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Back to the roots! Die Jungs eines Biker-Stammtisches wollten einfach mal wieder assige Biker sein, die ungepflegt aussehen und Spaß am gemeinsamen Fahren haben
Zwei Stunden vorher, am gleichen Tag, lief der „Distinguished Gentleman’s Ride“. Eigentlich eine gute Aktion, meinten die Jungs eines kleinen Biker-Stammtischs aus der Rhein-Neckar-Region. Auf dem Distinguished Gentleman’s Ride verkleidet man sich mit Anzug und Krawatte, fährt teure Bikes und sammelt Spenden für die Forschung gegen Prostata-Krebs.
Wie gesagt, eigentlich eine gute Aktion, aber irgendwann waren die Jungs des namenlosen Stammtischs davon genervt. Der Distinguished Gentleman’s Ride war eben doch nur ein Kostümfest, beim ersten Mal ganz lustig, aber auf Dauer so lächerlich wie die unzähligen anderen Kostümfeste, für die gestandene Biker sich als Witzfiguren verkleiden und dann auch noch Teddybärchen an ihre Motorräder schnallen.
Und dann noch diese ewige Spenderei! Keine Biker-Veranstaltung geht mehr über die Bühne, ohne dass auch noch ein Foto von einer Scheckübergabe veröffentlicht werden muss. Als hätten wir es immer und immer wieder nötig, der Welt zu erklären, dass wir eigentlich ganz liebe Menschen sind und keine kleinen Kinder fressen. Könnten wir nicht einfach mal wieder assige Biker sein, die ungepflegt aussehen und Spaß am gemeinsamen Fahren haben?

Die Fahrt führte durch Mannheim, die heimliche Hauptstadt der Unterschichten, von Trinkhalle zu Trinkhalle, durch die finstersten Viertel
Die Fahrt führte durch Mannheim, die heimliche Hauptstadt der Unterschichten, von Trinkhalle zu Trinkhalle, durch die finstersten Viertel

Drei Biere später hatte die Aktion einen Namen: Unterschichten-Run! Er sollte durch Mannheim führen, die heimliche Hauptstadt der Unterschichten, von Trinkhalle zu Trinkhalle, durch die finstersten Viertel. Die Motorräder sollten zum Thema passen, sie mussten erbärmlich sein, von der abgeranzten K 100 bis zum japanischen Softchopper der Achtzigerjahre. Jedes Downgrading brachte weitere Punkte. Und schließlich formulierten die Jungs sogar einen Dresscode: Jogginghose und Bomberjacke mit Brandlöchern, alternativ Cowboystiefel und Fransen.
Der Auftritt stimmte und das größte Hallo brauste auf, als BN-Chefredakteur Tilmann diesen Run in quietschblauer Jogginghose mit mächtigem Arschbottomrocker und dann noch auf einer Suzuki Intruder beehrte – TÜV natürlich abgelaufen.
Die Anwesenheit von Tilmann war kein Zufall, denn BN-Mann Ahlsdorf ist eines der Mitglieder des Stammtisches. So konnten die Stammtischler dem vielbeschäftigten Tilmann sogar ein Interview mit den beiden Initiatoren des Unterschichten-Runs abnötigen, was nach der verabreichten Runde Kümmerlings so ernst zu nehmen war wie die ganze Aktion an sich.

Ahlsdorf, Chris und BN-Chefredakteur Tilmann (v.l.n.r.) beim Kümmerlingen
Ahlsdorf, Chris und BN-Chefredakteur Tilmann (v.l.n.r.) beim Kümmerlingen

Ahlsdorf und Chris, die Initiatoren des Unterschichten-Runs, laden Tilmann zum Interview

Tilmann: Danke erst mal für den Kümmerling! Ist gut für den Magen, sagt ja auch jeder Arzt … Ihr nennt eure Fahrt „Unterschichten-Run“. Wer ist darauf gekommen?

Ahlsdorf: An unserem Stammtisch ist Chris als Erster auf die Idee gekommen. Nun sag doch was, Chris!

Chris: Also der Ahlsdorf hat sich immer über meine Flipflops lustig gemacht …

Ahlsdorf: … die Chris immer trägt, selbst auf dem Motorrad …

Chris: … meine Flipflops hat er „Unter­schichtenschlappen“ genannt. Und dann haben wir früher auch mal am Distin­guished Gentleman’s Ride teilgenommen. Aber irgend­wie war uns das eine zu affige Kasperei, wie die sich da verkleiden. So kam das beides zusammen. Es ist ja eher eine Ausfahrt als ein „Run“. Aber „Run“ klingt cooler – und es ist mit der englischen Bezeichnung leichter als Gegen­entwurf zum Distinguished Gentleman’s Ride zu verstehen.


Tilmann: In Mannheim gibt es mehrere MCs. Die wollen manchmal auch mitreden, wenn jemand aus der Szene einen Run durch ihre Stadt macht. Habt ihr mit den Clubs gesprochen?

Ahlsdorf: Klar, hab ich. Die Vertreter der Clubs wussten nicht mal, was der Distinguished Gentleman’s Ride ist. Das musste ich erst mal erklären. Und dann hab ich auch erklärt, dass dies ein ganz persönlicher Spaß meiner fünf Jungs vom Stammtisch ist, an dem nur zufällig ein Mann von der BIKERS NEWS, und damit ein Mann aus der Rockerszene, teilnimmt. Mit noch ein paar Kumpels sind wir hier ein Dutzend Leute geworden. Mehr sollten es auch nicht werden.


Tilmann: Welchen Sinn hat das dann überhaupt?

Ahlsdorf: Wenn’s um Spaß geht, sollte man nicht nach dem Sinn fragen. Als ehemaliger Aktivist der linken Szene würde ich vielleicht nur eine Botschaft loswerden wollen: Charity und Wohltätigkeiten sind scheiße! Wohltätigkeiten beheben keinen Missstand, sondern sie verlängern ihn. Die Kapitalisten reiben sich die Hände, wenn Gutmenschen für einen Missstand Spenden zusammentragen, an denen der Kapitalismus schuld ist.

Chris: So isses: Wir spenden nix!


Tilmann: Man sollte die Missstände also einfach weiterlaufen lassen? In der Hoffnung, dass sich irgendwann alles radikal zum Besseren ändert? Optimistisch bis naiv, in Wahrheit seid ihr die Gutmenschen! Aber egal – was mir wirklich auf den Sack geht, ist, dass die Trinkhallen alle zu haben! Wo ist sie denn, eure Unterschicht? Alles weggentrifiziert? Ich dachte, ich krieg hier ’ne Currywurst und Pommes aus ranzigem Fett von vorgestern. Und was ich außerdem nicht verstehe: Was ist an Japan-Choppern Unterschicht? Im Gegenteil ist es doch eher so, dass sich das Prekariat lieber verschuldet und von Aldi-Fraß ernährt, als auf Statussymbole wie Benz und Harley zu verzichten!

Ahlsdorf: Das trifft eher auf die Unterschicht der Migranten zu. Ich meine alle diese Türken, die AMG-Benz fahren, aber noch bei Mutti wohnen. Wir aber sind deutsche Unterschicht und stolz darauf.


Tilmann: Trotzdem ersetzt ihr ein Kostümfest durch ein weiteres Kostümfest – und das auch noch auf Kosten anderer. Ihr wollt wirklich niemanden diskriminieren?

Chris: Dem Ahlsdorf haben die Jungs aus der Unterschicht immer die Sandburgen kaputtgetreten. Aber dann hat er studiert. Dann hat er zum Doktor promoviert. Dann war er fünfzehn Jahre lang Chefredakteur. Was soll der gegen Unterschichten haben?

Ahlsdorf: Im Sinne von Nietzsche möchte ich sagen: Wenn es keinen Wettstreit um Rangordnungen gäbe, hätten wir keine menschliche Kultur.

Chris: Wir tun also was Gutes.

Ahlsdorf: Jetzt im Ernst: Die Rockerszene kommt aus der Unterschicht. Und ich bin seit Jahrzehnten in dieser Szene unterwegs und fühle mich dort sauwohl. Diese Aktion richtet sich vor allem gegen politische Korrektheit. Einen Witz hätte ich deshalb auch noch. Also: Die siebzehnjährige Mandy hat zwei Söhne. Beide heißen Kevin. Woran kann man sie unterscheiden?

Tilmann: Am Nachnamen?

Ahlsdorf: An der Hautfarbe!

Zuerst veröffentlicht in BIKERS NEWS 11/2017
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