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Auf Kuba gibt es eine lebendige Gemeinde von Harley-Fans – doch auch die hat mit der Stagnation im Paradies zu kämpfen
Der Russe Oleg trifft es auf den Punkt: „Es geht nicht weiter, ich stecke im Paradies fest!“ Er ist während seiner vierjährigen Weltumrundung mit dem Bike ausgerechnet auf Kuba gestrandet: Ansteckung mit Zika, Krankenhaus in Santiago de Cuba. Medizin statt Rum, trübe Funzeln statt Sonne satt, strenge Krankenschwestern statt Chicas.

Nun, der Russe hat es im Gegensatz zu den kubanischen Motorradbrüdern gut: Er kann die Insel irgendwann wieder verlassen und sich in den USA Richtung Heimat bewegen – auf dem Landweg, immer westwärts. Die Kubaner dagegen resignieren längst und wer kann, emigriert ins Ausland: Zu viele Rückschläge erleidet das Land immer wieder, zu wenig Verbesserung tritt ein. Der avisierte Wandel nach Obamas Charmeoffensive und dem Auftritt der Rolling Stones ist längst Geschichte, das Rad zurückgedreht.

„Vielleicht gehe ich in die USA. Ich plane das schon länger“, sagt Jorge (Name geändert), Mitglied in der LAMA (Latin American Motorcycle Association) in Santiago de Cuba. Sein Chapter richtete im März die National Rally aus, zu der neben den sieben kubanischen Abteilungen der LAMA auch viele Gäste aus den USA und ganz Südamerika sowie auch aus Europa anreisten. Vier Mitglieder hat das Chapter im Osten Kubas in den letzten zwei Jahren verloren – alle sind ins Ausland gegangen. Geredet wird darüber kaum öffentlich. Es ist zu gefährlich. Noch immer wird gespitzelt und observiert. Jeder weiß alles über jeden – so ist der sozialistische Staat aufgebaut.

„Deshalb passiert auch nichts. Alle sind beschäftigt, irgendwie ihr Überleben zu organisieren“, erzählt Ronmel aus Holguín. Er hat zwei Schrotthaufen auf dem Hof stehen, die er liebevoll „meine Babys“ nennt. Die schwarze Harley-Davidson, Baujahr 1948, hat außer dem Rahmen nichts Nennenswertes mehr zu bieten. Totalschaden. Die rote BSA ist kaum besser: „Mucho trabajo“, seufzt Ronmel, „viel Arbeit“. Daneben stehen die Überreste einer zerstörten MZ TS 250. Ein Unfall seines Cousins, der einem betrunkenen Busfahrer begegnete: „Ein Bein ist ab – ein Wunder, dass er noch lebt.“ Motorradfahren in Kuba hat nicht nur romantische Seiten. Zum Abschied trinken wir einen Rum, Ronmel sinniert: „Ich weiß nicht, ob uns der ständige Mangel intelligenter oder dümmer macht. Ich kann es nicht sagen.“ Er grinst und macht sich wieder an die Arbeit. Die Bikes warten.

Weiter geht es über die Insel, Besuche in Camagüey beim 72-jährigen Paco, der immer noch selbst fährt, und in Santa Clara bei Servando stehen an. Letzterer ist mit einer 1936er Flathead VLC, der ältesten Harley Kubas, unterwegs. Freunde aus Dresden haben Reifen mitgebracht, Elizier aus Santa Clara ist happy: „Unfassbar, ich versuche schon so lange, einen Reifen zu organisieren, aber immer vergebens!“ Die Dinger, mit denen er auf seiner 47er-Knucklehead spazieren fährt, verdienen den Namen „Reifen“ schon lange nicht mehr. Wir entspannen in seiner Garage und er erzählt von seinem neuesten Projekt. In einem Anbau seines Hauses will er eine Art Clubhaus für sich und seine Harley-Freunde einrichten. So viel Enthusiasmus inmitten von Mangel und Planwirtschaft – Gott erhalt’s, denke ich, und gebe Gas, denn nun wartet Havanna.

In der quirligen Hauptstadt hat sich auf den ersten Blick nicht viel verändert. Rußschwaden durch die Massen an Oldtimern, viele Touristen, viel Polizei. Natürlich gibt es jetzt die Kreuzfahrtschiffe, schöne (und teure) Restaurants – und es gibt mehr geführte Motorradtouren. Ernesto Guevara, der Sohn des legendären „Che“, darf als einziger Kubaner eine solche Firma betreiben. Eine argentinische Millionärin hat zwölf Harleys finanziert, der kleine „Che“ betreibt die Geschäfte. Wer genug Geld hat, kann eine geführte Tour über die Insel unternehmen, die exklusive Führung inbegriffen. Aber auch zwei deutschsprachige Unternehmen bieten geführte Motorradtouren an – die Österreicher von „Edelweiss“ auf BMW, Triumph und Harley, die Dresdener von „East Ride“ bieten sogar die Möglichkeit, das eigene Bike per Container nach Kuba zu verschiffen. In diesem Jahr besteht die Reise­­gruppe aus einigen HOG-Membern von Müritz-Chapter, Green-Hill-Chapter und Elbe-Börde-Chapter sowie einigen Freebikern. Nach der Ankunft versammeln sich alle in der „Fábrica de Arte Cubano“, dem zurzeit angesagtesten Treff in Havanna. Es spielt David Blanco, berühmtester Rockstar Kubas und Harlista. Seine schwarze 58er Panhead steht draußen auf der Straße, wo sich die Leute in langen Reihen angestellt haben, um seinen Auftritt zu sehen. Um herzukommen, musste er die Maschine anschieben: „Die Batterie ist wieder im Eimer“, seufzt er. Da hilft auch der Starbonus nichts, Batterien sind auf Kuba nur mit Gold aufzuwiegen.

Besuch bei Mario „Carpintero“, dem Tischler mit eigener Werkstatt nahe des Capitols im Zentrum Havannas. Ein schriller Vogel, immer gut gelaunt und eine Dose Bier am Hals. Er ist einer der vielen Selbstständigen, die die Regierung seit einigen Jahren duldet. Mit einigen Angestellten baut er Möbel, repariert Fenster und deckt so einen kleinen Teil des Bedarfs. Am liebsten aber bollert er auf seiner 1950er Panhead durch Havannas Straßen und schaut den heißen Chicas hinterher. Heute präpariert sich Mario für den diesjährigen Run nach Varadero, wo zum siebten Mal die „Nacional Rally“ stattfindet. Er tauscht die Zündkerzen, hat Öl gewechselt und schraubt hier und da herum, wie um sicherzustellen, dass sein altes Bike ihn diesmal auch wirklich zum Ort des Geschehens bringt. Im letzten Jahr benötigte er fast den ganzen Tag für die 130 Kilometer, diverse Probleme hielten ihn auf. Wir verabreden uns für Freitag an der „Rotonda de Guanabacoa“, wo sich die Harlistas an der Tankstelle zur Abfahrt nach Varadero treffen.

Fünfzehn Bikes warten auf die Abfahrt, als Mario endlich eintrifft. Er hat den Rum vergessen und musste noch mal umkehren. Künstler­pech … Dann startet die wilde Meute, alles geht gemächlich zu, mit siebzig bis achtzig Sachen rollen die betagten Gefährte gen Varadero. Weit auseinandergezogen ist die Kolonne, fast jeder hier muss unterwegs anhalten und irgendein Problemchen an seinem Oldtimer lösen – normal, aber umso heftiger fällt der Willkommensabend in einer kleinen Bar aus, in der die Kubaner fast unter sich sind. Genau an der Einfallsstraße gelegen, werden alle ankommenden Harlistas mit einem lauten Hallo begrüßt. Die meisten biegen ab und kommen auf ein Begrüßungsbierchen heran.

So auch Michael aus Sangerhausen, der allerdings im kubanischen Cienfuegos lebt und sich die alljährliche Party natürlich nicht entgehen lässt. Zwei „Cristal“ später donnert der 72-jährige Paco nebst Gefolge herein. Der alte Mann hat die weiteste Anreise aus dem fünfhundert Kilometer entfernten Camagüey. Der Abend wird lang, Rum und Bier fließen in Strömen.

Am nächsten Tag ballert die Sonne mit 32 Grad auf den Festplatz. Langsam versammeln sich die Harlistas, manche kämpfen mit den Nachwehen der letzten Nacht. An einem Stand verkauft ein Künstler Motorradmodelle, die aus kleinen Zahnrädern, Geldstücken und Resten ausgedienter Computer selbst gefertigt wurden. Ein Kanadier, der in Kuba lebt, bietet Portemonnaies und Gürtel mit Harley-Logo an, in Havanna von seinen Angestellten hergestellt. Hier scheint alles möglich, solange es nicht zu groß wird – dann schreitet der Staat ein. Die kleine Harley-Party indes lässt man in Ruhe, scheinbar stimmt die Mischung aus Folklore und Exotik für die kommunistische Führung. Irgendwann treffen auch die Deutschen ein, die ihr gebuchtes Hotel nicht beziehen durften, weil es überbucht war. Stattdessen mussten sie ganz weit draußen in einem Touristenbunker absteigen. Auch das ist Kuba 2018, die Ressourcen werden rarer, die Dienstleistungen nicht unbedingt besser.

Jetzt steigt der Höhepunkt des Tages, die „Competencias“, die Biker-Wettbewerbe. Wer kann langsamer fahren? Eine 36er Flat­head oder eine Sporty von 2013? Kommt auf den Fahrer an, wie immer. Wer hat die ruhigste Hand und den geschicktesten Beifahrer, der auf dem Sitz liegend Strohhalme in eine Flasche stecken kann? Mit großer Anteilnahme verfolgten die Besucher den Wettstreit, Dutzende Kameras klicken, Hunderte Handys filmen. Als die Hitze nachlässt, treffen sich die Matadoren zum spektakulären Konzert von David Blanco, der es sich nicht nehmen lässt, wie jedes Jahr vor seinen Harlista-Brüdern zu performen. Mit einer Parade durch die Stadt endet das Spektakel am Sonntag, man verabschiedet sich mit einem Versprechen voneinander: „Hasta el próximo año!“ – bis zum nächsten Jahr!    «

 

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