn auch sie waren stellvertretend für den deutschen Gremium MC vor Ort.

Obwohl man eine Bruderschaft unter einem gemeinsamen Colour lebt, ist das Leben der Gremium-Mitglieder in Venezuela natürlich anders als in Deutschland. So verbringen die Member in Venezuela mehr Zeit miteinander und das Club­leben ist familiärer, nicht zuletzt wegen der Wirtschaftskrise; Frauen und Kinder sind ebenfalls häufig mit dabei. Während das Clubleben hierzulande natürlich in der Freizeit stattfindet, sind die Venezolaner fast jeden Tag zusammen. Die Not schweißt die Member noch enger zusammen und sie versuchen, durch ihren Zusammenhalt für den Club zu leben. Wer kein Geld oder keine Arbeit hat, wird von den anderen unterstützt. Sitzt man gemeinsam in der Runde, teilt man selbstverständlich Essen und Getränke. Im christlichen Südamerika hilft man sich und denkt auch an jene, die wenig oder nichts haben – und das ist doch, was Kameradschaft, Freundschaft und Bruderschaft bedeuten sollten.



Während deutsche Biker in der Regel die nächste Werkstatt besuchen, wenn es Probleme gibt, wird in Venezuela selbst geschraubt. Das müssen die Südamerikaner auch, denn wie auf Kuba hat der sozialistische Umschwung das Straßenbild auch in Venezuela konserviert: Wer nicht zur Oberschicht gehört, fährt Autos und Motorräder aus den Neunzigern; die Venezolaner hegen und pflegen ihre Gefährte und müssen in Ermangelung von Ersatzteilen Improvisationstalent und handwerkliches Geschick an den Tag legen. Neuwagen sieht man selten. Das beeindruckt und berührt die deutschen Brüder natürlich, die es genauso machen würden – wenn die liebe Arbeit nicht wäre. Tauschen möchte trotzdem keiner.

Auch wenn die Venezolaner gelernt haben, mit diesen widrigen Umständen zu leben, hoffen sie und ihre deutschen Brüder vor allem eines: Dass die Not und Gewalt in Venezuela bald ein Ende haben.
 
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